Interview
"Zu viele verschließen die Augen vor dem Internet"
Im ersten Teil des Medien-Monitor-Interviews hat Michael Kessler Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen "Zapp" und "switch" aufgezeigt. Nun erklärt er, wie er Facebook, Twitter und Co. zur Kontaktpflege mit seiner Zielgruppe nutzt, ohne dass es zu zeitaufwändig wird. Er reagiert auf eine kleine Kritik von Peter Kloeppel und eine große Beschwerde von "Super-Nanny" Katharina Saalfrank und beschreibt eine mediale Revolution aus Pasta, Twitter und TV. Außerdem: Wo viele Journalisten "ihre Hausaufgaben machen" müssen - und warum Recherche und Ausbildung wichtiger sind denn je.
Sie und ich haben im Hinterkopf, dass die Illusion der absoluten Objektivität von Nachrichten schon bei der Auswahl platzen muss. Was glauben Sie, wie präsent ist dieser Gedanke beim Durchschnitts-Zuschauer?
Ich glaube, dass der Durchschnittszuschauer nicht im Hinterkopf hat, wie eine Redaktion die Nachrichten ausgewählt hat. Was man aber als Konsument weiß, ist: Wenn ich die "RTL II News" gucke, ist die Auswahl mit Sicherheit etwas anders als die der "Tagesschau". Da kann ich bewusst auswählen und mich entscheiden, was ich heute Abend eigentlich gucken will. Aber vieles läuft inzwischen sehr automatisiert in unseren Köpfen. Wir denken darüber nicht mehr nach, nehmen es als selbstverständlich hin und reflektieren nicht mehr groß.

- Böse, schrill und seriös: In "switch" spielt Kessler Adolf Hitler, Florian Silbereisen und Günther Jauch.
Umso mehr müssen Sie und Ihre "switch"-Kollegen reflektieren über die Menschen, die Sie parodieren. Neben Florian Silbereisen und Adolf Hitler/Bernd Stromberg sind Sie dabei ja auf Journalisten-Rollen spezialisiert: Peter Kloeppel, Günter Jauch, Ranga Yogeshwar und Frank Plasberg. Spielen sich die öffentlich-rechtlichen TV-Journalisten anders als solche vom Privatfernsehen?
(lacht) Nicht wirklich, das ist kein Unterschied, nein. Es hat nichts mit dem Sender zu tun, wo das Vorbild im Original tätig ist, sondern mit dem Menschen. Die Frage ist: Wie schillernd ist eine Persönlichkeit, eine Figur, ein Mensch? Peter Kloeppel ist schwierig, weil er als relativ trockener Nachrichtensprecher keine großen Angriffspunkte bietet. Der steht einfach an einem Tisch und berichtet Nachrichten. Florian Silbereisen dagegen? Da geht’s ja schon bei der Frisur los, bei den Klamotten, und natürlich wie er sich dann bewegt. Und der singt auch noch, der tanzt, der macht dieses und jenes... Da gibt es natürlich viel mehr, woraus man schöpfen kann. An anderen Figuren wie Kloeppel oder Plasberg muss man sich einfach mehr die Zähne ausbeißen.
Gibt es dabei eine Art Ehrenkodex, dass man nur nachspielt und verstärkt, aber nichts komplett dazu erfindet? Peter Kloeppel hat einmal angemerkt, Sie würden "inzwischen ab und zu auch Sachen machen", die er so noch nie gemacht habe.
Es gibt Parodien, die relativ exakt 1:1 stattfinden. Kloeppel würde ich dazu zählen, auch Max Giermanns Parodie von Stefan Raab. Klar gebe ich bei Florian Silbereisen etwas mehr Gas, Martina Hill gibt bei Heidi Klum mehr Gas. Da wird beispielsweise die Stimme überhöht. Wir gucken ewig DVDs, das macht jeder Künstler für sich. Ich schreibe mir dann ganz viele Kleinigkeiten auf und beobachte lange, informiere mich, recherchiere über diese Figuren - und dann fängt man im Wohnzimmer an, die einzustudieren. Später kommt natürlich die Maske hinzu, die Perücke und das Kostüm. Das sind lauter Bausteine, die man zusammensetzt, bis dann die Parodie steht. Manchmal hat man dabei das Gefühl: Da müssen wir irgendwie noch etwas zusätzlich machen. Dann wird zwar nichts dazu erfunden - aber in einem bestimmten Maß verstärkt.
Mit diesem Verstärken noch der kleinsten Kleinigkeiten haben Sie ja durch Ihre angesprochenen, oft biederen Rollen am meisten zu tun (Video-Archiv von "switch reloaded"). Ganz ehrlich: Beneiden Sie nicht manchmal Max Giermann, der etwa mit Stefan Raab aus dem Vollen schöpfen kann?
Max Giermann macht das hervorragend, ich bin ein Riesenfan von ihm. Aber dass seine Rollen dankbarer sind als meine, kann man so nicht sagen. Natürlich sind manche Rollen weniger dankbar, aber was heißt das denn? Ein Peter Kloeppel und ein Günther Jauch sind Riesen-Brüller beim Publikum, weil gerade bei diesen Figuren etwas ganz interessantes passiert: Leute kommen auf mich zu und sagen: "Du, bei dem Kloeppel... das hatte ich nie bemerkt, aber das stimmt! Wie der sich hält und wie der redet, das fällt mir jetzt erst auf. Und jetzt jetzt muss ich immer über den lachen, wenn ich 'RTL aktuell' gucke." Bei Günther Jauch ist es genauso. Es gibt Zuschauer, die haben nie wahrgenommen, dass er zum Beispiel immer seine Kärtchen faltet. Es ist ein toller Moment, wenn dann jemand sagt: "Stimmt! Stimmt, das macht der ja immer. Ist ja irre, ist mir nie aufgefallen."
Das komplette Interview mit Michael Kessler zu "switch reloaded" und Co. gibt es zum Anhören auf YouTube: Im ersten Teil geht es um Wichtigkeit und aktuellen Stand der Medienkritik. Im zweiten Teil spricht Kessler über Chancen und Gefahren des Web 2.0 - und erklärt, warum professionelle Journalisten nötiger sind denn je.
Zumindest in der Öffentlichkeit freuen sich auch die "Vorbilder" von "switch reloaded" über ihre Parodien. Dabei sind es doch Ihre Opfer - oder nicht?
(lacht) Oft sind es Opfer, ja. Wir nennen sie meist Opfer. Mit dem steigenden Erfolg der Sendung finden das alle ganz witzig und toll und lustig. Man weiß natürlich nie, was die zuhause im kleinen stillen Kämmerlein so denken über uns. Aber in der Öffentlichkeit äußern sich inzwischen alle positiv. Letztendlich ist das ja auch Werbung für diese Figuren - das darf man nie vergessen. Deswegen gibt es auch einige Kollegen, die sich wünschen würden, dass wir sie mal uns vornehmen. Das einzige Opfer in der letzten Zeit, das sich mal in der Presse beschwert hat, war Katharina Saalfrank. Sie sagte, sie sei schlecht parodiert und die Nummern wären nicht lustig. Das ist ja auch ihr gutes Recht. Aber über ihre Sendung kann man ja auch diskutieren, ne?
Diskutiert wird heute gern im Web 2.0. Sie haben ein Edelprofil bei MeinVZ. Dort finden 4.000 Leute Sie gut, obwohl Sie nonchalant nur in Gruppen sind, die von Ihnen selbst handeln. Bei Twitter folgen Ihnen gar knapp 29.000 Menschen. Wie und wann fing das alles an?
Anfang letzten Jahres habe ich mich bei Twitter angemeldet. Im Zuge von "Kesslers Knigge" habe ich dann gesagt: Gut, jetzt gehe ich auch zu Facebook und zu MeinVZ. Es ist also quasi ein Rundum-Service, den der Kessler da bietet... (lacht) Denn dort sind die Menschen unterwegs. Vor allem die jungen Menschen, für die wir diese Sendung machen, sodass ich dann gut darauf hinweisen kann, dass es sie gibt. Und ich war der festen Überzeugung, dass wir die Sendung heutzutage auch über YouTube bewerben müssen. Deswegen gab es dort im Vorfeld, bevor die Sendung überhaupt ausgestrahlt wurde, als Appetithäppchen gezielt bestimmte Clips zu sehen. So ging das alles los. Inzwischen verfolgen mich mehr als 28.000 Menschen bei Twitter und fast 7 Millionen Menschen haben meine "Knigge"-Clips gesehen. Ich habe live getwittert zu Ausstrahlungen von "switch reloaded" und "Kesslers Knigge". Es war mir wichtig, dass ich das selbst tue, dass kein Manager und keine Agentur für mich schreibt - um nicht hier wieder den Fehler zu begehen, den das Fernsehen in großen Teilen begeht: Die Leute zu verarschen. Außerdem kriege ich so ein direktes Feedback, wie ich es normalerweise nicht bekomme. Wenn ich im Theater spiele, klatschen die Leute oder nicht. Aber bei der Ausstrahlung einer Fernsehsendung? Tja, keine Ahnung. Bis Twitter kam.
Frank Schirrmacher hat mit "Payback" die Bibel der Web-2.0-Hasser geschrieben. Wird es Ihnen nie zu viel des Social Networking?
Dass das für manche Menschen zu viel ist, kann sein. Ich mache das nur, wenn ich Lust und Zeit habe, ich schreibe da nicht jeden Tag 24 Stunden lang. Jeder kann frei entscheiden, ob er simst oder emailt oder twittert oder nicht - wir leben ja in einem freien Land. Von daher bin ich da völlig entspannt: Jeder kann das lesen oder nicht lesen, kann mir folgen oder mich löschen. Aber ich finde, als Schauspieler, als Künstler, der in den Medien arbeitet, kann ich meine Augen heutzutage nicht verschließen vor dem Medium Internet. Viele Kollegen tun das aber. Dabei ist es einfach die Zukunft, und ein Großteil aller Menschen sitzt eben heute statt vor dem Fernseher vor dem Computer. Und da muss man einfach mit der Zeit gehen.
"Offiziell. Persönlich. Selber": Kessler unterhält nicht nur eine erschöpfende Website, sondern ist auch in allen wichtigen Social Network aktiv.
- Twitter | > 29.000 Fans, knapp 5.000 Tweets
- StudiVZ / MeinVZ | > 4.000 Fans
- Facebook | > 3.500 Fans
- YouTube | > 11.000 Fans, 7 Mio. Videoabrufe
- MySpace | > 350 Fans
Diese Aufgeschlossenheit den Neuen Medien gegenüber sollte doch gerade bei den traditionellen Medien angesagt sein - und sei es aus purer Not, weil die alten Geschäftsmodelle bröseln. Was beobachten Sie hier?
Ich erlebe da an vielen Stellen immer noch wahnsinnige Vorbehalte - oder einfach Unwissen. Da weiß man teils gar nicht, was Twitter ist. Da denke ich dann nur: Leute, Ihr arbeitet doch in den Medien. Vielleicht solltet Ihr mal Eure Hausaufgaben machen!? Ich finde, es gehört dazu, zu wissen, was sich alles abspielt im Web. Deswegen haben wir auch bei der "Berliner Nacht-Taxe" gesagt: Wir entwickeln dieses Format weiter, da nachts durch Berlin zu fahren. Von den Dreharbeiten haben wir eine Kamera über mehrere Stunden live ins Internet streamen lassen. Die Leute konnten live sehen: Da steigt jetzt einer ein - oder nicht. Was macht der Kessler, wenn keiner einsteigt? Dann konnten sie über Twitter Fragen stellen. Darauf konnte ich direkt per Webcam reagieren. In einer Nacht haben wir eine Aufgabe gestellt: Kessler soll Carbonara kochen. Und wir haben es per Twitter und Live-Stream geschafft: Ich habe mir die Zutaten besorgt, das Rezept bekommen und letztendlich einen Menschen in Berlin gefunden, der sich per Twitter meldete und sagte: In meiner Küche kann das stattfinden, nachts um zwölf. Also sind wir dahin gefahren und haben das mit einem Laptop und einer kleinen Kamera live übertragen. Ich sage jetzt mal ganz frech: Das fand ich revolutionär. Es war, glaube ich, das erste Mal, dass wir wirklich die Verbindung geschafft haben zwischen Fernsehen und Internet.
Verdrängen Blogger und Twitterer mit ihren Möglichkeiten bald den "traditionellen" Journalismus - oder machen sie ihn gar überflüssig?
Wo beginnt Journalismus und wo hört er auf? Darf ein ganz normaler Bürger journalistisch arbeiten und irgendwas behaupten? Da fallen mir die Falschmeldungen bei Twitter ein - das ist natürlich ein heikler Bereich. Es muss recherchiert werden. Da muss schon ein Fachmann ran, der uns fundiert sagt, was eigentlich Sache ist. Es schreiben viele Menschen Blogs, und das sollen sie ja auch tun. Aber letztendlich, da bin ich sehr konservativ, ist Journalist ein Beruf, ein Handwerk, das man erlernen muss: Über viele, viele Jahre mit viel, viel Erfahrung. Und das kann nicht jeder, nein.
Vielen Dank für das Gespräch!
Interview: Tobias Jochheim
Fotos: A. Türck (Porträtbild) und ProSiebenSat.1.
