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schwulSein vernetzt

Herr Lautmann, in Onlineforen und auf Internetplattformen findet zunehmend schwules Leben statt. Zehntausende sind hier angemeldet und tauschen sich aus. Ist das Internet zu einer Art Zufluchtsort für Schwule und Lesben geworden?

Rüdiger Lautmann (links) mit Lebenspartner

Rüdiger Lautmann: Mich stört der Begriff "Zuflucht", denn die Homosexuellen sind nicht mehr auf der Flucht. Das Internet ist offen für jedermann und jederfrau und da flüchtet man sich nicht hin. Es ist einfach eine Ressource geworden, die man nutzt, aber kein Rückzugs-, Zufluchts- oder Abwesenheitsort.

Hat das Netz denn einen Parallelweltcharakter für Homosexuelle? Online schwul, im Alltag hetero?

R.L.: Das halte ich für überzogen und in soweit auch für ein Gerücht. Denn alle Leute, die stigmatisiert sind, haben sich immer schon strategisch verhalten, wenn es darum ging, ein Merkmal, dass nicht sichtbar ist, wie etwa Behinderung oder Hautfarbe, öffentlich zu machen. Man setzt seine eigene soziale Abweichung auch ein, um von Gleichgesinnten und Wohlwollenden erkannt zu werden. Bei anderen will man wiederum als normal durchgehen. Das ist insoweit eine seit Jahrhunderten geübte Praktik zumindest bei Homosexuellen. Ansonsten leben alle Menschen in Parallelwelten, der Beruf und die Öffentlichkeit ist etwas anderes als das Familienleben. Das Internet ist vielmehr eine zusätzliche Ausdrucks- und Kommunikationsform für Schwule. Eine Parallelwelt ist dadurch nicht unbedingt geschaffen.

R. Lautmann über das Bewusstwerden der eigenen Homosexualität im Internet (509kb / 32 sec)

Zur Person Rüdiger Lautmann:

Mit seinen ehemals als "Homostudien" bekannten Arbeiten hat Rüdiger Lautmann mit dazu beigetragen, dass Homosexualität in der Soziologie nicht mehr als Krankheit angesehen wird. Als erster Professor in Deutschland untersuchte er das Leben und die Diskriminierung von Homosexuellen. Rüdiger Lautmann ist emeritierter Soziologe an der Universität Bremen. Seit Ende der 70er Jahre interessiert er sich für die Belange schwullesbischen Lebens. Mitte bis Ende der 90er Jahre gab es ein eigenes Forschungsprojekt hierzu an der Uni Bremen. Lautmann, selbst schwul, lebt zusammen mit seinem Lebenspartner in Hamburg.

Rüdiger Lautmanns Website

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Foto: Rüdiger Lautmann, privat

Veröffentlicht: 05.07.2008
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