Zwei Jahrzehnte später...
Die Kinder-Nachrichtensendung logo! feiert ihr 20-jähriges Jubiläum. Damals wie heute stellen sich die Redakteure der kniffligen Aufgabe, "Erwachsenen-Themen" wie die Finanzkrise und das Wahljahr 2009 kindgerecht aufzubereiten. Was bei der journalistischen Arbeit für die Kleinen wichtig ist und wie die Zukunft im virtuellen Studio aussieht, erklärt Markus Mörchen, Leitender Redakteur der Nachrichtensendung, im Gespräch mit Medien Monitor.
Medien Monitor: Was hat 1989 den entscheidenden Impuls für den Start der Sendung gegeben?
Markus Mörchen: Weil Erwachsenennachrichten viele Begriffe benutzten und immer noch benutzen, die Kinder nicht verstehen, entstand vor gut 20 Jahren die Initiative für eine eigene Kindernachrichtensendung. Meine Vorgängerin Susanne Müller entwickelte gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen ein Konzept, das über Hintergründe und Zusammenhänge berichtet und schwierige Themen verständlich erklärt. Vorreiter waren damals die BBC-Sendung "Newsround" in Großbritannien und "Jeugdjournaal" vom niederländischen Sender NOS. Beide Sendungen gibt es auch heute noch.
Gibt es einen Unterschied in der Themenwahl, wenn man die Anfänge 1989 mit heutigen Sendungen vergleicht?
Die Sehgewohnheiten der heutigen Zuschauer sind mit den damaligen Gewohnheiten nicht zu vergleichen. Heute ist die gesamte Medienlandschaft schneller, bunter und vielfältiger geworden – logo! auch. Man sieht das recht gut an den unterschiedlichen logo!-Vorspännen. Für die Themenauswahl stellen wir uns damals wie heute ähnliche Fragen: Welches Thema interessiert Kinder? Was ist heute in den Nachrichten? Was muss erklärt werden?
Markus Mörchen ist seit 2005 Leitender Redakteur der Nachrichtensendung logo!. Nach seinem Studium der Germanistik, Wirtschaftswissenschaften und Angewandten Sprachwissenschaften an der Universität Siegen und der University of Houston begann seine journalistische Karriere. Die Stationen reichen über eine freie Mitarbeit beim WDR-Fernsehen, einem Fernsehvolontariat bei der Deutschen Welle bis hin zur Leitung des ZDF-Kindermagazins "PUR" von 2001 bis 2005.
Anfänglich gab es viele Skeptiker, die meinten, Nachrichten für Kinder würde niemand wollen. Dieses Jahr feiern Sie ihr 20-jähriges Bestehen. Warum hat sich die Sendung so lange gehalten?
Das Feedback der Kinder und auch die Medienforschung zeigen: Kinder wollen wissen, was in der Erwachsenenwelt vor sich geht, und sie wollen mitreden können. Sie sind stolz darauf, eine "eigene" Nachrichtensendung zu haben, die ihnen genau das liefert. logo! ist damit eine unverwechselbare Marke mit starkem Kern. Eine Repräsentativbefragung der ZDF-Medienforschung hat Anfang dieses Jahres ergeben: logo! ist die am stärksten im Bewusstsein der Sechs- bis Zwölfjährigen verankerte Wissenssendung – noch vor der "Sendung mit der Maus" oder "Löwenzahn".
Inwiefern ersetzt logo! elterliche Pflichten?
Oft sitzen Kinder heute alleine vor dem Fernseher. Wir würden uns wünschen, wenn die Eltern wieder einen Teil der Verantwortung zurücknehmen und mit ihren Kindern über die Themen aus den Nachrichten sprechen würden. Denn als Fernsehsendung können wir Hintergründe erklären und Informationen liefern, wir können aber keine Gespräche in den Familien ersetzen.
Mit "Hallo bei logo!" werden die Zuschauer der Nachrichtensendung seit 20 Jahren begrüßt. Angefangen hat alles am 9. Januar 1989, als logo! auf Sendung ging. Seitdem wurden über 6000 Sendungen für die Zielgruppe der Acht- bis Zwölfjährigen ausgestrahlt. Die Inhalte reichen über Berichte zu aktuellen politischen Themen, aber auch sportlichen und gesellschaftlichen Ereignissen bis hin zu Kinderproblemen in aller Welt. Das Maskottchen der Sendung ist ein Zebra, nach dem logo!-Motto "Nachrichten von A bis Zebra". Logo! wird montags bis donnerstags immer um 15:50 Uhr und 19:50 Uhr auf KI.KA ausgestrahlt. Freitags und samstags gibt es jeweils nur eine Sendung, freitags um 15:50 Uhr auf KI.KA und samstags um 8:50 Uhr im ZDF.
Welche Herausforderungen gibt es, wenn man speziell für Kinder journalistisch tätig ist?
Wer für Kinder berichtet, kann sich nicht auf die reine Ereignisberichterstattung beschränken. Wir können in der Regel kein oder nur wenig Wissen voraussetzen. Unsere Aufgabe ist es daher, präzise die jeweiligen Hintergründe und Ursachen zu benennen. Dafür muss bei jedem Thema hinterfragt werden: Wo setzen wir an? Was sind die Fragen, die Kinder haben? Begriffe werden nicht gesetzt. Denn es geht nicht darum zu beschreiben, was passiert ist, sondern zu erklären, warum etwas passiert ist. Um noch verständlicher zu sein, erklären wir ausgewählte Themen mit Unterstützung von Grafiken und Fotos. Bei der Auswahl der Themen achten wir auf eine Mischung, die für Kinder emotional verträglich ist. Bei logo! gibt es nicht nur schlechte, sondern auch gute Nachrichten. Die Berichterstattung für Kinder muss frei von Ironie sein. Die Sprache muss aus einfachen, kurzen Sätzen bestehen, die Bilder sollten eindeutig sein.
Weshalb setzen Sie Kinderreporter ein?
Bestimmte Themen bekommen durch Kinderreporter eine besondere Färbung, weil die Kinder ihre Blickwinkel mit einbringen. Wichtig sind dabei vor allem die Interviews mit den Politikern: Denn die Kinderreporter holen Politiker mit ihren ungewohnten Fragestellungen oft aus der Reserve und fordern Antworten jenseits der einstudierten Floskeln heraus.
Wie bereiten Sie beispielsweise das Wahljahr 2009 auf?
Wir haben das Thema Europawahl in mehreren Beiträgen thematisiert – zum Beispiel in hintergründigen Erklärstücken oder auch einem Kinderreporterinterview mit EU-Kommissionspräsident Barroso. Ein Berichtsschwerpunkt zur Bundestagswahl ist jetzt schon in Vorbereitung: Ab voraussichtlich Mitte August wird es ein Weblog mit vielen Berichten und interaktiven Möglichkeiten unter www.logo.tivi.de geben. Zudem sind auch hier Kinderreporter im Einsatz, um von den Spitzenkandidaten der einzelnen Parteien zu erfahren, welche Pläne sie speziell für Kinder haben. Am Abend der Bundestagswahl berichtet ein logo!extra auch für die Kinder über erste Prognosen und Hochrechnungen.
Welche Leitlinien gibt es, um traurige, grausame oder tragische Themen kindgerecht zu "verpacken"?
Keine schockierenden Bilder bei logo!, die so stark sind, dass sie Angst machen. Das steht über allem anderen. Wenn möglich, sollen die Themen darüber hinaus so aufbereitet werden, dass durch die Erklärungen oder das Aufzeigen von Lösungsansätzen Ängste genommen werden. Bei emotional aufrührenden Themen wie Amokläufen oder Missbrauchsfällen arbeiten wir darüber hinaus mit Psychologen zusammen und bieten Kindern direkte Kommunikationsmöglichkeiten per Mail und über das logo!-Zuschauertelefon an.
Wie gehen Sie mit der Kritik um, dass Sie die Kinder zu früh an die grausame Realität heranführen?
20 Jahre logo! haben gezeigt, dass kindgerechte Informationen mehr emotionale Sicherheit in die Kinderwelt bringen als ängstliches Verschweigen. Je mehr Kinder über ihre Umwelt erfahren, desto besser können sie einordnen, was sie im Alltag hören und sehen. Das wurde insbesondere auch während des Irak-Kriegs, bei der Tsunami-Katastrophe und zuletzt bei dem Amoklauf von Winnenden deutlich, als die Redaktion über tausend E-Mails sowie zahlreiche Anrufe und Briefe erreichten.
Sie werden ja künftig aus dem neuen virtuellen ZDF-Studio, das sich durch animierte Grafiken und 3-dimensionale Darstellungen auszeichnet, senden. Gibt es Schwierigkeiten bei der Umstellung auf das neuartige Design?
Eine Umstellung ist immer eine Herausforderung, die es zu bewältigen gilt. Wir freuen uns bei logo! auf die Veränderungen, denn wir nutzen auch jetzt in der Bluebox schon sehr stark die technischen Möglichkeiten. Da ist das virtuelle Studio eine konsequente Weiterentwicklung, um die Moderationen und Erklärungen visuell noch besser unterstützen zu können. Außerdem bietet der Umzug ins neue Nachrichtenstudio eine optische Anbindung an die ZDF-Nachrichtenfamilie.
Premiere in der Virtualität - zum virtuellen ZDF-Studio
Neues Studio-Design für das Zweite (Medien Monitor vom 01. Juli 2009)
logo! feiert 20. Geburtstag (Medien Monitor vom 25. Juni 2009)
Externe Links
20 Jahre logo! - ein Videobeitrag auf tivi.de
Kindernachrichten? Super Erfindung! - Interview mit Johannes B. Kerner auf zdf.de
Die logo!-Kinderreporter
Text: Raphaela Spranz
Teaserfoto: ZDF/GF Design
Fotos: ZDF/Carmen Sauerbrei, ZDF/Simone Grabs, ZDF/Peter Becker, ZDF/Carmen Sauerbrei




