Michael Kessler
"Zum Glück gibt's Niggemeier!"
Er parodiert auch Florian Silbereisen, Hitler und Stromberg - aber bei "switch reloaded" hat Michael Kessler vor allem die Journalisten-Rollen abonniert. Mit Medien Monitor spricht der 42-Jährige über Fake-Fernsehen, Nachrichten-Desaster und eine Medienrevolution mit Pasta (als Text oder O-Ton).

- Medienkritiker mit mächtiger Reichweite: Schauspieler Michael Kessler.
Medien Monitor: Herr Kessler, mit "switch reloaded" machen Sie Medienkritik. Sind Sie ein Medienjournalist?
Michael Kessler: Nein. Und dass "switch" journalistisch ist, kann man so nicht sagen. Wir sind satirisch unterwegs. Weil so vielen Menschen auf die Nerven geht, was sie im Fernsehen sehen, mögen sie die Parodien. Damit ist unsere Art der Medienkritik automatisch unterhaltsam. Wir machen vielleicht eine etwas intelligentere, differenziertere Art der Unterhaltung als im Fernsehen üblich - aber es ist und bleibt Unterhaltung.
Aber dass Sie kritisch sind, ist Ihnen in Ihrer Arbeit wichtig?
Kritik ist ein Hauptantrieb meiner Arbeit. Ich glaube, dass man am Anfang einer Karriere vieles tun muss, wo man selbst nicht unbedingt hinter steht. Ich kann heute ein bisschen auswählen und versuche immer, Dinge anders zu machen als sie schon 100 Mal zuvor gemacht wurden. Fernsehen funktioniert heute zum Großteil über Geschummel, Castings und Gewinnspiele - und es geht im Grunde um gar nix. Einerseits möchte ich neue Formate schaffen, andererseits machen wir uns bei "switch reloaded" Gedanken über das aktuelle Programm - und machen uns darüber lustig.
Das komplette Interview mit Michael Kessler zu "switch reloaded" und Co. gibt es zum Anhören auf YouTube: Im ersten Teil geht es um Wichtigkeit und aktuellen Stand der Medienkritik. Im zweiten Teil spricht Kessler über des Web 2.0, betont die Wichtigkeit guter Journalistenausbildung - und feiert eine Revolution mit den Zutaten TV, Twitter und Pasta.
Nun umfasst Medienkritik ja viel mehr, als sich darüber lustig zu machen, was im Fernsehen schief läuft. Wie kann, wie sollte man sich Ihrer Meinung nach auf dem Laufenden halten?
Durch Bücher, Zeitungsartikel und Blogs. Man muss etwas die Seite wechseln, weil Medienkritik im Fernsehen relativ dünn gesät ist. "switch" gab es mal in den 90er Jahren, dann gab es eine siebenjährige Pause, von der keiner so richtig verstanden hat: Warum gibt es die jetzt eigentlich? Denn für Satire ist immer Bedarf und sollte immer Raum sein, finde ich. Ab dem Jahr 2000 gab es neben "Kalkofes Mattscheibe" eigentlich nur Stefan Raab, der sich humoristisch auseinandergesetzt hat mit den Medien.
Jetzt gibt es "switch" wieder, und es ist auch plötzlich wieder ein Riesenerfolg. Es dauerte sieben Jahre, bis ein Produzent gesagt hat: Das müssen wir wieder machen! Dann hieß es auch bei ProSieben plötzlich: Stimmt, das müssen wir eigentlich mal wieder machen! (lacht) Dass "switch" abgesetzt wurde, war also, glaube ich, nicht irgendwie gesteuert. Obwohl das Fernsehen ja auch immer bemüht ist, seine Wirkung positiv darzustellen. Wir hauen ja manchmal schon ziemlich drauf und da muss ja auch ProSieben selbst einiges schlucken. Von daher: Klar, kann auch sein, dass das eine Zeit lang irgendwie nicht gewollt war. Aber das weiß ich nicht, das ist Spekulation.
Michael Kessler, geboren 1967 in Wiesbaden, schloss seine Ausbildung an der Westfälischen Schauspielschule Bochum 1992 mit dem Diplom ab.
Im TV ist Kessler nach der Mediensatire "Switch" (1997-2000) nun beim Nachfolger "switch reloaded" (seit 2007) zu sehen, weitere Großprojekte sind "Kesslers Knigge" und "Berliner Nacht-Taxe". Unter anderem spielte er auch in "Pastewka", "Schillerstraße", bei "Axel!" und der "Wochenshow" mit.
Zudem spielt er Theater (zuletzt "Männerhort" mit Christoph Maria Herbst, Bastian Pastewka und Jürgen Tonke) und im Kino ("Nordkurve", "Hui Buh - Das Schlossgespenst", bekanntester Film: "Manta, Manta"). Kessler ist auch Autor, spricht Hörbücher und Radiospots.
Ausgezeichnet wurde er etwa 1992 (Bundesfilmpreis in Gold für "Nordkurve") und 2008 (Deutscher Comedypreis als Bester Schauspieler, Deutscher Comedypreis und Deutscher Fernsehpreis für "switch reloaded").
Der von Kessler geschriebenen und inszenierten Geschlechterkomödie "Mars & Venus" hat der Web-2.0-Freund eine eigene Facebook-Seite spendiert. Eine erschöpfende Vita gibt es hier.
Zum Glück behalten ja nicht nur switch reloaded, Kalkofes Mattscheibe und TV total die Medien im Blick... Aber gegenüber dem NDR-Medienmagazin "Zapp" oder medienjournalistischen Watchblogs wie dem BildBlog haben sie alle eine deutlich größere Reichweite...
Ja, leider. Denn es gibt ja hervorragende Seiten. Wenn ich bei Niggemeier etwas Gutes entdecke, poste ich das auch im Internet und versuche so, Leute darauf hinzuweisen: Guckt Euch das auch mal an! Denn oft steckt ja letztlich viel mehr dahinter: "switch" kann nur eine Oberfläche abdecken. Aber die Mechanismen, die dahinterstecken - das Grauen, das dahintersteckt - können natürlich nur Journalisten zum Beispiel bei "Zapp" wirklich eingehend beleuchten und analysieren. Für die breite Masse funktioniert die Medienkritik aber natürlich - wie vieles andere auch - besser, wenn sie unterhaltsam aufgearbeitet wird.
Schön und gut, dann ist ja für alle etwas dabei. Aber heißt das nicht, dass nur die Info-Elite wirklich Medienkompetenz besitzt?
Ach Gott, Info-Elite... das kann ich so nicht sagen. Ich denke, jeder beschäftigt sich mit dem, wozu er Lust hat. Ich kann niemanden dazu zwingen, sich "Zapp" anzugucken. Es gibt viele Menschen, die sich mit Medien beschäftigen, der eine tut das intensiver und der andere gar nicht. Info-Elite? Ich tue mich immer ein bisschen schwer damit, Menschen in solche Kategorien einzuteilen. Nur weil einer jetzt Niggemeier liest, ist er Info-Elite?! Also, das heißt noch nix, nee.
Drücken wir es anders aus: Hat nicht der Großteil von uns Medienkonsumenten ein Defizit im Umgang mit den Medien, könnten wir Nachhilfe brauchen?
Ja, absolut. Weil die Manipulation durch die Medien so stark ist und die Menschen so stark verändert; gerade auch Kinder und Jugendliche, die davor sitzen und gar nicht wissen, was da auf sie einwirkt. Sogar wir Erwachsenen wissen ja manchmal gar nicht, wie uns beispielsweise Werbung beeinflusst. Von daher ist es sehr wichtig, sich damit kritisch auseinanderzusetzen. Und wir können froh sein, dass es Menschen wie Stefan Niggemeier gibt, die das so intensiv tun und uns vielleicht manchmal auf Gedanken bringen, die wir so gar nicht hatten.
Auch Sie haben ambitionierte Projekte, etwa im Theater. Die meisten verbinden Sie aber doch eher mit Klausi, der im B-Movie "Manta, Manta" in seine Cowboystiefel pinkelte. Im Fernsehen hatten Sie Gastrollen in der Krankenhaus-Schnulze "St. Angela" und bei den Flachwitz-Paraden "Alles Atze" und "Axel!"... Stellt sich da nicht die Frage, ob Sie überhaupt legitimiert dazu sind, Medienkritik zu machen?
Überhaupt nicht! Nein, wieso das denn? Wenn ich mein Leben lang nur Flachwitze machen würde, dann wäre das ein bisschen komisch. Aber das tue ich ja nicht. Ich habe immer gesagt, ich kann bei "Axel" mitspielen, aber ich kann auch den Hamlet spielen. Ich finde, in Deutschland wird man viel zu sehr in irgendwelche Schubladen einsortiert. Da kann ich immer nur dazu auffordern: Guckt einfach mal genau, was die Menschen wirklich alles so tun und machen und bildet dann Euer Urteil.
Wenn ich mein ganzes Leben lang nur irgendwelche blöden Werbespots drehe oder mein ganzes Leben lang nur in einer minderwertigen Fernsehsendung unterwegs bin - klar, dann ist das ein Problem. Aber bei der Mischung, die ich habe, sehe ich überhaupt kein Problem.

- Paraderolle Peter Kloeppel: "Die Kombination von News, die Mischung der Sendung, die Qualität der Berichterstattung – darüber machen wir uns lustig."
Bei "switch reloaded" nehmen Journalisten - im Gegensatz zum ersten "switch" - überproportional viel Raum ein. Warum werden rund 20 Journalisten parodiert, obwohl Nachrichtensprecher und Polit-Talker nur einen Bruchteil des Programms bestreiten? Und ist es nicht bedenklich, dass so viele TV-Journalisten zu solchen Marken geworden sind, dass man sie überhaupt parodieren kann?
Früher war Karl-Heinz Köpcke auch eine Institution als Tagesschau-Sprecher. Aber heute sind Nachrichtensprecher ganz klar zu Marken geworden. Heute gibt es Werbeplakate mit "Mister News" Peter Kloeppel, das hätte es früher nie gegeben. Diese Journalisten sind inzwischen Marken. Die Sender haben sie zu Marken entwickelt, um Publikum an die jeweilige Sendung zu binden: Die Leute gucken "RTL aktuell" wegen Peter Kloeppel - und nicht, weil das Studio so schön aussieht. Da folgen wir, glaube ich, sehr einem amerikanischen Trend. Bei "switch" widmen wir uns diesen Figuren nicht nur, weil sie inzwischen so prominent sind, sondern auch, weil sie sich verändert haben. Ich finde es spannend zu gucken, wie neutral Nachrichtensprecher früher waren - und meiner Meinung nach auch sein müssten. So habe ich das mal gelernt in der Schule, dass ein Journalist objektiv berichten soll, ohne seine eigene Meinung preiszugeben.
Was beobachten Sie stattdessen?
Häufig läuft es so: Nach Anmoderation und Einspieler wird zurück ins Studio geschaltet. Der Nachrichtensprecher guckt vielleicht noch auf den Monitor - und dann kommt oft eine ganz klare Wertung. Da wird dann der Kopf geschüttelt, oder es kommt noch ein kleiner Kommentar... Das sind Punkte, wo wir mit "switch reloaded" ansetzen. Oder bei "RTL aktuell", wo man gerade von Haiti berichtet und im nächsten Moment sagt: Der kleinen so-und-so ist der Schnuller aus dem Mund gefallen. Die Kombination von News, die Mischung der Sendung, die Qualität der Berichterstattung - darüber machen wir uns lustig.
Die Machart gerade der Nachrichtensendungen der Privaten ist zweifellos kritikwürdig. Eine Meinung wird aber auch Claus Kleber oder Steffen Seibert zugestanden. Diese zunehmende Subjektivität der Präsentation wird gern damit verteidigt, dass es ohnehin keine Objektivität geben kann und so lediglich Transparenz entsteht...
Ja, das ist auf fast allen Sendern zu beobachten. Aber da bin ich total altmodisch und konservativ: Will - ich - nicht - haben. Ich will eine Nachricht so objektiv wie möglich einfach nur berichtet bekommen. Denn meine Meinung bilde ich mir dann selber. Ich brauche keinen Nachrichtensprecher, der mir das vorgibt und sagt: "Das war ja gerade ganz mies." Das will ich nicht! Da fängt die Manipulation an. Die hat da aber nichts verloren.
"Zu viele verschließen die Augen vor dem Internet" - im zweiten Teil des MeMo-Interviews spricht Michael Kessler über seine "Opfer" Peter Kloeppel, Günther Jauch und Florian Silbereisen. Er fordert alle Journalisten auf, in Sachen Web 2.0 noch "ihre Hausaufgaben" zu machen - und macht allen Profis Mut.
Auf der nächsten Seite gibt es den zweiten Teil zum Lesen und bei Youtube zum Anhören und Ansehen (Teil 1 und Teil 2).
Interview: Tobias Jochheim
Fotos: A. Türck (Porträtbild) und ProSiebenSat.1.


ein sehr interessantes interview!
endlich mal fragen, die über den üblichen switch-kram hinausgehen!
Schönes Interview
Aber warum habt ihr beim O-Ton die Stimme des Interviewers rausgeschnitten?
Der Mann scheint ja doch mehr im Kopf zu haben, als seine Rollen bisher gezeigt haben. Kompliment!
@Tom: Ich habe leider nicht besonders viel Radio-Erfahrung. Meine Fragen (und meine Stimme) sind nicht schön anzuhören. Nach ewigem Hin und Her habe ich mich daher für diese Darstellungsform entschieden, auch wenn man das Interview so leider nur schwer "nebenbei" hören kann...