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Medien Monitor

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DruckenZwischen Kreml und Kritik

Russland hat einen neuen Präsidenten gewählt. Wie haben deutsche und russische Medien über die Wahl berichtet? Diese Frage stellten sich Journalistik-Studierende aus Dortmund und St. Petersburg. Das Projekt leiteten Prof. Günther Rager, Annika Sehl, Michael Schulte und die russische Dozentin Natalja Podschivalova. MeMo stellt die wichtigsten Ergebnisse vor.

Dortmund. Dmitrij Medwedew hat nicht nur die Wahl gewonnen – auch aus der medialen Berichterstattung geht Russlands neuer Präsident als klarer Quotensieger hervor. In Printartikeln kam Medwedew deutlich häufiger vor als seine Konkurrenten, der Nationalist Vladimir Zhirinowski, Kommunisten-Chef Gennadi Sjuganow und Andrej Bogdanow von der Demokratischen Partei Russlands. Und das gilt für deutsche und russische Medien gleichermaßen.
Unterschiede zeigten sich jedoch im Detail: So berichteten deutsche Zeitungen über den Kandidaten Mewedew fast immer zusammen mit dem amtierenden Präsidenten Vladimir Putin.

 

Untersuchte Medien

Zeitungen: Kommersant, Isvestija, Rossisskaja Gazeta, Komsomolskaya Prawda, FAZ, SZ, taz, Bild, WAZ, Zeit, Metro, Moi Rajon, Spb. Vedomosti , Novaja Gazeta, Argumenty i Fakty, Rheinskaja Gazeta.

Zeitschriften: Newsweek , Expert, Spiegel.

TV: Rossiya, ORT, NTV, ARD, ZDF, RTL.

Dagegen nannten russische Blätter den Favoriten in etwa der Hälfte der Fälle mit Putin, in der anderen ohne. "In deutschen Medien wurde Medwedew als Thronfolger Putins präsentiert, wie die Ergebnisse der Printauswertung dokumentieren", sagt Seminarleiterin Annika Sehl. "Das gilt zwar zum Teil auch für russische Medien. Aber in Russland prägte Medwedew die Berichterstattung auch durch sein bisheriges Amt als Vize-Ministerpräsident", so Sehl.

 

Themenspektrum besetzt von Putin

Viele zeitungen sollten ausgewertet werden.

Auch im Fernsehen dominierte Medwedew auf allen Kanälen. Die untersuchten TV-Hauptnachrichten sendeten doppelt bis dreimal so viele Beiträge über Medwedew als über seine Mitbewerber. Zudem waren die Berichte über Medwedew weiter vorne platziert, dagegen wurden über die anderen Kandidaten eher im hinteren Teil einer Sendung berichtet.
Medwedew legte im Wahlkampf seinen thematischen Schwerpunkt auf Soziales, wie die Ergebnisse der Studie verdeutlichen. "Das ist nicht verwunderlich, denn das innen- und außenpolitische Themenspektrum war bereits durch Amtsinhaber Putin besetzt", sagt Prof. Günther Rager.

 

 

Lautsprecher Startet den Datei-DownloadProfessor Günther Rager über seine Erwartungen vom Seminar (0,14 Min; 227Kb. )

 

 

Unterschiedliche Tendenzen

Die Opposition spielte in russischen Medien kaum eine Rolle. Oppositionsführer Garri Kasparow, der wenige Wochen vor der Wahl seine Kandidatur zurückgezogen hatte, tauchte nur in 0,6 Prozent der untersuchten russischen Beiträge (TV und Print) namentlich auf. Dagegen waren es bei den deutschen Medien fast zehn Prozent. "Hier zeigt sich, dass der ehemalige Schachweltmeister Kasparow wegen seiner Bekanntheit vor allem in Deutschland als Gallionsfigur der russischen Opposition wahrgenommen wird", erklärt Seminarleiter Michael Schulte.

 


Bei der Tendenz der Berichterstattung zeigte sich, dass die Hälfte der deutschen Beiträge (TV und Print) ablehnend war. Fast zwei Drittel der russischen Beiträge waren dagegen neutral gehalten. Die Untersuchung war so angelegt, dass nur eindeutige, explizit genannte Wertungen als Lob oder Zustimmung erfasst wurden. Ein Beispiel: Wenn Medwedew eine Schule einweihte und darüber objektiv berichtet wurde, floss dieser Beitrag als neutral in die Studie ein. Ein möglicher Effekt des Themas auf die Tendenz wurde nicht berücksichtigt.

 

 

 

Die Ergebnisse lösten unter den Teilnehmern des Seminars eine lebhafte Diskussion aus. Wichtigste Frage: Wie wird sich Russlands Pressefreiheit entwickeln? "Wir hoffen", sagte ein St. Petersburger Student, "dass irgendwann die Presse in Russland frei wird. Menschen werden sich für wahre Informationen interessieren."


In der gemeinsamen Diskussion lernten die Studierenden beider Länder auch, ihre eigenen Perspektiven zu reflektieren. Während es zum Beispiel für deutsche Studierende außer Frage stand, dass unabhängige und kritische Informationen auf eine Nachfrage beim Leser oder Zuschauer stoßen, konnten die russischen Studierenden dies so nicht bestätigen. Oft seien Lösungen für alltägliche Sorgen wichtiger als das Interesse, sich politisch umfassend zu informieren. Für deutsche Studierende war auch eher überraschend, wie groß nach Auskunft der russischen Studierenden die Zustimmung zu Putin sei.

 

Gleichzeitig betonten die russischen Studierenden, dass die Regierung auf die meisten Journalisten zwar keinen direkten Druck ausübe. Sie verhielten sich aber trotzdem konform, weil es nicht berechenbar sei, wie weit man sich nach vorne wage dürfe. Zudem sei es mit erheblich größerem Aufwand verbunden als in Deutschland, Auskünfte von Behörden zu bekommen. Gelegentlich waren die russischen Studierenden auch überrascht über die einseitige Berichterstattung in deutschen Medien.

 

 

Gemeinsame Ziele

Deutsche und russische Studenten haben viele Medien ausgewertet.

Die Studierenden analysierten TV- und Print-Medien in Deutschland und Russland. Die Stichprobe bestand vorrangig aus Medien, die eine hohe Reichweite aufweisen oder als politisch meinungsbildend gelten. Dabei wurde versucht, die Stichprobe zu parallelisieren, d.h. es kam z.B. in beiden Stichproben ein Nachrichtenmagazin vor, eine Regionalzeitung etc. Die vergleichende Untersuchung erstreckte sich auf den Zeitraum von zwei Wochen, eine Woche vor, eine Woche nach der Wahl. Wurden nur russische Medien betrachtet, gingen drei Wochen vor und eine Woche nach dem Urnengang in die Untersuchung ein.


Das Seminar sollte nicht nur Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Berichterstattung zur Präsidentschaftswahl 2008 herausarbeiten. Ziel war auch, die Studierenen mit der Methode der Inhaltsanalyse vertraut zu machen. Außerdem sollten sie die Datenauswertung mit dem Statistikprogramm SPSS kennen lernen.


Gemeinsame Seminare finden jährlich im Wechsel am Dortmunder Institut für Journalistik oder an der St. Petersburger Journalistik-Fakultät statt. In diesem Jahr wurde das Seminar finanziell unterstützt von RWE Energy mit Sitz in Dortmund und EX, dem Absolventen-Verein des Instituts für Journalistik.

 

 

Text: Annika Sehl, Michael Schulte und Tatjana Beck

Fotos: Aleksandra Ilina; Lisa Griesing

Teaserfoto: Aleksandra Ilina

Erstellt am: 03.05.2008, 16:01 Uhr

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