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"zoomer.de": Vom Scheitern eines Web-2.0-Experiments

Die zoomer-Mannschaft vor einem Jahr.

Beim Nachrichtenportal zoomer.de gehen Ende Februar die Lichter aus. Was vor einem Jahr als Experiment startete, fällt nun der Medienkrise zum Opfer – so sieht es zumindest der Verlag. Doch auch konzeptionell war das Web-Wagnis umstritten. Ein Drama in fünf Akten.

Was er sich wünsche, wenn er einen Wunsch frei hätte für sein Produkt zoomer.de? Chefredakteur Frank Syré musste kurz überlegen, als ihm im Juli 2008 diese Frage in einem Interview gestellt wurde. Die Besucherzahlen seien nicht das Problem, da war er sich sicher. Nur "mehr Ressourcen, mehr Redakteure" wünsche er sich für seine Redaktion. Sein Team sei jung und lerne zwar täglich dazu, "aber ein paar Leute mehr wären da nicht schlecht."

Die paar mehr Leute bekam der Chef nicht. Und die Besucherzahlen waren sehr wohl ein Problem. Das Problem wurde so groß, dass der Holtzbrinck-Verlag schließlich die Reißleine zog und das junge Team vor vollendete Tatsachen stellte. Sieben Monate nach dem Interview war klar: Die Redaktion wird aufgelöst, das Portal eingestellt. Sozialpläne soll es geben, und der Chef hat gekündigt.

Der Verlag sagt, die Finanzkrise habe keine anderen Optionen mehr offen gelassen. Sinkende Werbeeinnahmen führten dazu, dass man sich nun auf das Kerngeschäft konzentrieren müsse. Dennoch stellt sich die Frage, ob zoomer.de jemals profitabel geworden wäre. Denn das Web-2.0-Experiment verlief nicht wie geplant.

Erster Akt: Die große Euphorie

Chefredakteur Frank Syré.

Frank Syré war der Erste, der der Öffentlichkeit am 12. Februar 2008 stolz sein neues Schätzchen präsentierte. "Nachrichten ZweiNull" werde man produzieren: Ein maßgeschneidertes Konzept für die Generation U30 sah vor, dass der Leser künftig die Relevanz der Themen festlegt. Eine einzigartige Verbindung von News und Community sollte den "User in den Mittelpunkt" stellen. Jeder durfte Artikel öffentlich kommentieren, und mit etwas Glück landete die eigene Meinung dann sogar im Nachrichtentext. Dazu gab es jede Menge animierte Fotostrecken und Videoclips im YouTube-Format. Technisch war das Ganze auf dem neuesten Stand.

Über allem stand Herausgeber Ulrich Wickert, der die ersten Besucher mit seiner journalistisch seriösen Aura anlockte und ein eigenes Video-Blog betrieb. In Berlin arbeiteten 40 Redakteure Tür an Tür mit den Kollegen vom Tagesspiegel.
Holtzbrinck hatte mal wieder was gewagt. Der Verlag ist bekannt für seine großen Online-Projekte und hat mit dem millionenschweren Aufkauf von Webportalen wie StudiVZ und MyHammer bereits von sich reden gemacht. An Mut zu Investitionen in unsichere Branchen hat es den Stuttgartern jedenfalls noch nie gemangelt.

zoomer-Homepage (März 2008): Bunt und strukturarm.

Es dauerte nicht lange, bis sich erste Kritiker in der Blogosphäre zu Wort meldeten. Das Portal sei zwar kunterbunt und hip gestylt, aber leider sehr unübersichtlich und noch dazu inhaltlich oberflächlich, tönte es auch von den etablierten Medien. Hämisch wurde allerorts angemerkt, man verstehe nicht den Sinn eines Newsportals, das ohne Navigation und Teasertexte auskomme. Die wenigen positiven Zwischenbemerkungen gingen in der Kritik fast unter: Ja, der User werde wirklich interaktiv eingebunden, und jawohl, es könne mit der Zeit ja noch besser werden.

Zweiter Akt: Die gnadenlose IVW

IVW-Zahlen für zoomer.de aus dem Jahr 2008: Bestenfalls Stagnation.

Bevor es besser werden konnte, wollte man erst einmal die Besucherzahlen abwarten. Als die Ende Mai von der IVW kamen, stellte sich heraus: Es gab pro Tag zwar durchschnittlich 160.000 Nutzer auf der Seite, doch kaum einer blieb dort. Hohe Traffic-Fluktuation heißt das in der Fachsprache – es entwickelte sich anscheinend keine Stammleserschaft. "Das ist für uns ein sehr gutes Ergebnis", sagte Chefredakteur Syré noch im Juli. Schließlich sei man ein "Experimentier-Portal" und verfüge nur über sehr geringes Marketing. Man habe aber, was die Besucherzahlen angehe, die taz bereits hinter sich gelassen. Die taz, wohlgemerkt, refinanziert sich allerdings primär als Zeitung und nicht als Online-Produkt.

Frank Syré gestand ein, die "Usability" des Portals sei "gewöhnungsbedürftig". Seit Monaten hatte es Kritik gehagelt, auf der Internetseite hatte sich aber nur wenig zum Besseren verändert. "Da werden wir in nächster Zeit dran gehen", so der Chefredakteur.

Dritter Akt: Der Relaunch

Mehr Weißräume: zoomer reagierte zu spät auf die Wünsche der User.

In nächster Zeit, ziemlich genau vier Monate später, gab es endlich den lang ersehnten Relaunch. "Aber da war es tatsächlich schon zu spät", bemerkte Peter Neumann, ehemaliger Geschäftsführer von zoomer.de, kürzlich in einem Interview. Neumann bezieht das heute auf die drohende Finanzkrise, deren erste Ausläufer damals die Verlage erreichten.
Die Seite wurde entzerrt, statt Bilderflut gab es jetzt geordnete Vorschautexte. "Viel Weißraum soll dabei helfen, Inhalte schneller zu erfassen", hieß es auf der Website. Heute sagt Neumann über die Vorgängerversion: "Wir haben am Anfang sicher einen Fehler gemacht und die User mit dem völlig neuartigen Design überfordert."

Bemerkenswert ist jedoch, dass der Verlag nach der Aktualisierung der Seite nicht mehr bereit war, sein Marketingvolumen aufzustocken, um die Marke "zoomer" noch bekannter zu machen. Glaubt man Medienberichten, wurde das Marketing stattdessen massiv zurückgefahren. Was dann folgte, lieferte die IVW schwarz auf weiß: Die Zugriffszahlen brachen ein. Den Höhepunkt von Mai konnte das Portal nie mehr erreichen – im Dezember lag man bei knapp 55.000 Besuchern pro Tag. So manch ein Lokalportal, das über Stadtratssitzungen und Karnevalsumzüge berichtet, verzeichnet mehr Besucher.

Multimedialität: Das ARD-Plugin als Motor für mehr Seriosität?

Unterdessen sorgte Urgestein Wickert für einen Coup: Die 100-Sekunden-Version der tagesschau wurde auf die Seite gesetzt – eine vorbildliche Kooperation mit der ARD, die wohl noch mehr Seriosität mit sich bringen sollte. In diese Wochen fiel auch die Auflösung des Holtzbrinck-Projekts watchberlin. Das Hauptstadt-Video-Magazin gehörte zur Online-Trickkiste des Verlags und war mindestens genauso hip wie zoomer.de - nur leider auch ähnlich unprofitabel. Es gebe Probleme mit der Refinanzierung, ließ die Produktionsfirma AVE verlauten. Die Videomacher von watchberlin dürften aber künftig für zoomer.de ihre Filmchen drehen, hieß es.

Vierter Akt: Die "Restrukturierung"

Holtzbrinck-Homepage: "Bündelung" der Online-Abteilungen, Reduzierung des Personals.

Im Dezember schaute die Stuttgarter Verlagsleitung in den bewölkten Wirtschaftshimmel und stellte fest: Da kommt etwas auf uns zu. So wurde kurz vor Weihnachten hinausposaunt, wie man die Online-Aktivitäten künftig "bündeln" werde: Die Redaktionen von Zeit Online, tagesspiegel.de und zoomer.de sollten zusammengelegt, die Stellen im zoomer-Team aber in jedem Fall reduziert werden. Frank Syré sollte künftig nicht mehr die Position des Chefredakteurs, sondern nur noch eine leitende Funktion innehaben. Unterstellt werden sollte er dem neuen Online-Chef Wolfgang Blau, der das Kommando über 75 Redakteure in der Abteilung "Zeit Digital" haben würde. Also alles neu im Web-Ressort von Holtzbrinck.

Ja, man werde die zoomer-Belegschaft lediglich reduzieren und das Projekt weiterführen, versicherte Zeit-Geschäftsführer Rainer Esser noch im Dezember in einem Interview: "Zoomer.de ist im Anzeigenmarkt sehr erfolgreich und hat im Moment viel zu wenig Anzeigenflächen für die große Nachfrage nach der Zielgruppe der 15- bis 30-Jährigen, die Zoomer.de sehr genau erreicht." Auf gut Deutsch heißt das: Wenn es technisch möglich wäre, würden wir ja noch viel mehr Werbung schalten auf unserem Vorzeige-Portal. Und im Übrigen läuft alles bestens.

Fünfter Akt: Der Kahlschlag

Überraschung am 9. Februar: zoomer verabschiedet sich von seinen wenigen Usern.

Frank Syré hatte offenkundig keine Lust, in der künftigen Online-Redaktion nur die zweite Geige zu spielen. Sechs Wochen nach Bekanntwerden der Umbaumaßnahmen bei Holtzbrinck kündigte er an, ab März für den Springer-Verlag zu arbeiten.

Elf Tage später war es Syré, der auf seiner Internetseite zoomer.de das Ende des Portals bekanntgab. Etwas überraschend kam das schon angesichts der vorweihnachtlichen Zuversicht. "Leider fehlte uns die Zeit, um die nötige wirtschaftliche Stabilität zu erreichen", heißt es da. Denselben Ton trifft auch die Verlagsleitung: "Der Druck auf den Anzeigenmärkten, der in den letzten Monaten erheblich zugenommen hat, stellt auf absehbare Zeit die ökonomischen Erfolgsaussichten in Frage."

Google-Traffic von zoomer.de: Der Trend zeigt klar nach unten.

Das ist also die Geschichte einer gescheiterten Web-2.0-Idee. So euphorisch, wie sie begonnen hatte, so ernüchternd geht sie zu Ende. Frank Syré findet in seinem Abschiedsschreiben auch Worte für die zahlreichen Kritiker: "Die größten Vorbehalte gegenüber unserem Konzept waren, dass eine offene Diskussion und eine Mitbestimmung der Leser bei der Blattmache zu chaotischen Verhältnissen führen würden." Richtig müsste es heißen: Die größten Vorbehalte waren, dass ein falsches Konzept auf der Nachrichtenseite zu chaotischen Verhältnissen führte.

Sei's drum. Frank Syré hat sein "Experimentier-Portal" jedenfalls nicht geschadet: Er wird stellvertretender Chefredakteur bei bild.de. Und der Holtzbrinck-Verlag behält trotz der zoomer-Blamage das Image eines Online-Pioniers, wie Wolfgang Blau im Dezember feststellte: "Ich finde es herausragend, dass sich die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck Experimente leistet."

Text: Nils Glück
Screenshots (zoomer.de / IVW / Holtzbrinck / Google Trends): Leonie Voss, Nils Glück, techfever (flickr.com)
Foto: Axel Springer AG

Veröffentlicht: 24.02.2009
1 Kommentar
answer #1) Julian87 - 25.12.2009 - 22:17

Zoomer, ich vermisse dich :-(

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