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"… dann wäre ich jetzt Tatort-Kommissar"

Durch das Fernsehen berühmt zu wer­den – davon träumen nicht nur die Be­werber bei Castingshows, sondern im­mer wieder auch Teilnehmer der Realityshow Big Brother. Christian Möllmann (35) wohnte in der zweiten Staffel für einen Monat in dem Contai­ner voller Kameras und machte sich dort einen Namen als "Nominator". Ei­nen Sprung auf der Karriereleiter er­wartete der Mann, der sich als Schauspieler zu etablieren versucht, nicht. Warum er sich dennoch bei Big Brother beworben hat und warum er glaubt, dass Big Brother seiner Karriere eher geschadet hat, erzählt er Christiane Meister im Interview.

Christian Möllmann - Kandidat der zweiten Big-Brother-Staffel.

Ich treffe Christian Möllmann. Teilnehmer der zweiten Staffel von "Big Brother" und Sänger des Liedes "Es ist geil ein Arsch­loch zu sein". Beides nicht unbedingt Ga­ranten für eine harmonische Begegnung. Eine Sendung "Big Brother" zu nennen, erboste mich schon bei der ersten Staffel, hatte mich doch gerade erst Orwells "1984" tief berührt und gleichzeitig er­schüttert. Als Zlatko, bekannt aus der ersten Staffel, sich öffentlich damit zu schmücken suchte, Einstein und Bach nicht zu kennen, hatten das Format und alle seine Teilnehmer vollends bei mir verlo­ren.

Wider Erwarten machte Christian Möllmann, den die Bild-Zeitung noch während seines Aufenthalts im Con­tainer als "Arsch" bezeichnete, am Telefon einen recht sympathischen und freund­lichen Eindruck. Entsprechend neugierig war ich auf den Menschen, dem ich da begegnen sollte.

Am Bahnhof wartet ein sportlicher, knapp 1,90 Meter großer Mann auf mich, dessen Haut stark gebräunt und dessen Haar blon­diert ist. Auch wenn ich wegen einer Zugverspätung 15 Minuten zu spät zum Treffen komme, begrüßt Christian mich gut gelaunt und öffnet galant die Beifahrertür seines Autos, welches mich an das Batmobil erinnert. Zumindest ist vorne genug Platz für die Beine. Wir fahren in ein Lokal, dass sich Mühe gibt, dem Charme einer Strandbar nachzueifern, was bei dem stürmischen, verregneten Wetter missglückt.

Trotz des nasskalten Wetters setzen wir uns auf die Terrasse, wo es ruhiger ist als im Lokal. Beim Mikrofontest schlüpft Christian in die Rolle des Enter­tainers, die er auf vielen Veranstaltungen einnimmt.

"Wir machen jetzt hier gerade noch eine Probe am Merengue Beach von Barbados. Christiane Meister hat keine Kosten und Mühen gescheut hierher zu fliegen, nach Barbados. Wir trinken gerade Poco-Locos. Mmh.."

Christian, der Nominator, im Originalton. (248kb; 0:10min)

"Ich fand Big Brother langweilig"

Immer unter Beobachtung - überall werden Big-Brother-Kandidaten von Kameras aufgezeichnet.

Zunächst interessiert mich, was einen Menschen dazu bewegen kann, sich über Monate in ein videoüberwachtes Haus sperren zu lassen und dort mit anderen Menschen zu leben.

"Als die erste Staffel lief, hab ich mir den Einzug angeschaut und fand den sehr langweilig. Und da ich mitreden wollte, hab ich’s mir halt angeguckt. Ich fand’s aber langweilig, irgendwelche Leuten zu sehen, die sich da begrüßen, sich die Hände schütteln, ihre Socken in ein Schubladenfach packen und hab mich geärgert, dass ich dafür fett zu Hause auf der Couch sitze. Da dachte ich, da geh ich lieber in eine Kneipe und verbring so mein Leben, als anderen Leuten beim Leben zuzugucken."

Christian fand Big Brother zunächst langweilig. (528kb; 0:22min)

Und wie kam es, dass er dann trotzdem zu Big Brother kam, wenn sein erster Eindruck so negativ war?

"Ich hab zu der Zeit in einer Stunt-Show gearbeitet und jeden Morgen bei der Probe haben alle anderen bei uns im Cast über Big Brother gesprochen. Über Zlatko, über Jürgen, über die unglaublich doofe Manu. Ich wurde dann aber jeden Tag saurer darüber, dass ich bei der Probe nie was zum Erzählen hatte. Wenn ich morgens ankam, ging es schon los. ‚Gestern bei Big Brother - Wahnsinn.’"

Big Brother war bei der Arbeit Gesprächsthema Nummer Eins. (516kb; 0:21min)

Um endlich auch wieder mitreden zu können, begann Christian Big Brother zu gucken.

"Das war dann zu dem Zeitpunkt, als Jürgen und Zlatko in der ersten Staffel nominiert wa­ren. Fand das unglaublich, wie insbeson­dere Zlatko aus allen Wolken fiel, als er nominiert wurde: Da muss man doch checken, wer einem wohlge­sonnen ist und wer nicht. Hab dann am nächsten Tag auf der Arbeit auf dick ge­macht. ‚Hör mal, das ist ja wohl ’n dickes Teil. Wieso merken die das denn nicht?’ Und grad bei der Nominierung, wo man richtig aus der Hüfte kommen kann, weil die Nominierung eigentlich das einzige Instrument ist, bei dem man als Kandidat aktiv an dem Spiel teilnehmen kann. Da hab ich gedacht: ‚Mensch, da müssen die doch anders nominieren, da muss man doch richtig scharf schießen.’ Und dann hab ich gesagt: ‚Ich hätt’ sofort die Checkung und ich würd’ sofort ganz anders nominieren.’ Und dann hieß es dann, wenn das noch mal kommen sollte, könnte ich mich ja be­werben und dann könnte ich so nominie­ren, wie ich will. Das war meine einzige Motivation. Da ging es mir nicht primär ums Geld, mir ging es auch nicht um die­sen gerne genutzten Satz: ‚Ich muss mal an meine Grenzen gehen oder ich muss da mal mehr Erfahrungen machen."

Christian hat die "Checkung". (1,12MB; 0:49min)

"Ey, der Nominator"

„Am besten mit Sonnenbrille für extra cool“, dachte sich Christian und wurde zum Nominator.

Diese Begebenheit nennt Christian dann selbst die Geburtsstunde des "Nominators" – ein Pseudonym, mit dem er heute, sieben Jahre nach der Staffel, immer noch auf der Straße angesprochen wird. Aber wie kam es zu diesem Namen?

"Es ging um die Idee, dass ich anders nominieren wollte. Hab mir vorher schon überlegt, wie mach ich das. Ich weiß auch nicht, wie ich auf Nominator gekommen bin. Ich fand Nominator ist ’ne coole Ab­leitung von nominieren und hört sich we­sentlich cooler an als der Nominierer. Und an dem Abend hat ich noch die Idee, das muss irgendwie cooler aussehen, das muss irgendwie noch ganz schwarz sein – am besten auch mit ’ner Sonnenbrille für extra cool. Und das sollte für den letzten Idioten ausdrücken: Hier macht mal einer auf extra cool. Und wenn man im Grunde darüber nachdenkt ist das ein Witz. Insge­samt gab es den Nominator glaube ich 6 Minuten 30. Das ist jetzt sieben Jahre her und wenn ich heute durch die Stadt gehe, sagen immer noch Leute: ‚Ey, der Nominator’."

Der Nominator wird geboren. (778kb; 0:33min)

So ist Christian, im Gegensatz zu den meisten anderen Big Brother Teilnehmern, noch nicht gänzlich in Vergessenheit ge­raten. Dabei machen viele gerade deshalb bei Big Brother mit, um bekannter zu wer­den. Selbst die Aussicht auf einen Mode­ratorenjob bei dem Sender 9Live ist für viele eine Berufsoption. Spielte für Christian auch die Aussicht auf mögli­che Berühmtheit eine Rolle? Immerhin arbeitete der ausgebildete Polizist schon länger an einer Karriere als Schauspieler.

"Ich hab da ja nichts geleistet. Ich bin der Meinung, ich bin ein guter Schau­spieler und fänd’s toll, wenn die Leute sa­gen: ‚Man, du bist ein guter Schau­spieler, wie du die und die Rolle gespielt hast.. ich geh kaputt, ist ja riesig.’ Da leis­tet ja jeder, der bei Popstars vortanzt mehr, weil der wirklich was tut. Ich hab nichts anderes gemacht als mich auf der Couch rumzulümmeln, Spaghetti zu essen oder was auch immer. Das war ja keine Leistung."

Big Brother ist keine Leistung.(436kb; 0:18min)

"Irgendwann werde ich eh berühmt"

Christian Möllmann glaubte immer fest daran, eines Tages berühmt zu sein.

Dennoch war die plötzliche Bekanntheit kein Problem für Christian.

"Das Bekanntsein ist da sehr sekundär. Es hat mich aber auch deshalb nicht gestört, weil ich der Meinung war, damit umgehen zu kön­nen und – das hört sich jetzt arrogant an – weil ich der Meinung war, irgendwann komm ich da ohnehin hin. Ich werd’ nicht ewig unbekannt bleiben. Ich dachte irgendwann passiert das sowieso. Und wie das jetzt passiert oder wann ist dann ei­gentlich auch sehr egal."

Christian glaubt, eines Tages berühmt zu werden. (500kb; 0:21min)

Schon kurz nach seinem Auszug aus dem Big-Brother-Haus lernte Christian auch die negativen Seiten seines Ruhmes kennen, mit denen er so nicht gerechnet hatte. Als er noch im Haus war, hatte ihn einige Medien – darunter die auflagen­starke Bild-Zeitung – zum "Arsch" der Nation stilisiert. Als er das mitbekam, fiel er aus allen Wolken.

"Ich hatte im Big Brother Haus ja gar nicht mitbekommen, was hier losging. Die Bild-Zeitung hatte zum Beispiel in der ersten oder in der zweiten Woche meines Big Brother Aufenthaltes geschrieben: ‚Was für ein Arschloch’. Das hatte mich furchtbar geschockt. Ich hatte von mir auch nie das Gefühl, dass ich irgendwas arschmäßiges gemacht hätte, fand mich da nicht unsympathisch, arrogant oder groß­kotzig oder so. Ich hätte nie gedacht, dass da irgendwas Schlimmes draus entsteht."

Auf einmal galt Christian als Arschloch (568kb; 0:24min)

Zugeschlagene Türen

Big Brother, so glaubt Christian, hat seine Karriere aufgehalten.

Doch das Blatt wendete sich kurz nach seinem Auszug – plötzlich feierten ihn genau die Medien als Star, die ihn vorher als Arschloch bezeichnet hatten. Letzten Endes, so erzählt er, war es diese Sprunghaftigkeit, die ihn dazu veranlasste, das Lied "Es ist geil, ein Arschloch zu sein" aufzunehmen. Anfangs gar nicht begeistert von der Idee, eine Platte aufzunehmen, reizte es ihn, mit seinem Image zu spielen.

Mit einer anderen Folge von Big Brother kann er jedoch weniger spielerisch umgehen.

"Bei meiner Karriere hat mir Big Brother glaub ich gar nicht geholfen. Ich hab am Anfang nicht erwartet, dass es mir was bringt, hab aber zumindest nicht erwartet, dass irgendwel­che Türen zugehen. Sind aber. Sind un­heimlich viele. Da bin ich jetzt doch mal so arrogant, dass ich denke, wenn ich die sieben Jahre ganz normal weiter an meiner Karriere gearbeitet hätte, wär ich jetzt vielleicht schauspielerisch weiter. Also jetzt nicht im Können oder den Fähigkeiten dazu, sondern dann wäre ich jetzt vielleicht schon Tatort-Kommissar. So bin ich aber, was das angeht, eigentlich nichts."

Christian träumt von einer Schauspielerkarriere. (700kb; 0:29min)

Eine dieser zugeschlagenen Türe war eine Rolle in der WDR-Serie "Die Anrheiner". Regisseur und Drehbuchautorin waren begeistert und wollten ihn als Schauspieler engagieren. Doch…

"Dann gab es irgendwann ein großes Meeting beim WDR, bei dem ich nicht da­bei war. Dann stand da meine Rolle mit meinem Namen – und dann hat irgendeiner beim WDR gesagt: ‚Ey, hier, den Nomi­nator, den hab ich beim Casting gesehen, der hat das echt gut gespielt, der war su­per.’ Ja – und dann wurden da eben die grauen Eminenzen beim WDR hellhörig und haben gefragt: ‚Wer?’ ‚Ja, der Nomi­nator von Big Brother, den hab ich gese­hen, das hat der gut gemacht.’ Und dann haben die gesagt: ‚Ne, mit Big Brother wollen wir nichts zu tun haben’, und ob­wohl der Vertrag schon bei meinem Mana­gement auf dem Tisch lag, haben die davon Abstand genommen, weil die einfach nie­manden, der bei Big Brother war, dabei haben wollten."

Der WDR wollte Christian nicht. (872kb; 0:37)

Etwas bleibt immer

Am Ende des Interviews steht auf einmal ein kleiner Junge hinter uns – er mag sieben, acht Jahre alt sein – und bit­tet Christian um ein Autogramm. Wenig überrascht, dass ein Junge, der ihn gar nicht bei Big Brother gesehen haben kann, nach einem Autogramm fragt, kritzelt er "Für Fabio" auf eine Autogrammkarte, von denen er einige in der Hosentasche hat. Und auch ich bekomme gleich eine mir gewidmete Autogrammkarte.
Wenig später steht Fabio wieder hinter uns – diesmal mit seinen beiden großen Schwestern, die ebenfalls ein Autogramm wünschen. "Ihr könnt doch gar nicht wis­sen, wer ich bin", sagt Christian und schaut künstlich empört. Wie aus der Pistole meinen beiden Mädchen: "Du bist Christian" – woraufhin sie sofort Auto­gramme ausgehändigt bekommen.

Ein bisschen Berühmtheit bleibt immer.

Text: Christiane Meister, Fotos: flickr.com, RTL2, privat

Veröffentlicht: 05.07.2007
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