Elternmagazin Nido
Zeit für den Nestbau
Ein Elternmagazin ist nichts Neues. Doch die Zeitschrift Nido (ital. "Nest") thematisiert weder Windelgeruch noch Milchzahn-Wahnsinn. Hier stehen Eltern in ihrer neuen Lebenssituation im Mittelpunkt - die ideale Alternative für NEON-Leser, die ein Kind bekommen haben.
Dortmund. Opulente ganzseitige Fotos, gefettete Schlagzeilen, luftig gespiegelte Texte in schlichtem schwarz-weiß gehalten. Ohne Wölkchentapete, Glitzer-Lätzchen zum selber Stricken oder Aufnähdinosaurier zum Heraustrennen, kommt die Optik von Nido ganz plüschfrei daher. Das Cover der aktuellen Ausgabe lockt unter anderem mit "Sehen wir uns morgen - wie aus Spielplatz-Bekannten echte Freunde werden". Das Cover-Foto wirkt wie ein Schnappschuss aus dem heimischen Wohnzimmer, das so gar nicht nach "Schöner Wohnen" aussieht. Auf dem Beistelltisch liegt wahrscheinlich der zerfledderte Feuilleton der Zeit, darunter vibriert ein auf lautlos gestelltes Handy, auf dem Boden liegt eine Kinderdecke aus Bio-Baumwolle, auf der Ikea-Couch ist ein Fleck von angetrockneter Baby-Kotze. Ideenlos ist man bei der Gestaltung freilich nicht, nur schlicht und im wahrsten Wortsinn ungeschminkt. Der einzige Hauch Spießigkeit pustet den Lesern zunächst der Untertitel "Wir sind eine Familie" entgegen.
Die Zielgruppe des Magazins ist die nächste Evolutionsstufe der NEON-Leser. Immer noch großstädtisch, immer noch vielseitig interessiert. Doch nach dem Studium haben die Durchschnittsleser ihre WG gegen ein Liebesnest mit Kinderzimmer getauscht und die Kellnerschürze für einen gut bezahlten Vollzeitjob an den Nagel gehängt. Nido richtet sich an junge Familien und kann somit die bodenständigen Themen aufgreifen, die für die NEON-Leser in der Selbstfindungsphase noch nicht relevant waren. Schließlich sollte / wollte / konnte man dem Untertitel zufolge bei NEON nicht oder noch nicht erwachsen werden. Ob Nido-Leser erwachsen sind, wissen sie wahrscheinlich selbst nicht so richtig. Zumindest interessieren sie sich der Themenauswahl zu Folge jetzt für Kommunalpolitik (zum Beispiel für verkehrsberuhigte Bereiche und sichere Spielplätze vor der Haustür) und einen Bauspar-Vertrag und haben erkannt, dass der dreitürige Golf schnellstmöglich einem Kinderwagen-tauglichen Kombi weichen sollte.
Zwischen NEON und Stern

- "Wir sind eine Familie" ist der Untertiel des Magazins.
Es sind Eltern um die 30, die gerade ihr Leben neu sortieren und ihre eigene Identität nicht ausschließlich gegen "Mama" und "Papa" tauschen wollen, die sich im Magazin wieder entdecken sollen. Damit scheint Gruner + Jahr ins Schwarze getroffen zu haben: Nach einem Jahr Probezeit und zwei Testmagazinen erscheint Nido (italienisch für Nest) jetzt monatlich. Mit einer Auflage von 150.000 und einem Preis von 3,90 Euro liegt es irgendwo zwischen Special und General Interest, zwischen dem NEON- und dem Stern-Alter.
Was will man in einer Lebensphase nach Neon und vor dem Stern lesen? Laut der Nido-Redaktion zum Beispiel, dass Kinder bis zur Volljährigkeit 2.190 Fischstäbchen und 1.170 Liter Milch verbrauchen. Außerdem erklären Autoren, wie guter Sex trotz kleiner Kinder funktioniert, wie man eine Weltreise noch vor der Einschulung realisieren kann und wie man mit Eltern umzugehen hat, die keine Kinder haben. Portraitiert werden dann besondere Eltern, zum Beispiel ein Kommissar, der tagsüber im Internet nach Kinderpornografie sucht und abends alle Bilder zu vergessen scheint und als glücklicher Familienmensch nach Hause geht. Echte Service-Stücke finden sich zum Beispiel in Form von "Rezepte für einarmiges Kochen" (mit Baby auf dem Arm) und einer achtteiligen Anleitung, wie man eine Katze malt, die wirklich wie eine Katze aussieht. In Nido bekommt eine neue Elterngeneration Tipps und Ratschläge. Nämlich die, die Beipackzettel für Medikamente online ausdrucken, einen Urlaubs-Buggy-Service buchen und Briefmarken per SMS anfordern. Warum einem dazwischen stylishe und angeblich unverzichtbare Weinkühler angepriesen werden und der Hinweis aufgedrängt wird, keine Blumen von Samstag am Montag zu kaufen oder sogar den ökologisch bedenklichen "Geheimtipp" bekommt, ein zerknittertes Hemd bei heiß laufender Dusche und geschlossenem Fenster einfach in den Bad-Dampf zu hängen, erschließt sich nicht.
Leser kaufen Lebensgefühl

- Jugendträume, wie Ferneisen, können auch mit Kindern wahr werden, versprechen die Texte.
Große, von Emotion, einem individuellen Dreh und intelligenter Schreibe lebende Geschichten wie "Müssen wir jetzt heiraten" kommen hingegen mit einer alltäglichen Melancholie daher, die ganz stark an den Beigeschmack der NEON-Themen erinnern. Diese Ähnlichkeit liegt nicht zuletzt am Macher: Timm Klotzek ist nicht nur einer der beiden Chefredakteure, sondern auch Erfinder beider Magazine. Und genau wie bei NEON, hat der dreifache Vater, der wegen der Geburt seines zweiten Kindes sogar die Preisverleihung für die Auszeichnung "Journalist des Jahres" hat sausen lassen, das Konzept aus eigenem Interesse am Themenkomplex entwickelt.
Nido vekauft sich jedoch wohl weniger wegen Themen, Titelgeschichten, Schlagzeilen oder Exklusivstorys. Nido verkauft auf einfühlsame Weise ein Lebensgefühl. Verkörpert wird das durch natürliche Bildsprache, freundschaftlichen Umgangston und reportagigen ganz-nah-dran-Features, die so auch im Bekanntenkreis erlebt werden könnten. Die These basiert dann letztlich auf einem liberal-freundschaftlichem stets gut gemeinten Ratschlag. Fast wie beim Dr. Sommer-Team - nur ohne Fragen, ohne pubertierende Teenager, manchmal sogar ohne Sex.
Das funktioniert deshalb, weil sich jemand, der zwischen den Stühlen umher läuft und sich nicht recht für eine gute Position entscheiden kann, leichter für einen Sitzplatz begeistern kann, als jemand der im gepolsterten Schmökersessel schon die Füße hochgelegt hat.
Vielleicht passen auch Butterkekse in die Designer-Tasche
Nido versorgt die neuen Mamas und Papas mit dem besten beider Welten, zwischen Klappstuhl und Ledercouch sozusagen, und schafft Kompromisse: Die Handtasche, die ich immer haben wollte - vielleicht passen da ja auch Butterkekse und Teddybär rein? Die Weltreise, die ich immer machen wollte - vielleicht funktioniert sie ja auch mit Kind? Die Altbauwohnung im Szeneviertel, in der ich immer wohnen wollte - vielleicht gibt’s die ja auch mit Garten? Und so spielen neben den Baby- und Kinder-Themen, aus denen die Botschaft "Kinder haben ist ein Abenteuer" zu brüllen scheint, auch beruflicher Erfolg, sozialer Status, Kultur, Politik, Lifestyle sowie Abwechslung im Alltag eine entscheidende Rolle.
Diese einfache Rechnung aus Zielgruppe plus Themenpool ging bei der Süddeutschen Zeitung im vergangenen Jahr nicht auf. Beim Familienmagazin Wir war nach nur einer Ausgabe wieder Schluss. Bei Nido gönnte man sich ein Jahr und zwei Ausgaben des Experimentierens. Den Ausschlag gab am Ende die kaufstarke Zielgruppe im höheren Einkommenssektor, die sich sowohl von zahlreichen Anzeigenkunden von Ikea bis Miele, als auch von überteuerter Kindermode (eine Strandecke aus Kamelhaar für schlanke 199 Euro zum Beispiel) im redaktionellen Teil ansprechen lassen.
Der Online-Auftritt steckt hingegen noch in den Kinderschuhen. Nido.de ist spartanisch und bietet, außer der Möglichkeit in der Blattkritik Stellung zu beziehen, keinen Mehrwert. Anders als bei der Schwesterseite Neon.de sucht man auch nach einer eigenen oder Facebook-Community vergeblich.
Zur Zeitschriftenbiografie fehlt nur Seniorentitel

- Die Website steckt noch in den Kinderschuhen - alleine laufen hat sie noch nicht gelernt.
Das Heft kann insgesamt durch seine Authentizität und Tiefgründigkeit frei von Kitsch und Klischees überzeugen und sogar Singles ohne Kinder können eine unterhaltsame halbe Stunde mit dem Magazin verbringen oder sich über den niedlichen Vorlese-Gute-Nacht-Geschichten (zum Beispiel von Elke Heidenreich) in den Schlaf träumen.
Damit uns die Stern-Titel von Gruner+Jahr durch’s Leben begleiten, fehlt nach dem Erscheinen von Yuno für Leser im Bravo-Alter nur noch ein Seniorentitel. Dann kann man von Yuno über Neon und Nido zum Stern wechseln. Vierbuchstaben-Titel mit "N" und anglo-romanischen Bedeutungen gäbe es für ein solches Konzept genug: Nuda (ital.) - Generation Glatze? Noio (ital.) - Wir sind nicht langweilig? Nana (engl.) - don’t call me Oma? Neta (span.) - ein bisschen lauter, bitte? Oder doch eher Nada (span.) - nix war’s?
Während die Kreativen ihre Haare raufen, beginnt Nido sein Nest im Zeitschriftenbaum zu schmücken. Wenn also dort kein Kuckucksei ausgebrütet wird, könnte es einen sicheren Platz bieten. Denn bislang zeigt Nido eindrucksvoll, wie man sich am instabilen Zeitschriftenmarkt als Hybrid aus General und Special Interest durch redaktionelle Qualität und Zielgruppensicherheit auch wirtschaftlichen Erfolg sichern kann. Aber ob das Nido-Nest auf monatlicher Erscheinungsbasis einen frostigen Winter überstehen kann, wird sich noch zeigen müssen.
Interview mit der stellvertretenden Chefredakteurin von Nido, Vera Schroeder, auf Medien-Monitor.com
Spiegel Online-Artikel zum Start des Magazins
Faz.net-Bilanz zu einem Jahr Nido
Leser machen Blattkritik auf Nido.de
Text: Sarah Hinderer
Fotos: Sarah Hinderer, Gruner + Jahr, Süddeutsche Zeitung Verlag
Screenshot: Sarah Hinderer


