Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Zwischen Nähe und Distanz

Jens Weinreich präsentiert das erste Ergebnis des Sportnetzwerkes.

Sind Sportjournalisten mehr als nur Fans, die es über die Absperrung geschafft haben? Jens Weinreich vermisst mehr und mehr die kritische Berichterstattung seiner Berufskollegen. Der Sportjournalist will aufrütteln und initiiert ein Netzwerk.

Dortmund. Marler Medientage im April 2006: Ungeduldig schaut Jens Weinreich, Sportressortleiter der Berliner Zeitung, während einer Diskussion in die Runde. Was er kurz zuvor von Rainer Holzschuh, Chefredakteur des Fußballmagazins Kicker, gehört hatte, ließ ihm keine Ruhe. Holzschuh berichtete von einem redaktionsinternen Gespräch mit seinem Mitarbeiter Thomas Hennecke. Vor der Veröffentlichung von Henneckes Enthüllungsbericht zum Finanzskandal bei Borussia Dortmund wollte der Chefredakteur wissen, ob seine Berichterstattung "unserem Fußball" diene. Erst als der Redakteur bejahte, gab Holzschuh seine Zustimmung zur Publikation des später preisgekrönten Artikels. "Und wenn er gesagt hätte, sie diene nicht ‚unserem Fußball’?", fragt Weinreich provokant. Rainer Holzschuh zögert nicht lange: "Dann wäre die Geschichte bei uns nicht erschienen."

Hätte der Kicker die Enthüllungen als Gefahr für die Reputation des deutschen Fußballs erachtet, wären sie womöglich nie an die Öffentlichkeit gekommen. Der Gegenstand der Berichterstattung wäre dabei über die Grundsätze investigativer Recherche und journalistischer Verantwortung gestellt worden. In anderen Ressorts ein undenkbarer Vorgang.

"Kommunikation statt Konfrontation"

Jens Weinreich mit der WM-Beilage der Berliner Zeitung.

Doch diese Vorgehensweise ist keine Ausnahme im Sportjournalismus. Im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft 2006 beispielsweise äußerte sich Erich Laaser als Präsident des Verbandes Deutscher Sportjournalisten (VDS) mehrfach zur Sportberichterstattung. Mit Forderungen nach "kritischer Solidarität" und "Kommunikation statt Konfrontation" wollte der Sat.1-Kommentator die Kollegen auf seine Linie bringen. Diese Einstellung wirft eine Frage auf: Sind Sportjournalisten doch nur Fans, die es über die Absperrung geschafft haben?

Eine Gruppe von 24 Journalisten um Jens Weinreich hatte genug von der PR-Berichterstattung ihres Berufstandes. Sie gründeten die Interessengemeinschaft Sportnetzwerk und traten geschlossen aus dem VDS aus. In einem offenen Brief an Laaser und Kollegen kritisierten sie, dass das "Abdriften des Sportjournalismus in das reine Unterhaltungsressort" einfach hingenommen werde. Eine Diskussion über die Berufsauffassung werde von der Führung des VDS verhindert. Angelehnt an das von Politikjournalisten gegründete Netzwerk Recherche soll das Sportnetzwerk als Plattform für eine kritische Auseinandersetzung über Qualität im Sportjournalismus dienen.

"Die Reaktionen auf das Sportnetzwerk sind quantitativ und qualitativ besser, als ich erhofft hatte. Sie machen Mut", sagt Jens Weinreich. Das ist nicht übertrieben. Die Medien beurteilen die Gründung des Netzwerks als positiven und überfälligen Schritt. In der Chefetage des Verbandes deutscher Sportjournalisten war man dagegen wenig begeistert. Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung schrieb Erich Laaser in einer E-Mail an seine Vorstandskollegen, die Netzwerker seien "mies, arrogant, unkollegial, anmaßend und unverschämt". Diese Haltung musste der VDS aufgrund der positiven Presseresonanz später allerdings öffentlich korrigieren. Doppelmitgliedschaften in den beiden Organisationen seien "natürlich kein Problem", bei Akkreditierungen entständen keine Nachteile.

Sport und Journalismus

Für Netzwerk-Initiator Jens Weinreich sind die Auseinandersetzungen mit dem Verband jedoch nebensächlich. Die Netzwerker haben andere Ziele: Eines ihrer wichtigsten Projekte ist eine Schriftenreihe zu den Problemen zwischen Sport und Journalismus. Mitte vergangenen Jahres erschien der erste Band mit dem Titel "Korruption im Sport – Mafiose Dribblings, organisiertes Schweigen". Darin berichten 23 Autoren aus neun Ländern über die dunklen Seiten des Massenphänomens Sport.

Kaum ein anderes Buch beleuchtet die Macht- und Finanzstrukturen des Weltsports so detailliert und kritisch wie dieses. In spannenden Geschichten wird zum Beispiel berichtet, wie FIFA-Präsident Joseph Blatter "seine Fußball-Familie" lenkt. Oder warum Ruben Acosta, Präsident des Welt-Volleyball-Verbandes, herrscht wie der "Sonnenkönig", sich am Sport bereichert und trotz Beweisen damit durchkommt. Streckenweise bleibt nicht nur Laien die Spucke weg.

Dennoch kommen Verstrickungen und dunkle Machenschaften nur selten an den Sportfan heran. Sport hat ein einzigartiges Image. Sobald es in Wirtschaft oder Politik zu Unregelmäßigkeiten kommt, stürzt sich die komplette Medienlandschaft auf das Thema. Nicht selten kommt es zu wochenlangen Grundsatzdebatten. Im Sport ist das anders. Jeder mag Sport. Sport ist "Fairplay", "eine Runde Sache" und eine "große, glückliche Familie". Somit halten auch die "Familienmitglieder" ihre schützende Hand über alles, was mit ihrem Sport zu tun hat. Darunter fallen nicht nur Funktionäre, Politiker, Justiz und PR-Agenten, sondern auch Journalisten.

Mehr Distanz zwischen Akteuren und Berichterstattern

Die erste Publikation des Sportnetzwerkes.

Ein Beispiel: Der ehemalige Sportchef des Hessischen Rundfunks, Jürgen Emig, wurde nach Verhaftung wegen Korruptionsverdachtes entlassen. Emig soll zusammen mit der Agentur seiner Ehefrau Gelder des Ressorts abgezweigt haben. Des Weiteren habe er Sendezeit an Vereine und Lobbyisten verkauft und Produkte in seinen Sendungen platziert.

Der Sport ist längst zu einem der größten Wirtschaftszweige mutiert. Dennoch werden Funktionäre oft behandelt wie ehrenamtliche Saubermänner ohne ökonomische Interessen.

Der Sportjournalismus habe die langfristige Aufgabe, wieder eine gesunde Distanz zwischen Akteuren und Berichterstattern herzustellen, betont Jens Weinreich. Journalistische Inhalte und PR-Aktivitäten müssten eine noch deutlichere Trennung erfahren, gerade im Sport. Eine Hauptthese des "Sportnetzwerks" ist nicht umsonst "Distanz statt Nähe".

Text und Fotos: Daniel Klager

[Artikel Drucken]Veröffentlicht: 01.03.2007
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