YouTube - Komik, Kunst und Copyright
Das Video-Portal YouTube ist unbestritten erfolgreich. Doch neben kreativen und komischen Clips findet sich auch fragwürdiges Material auf der Seite. Zudem bleibt der Schutz von Urheberrechten ein Problem.
Dortmund. Im Dezember kürte das US-amerikanische Nachrichtenmagazin Time den Internetnutzer zur "Person des Jahres". Die Redaktion würdigte damit das explosionsartige Wachstum und den immer stärker werdenden Einfluss von nutzergenerierten Inhalten im weltweiten Netz. Mit ihren Beiträgen begründen die Internetnutzer eine neue Generation von Internet-Angeboten, die Web 2.0 genannt wird – Inhalte, die interaktiv von Nutzern für Nutzer erstellt werden. Bekannte Beispiele für Web 2.0-Anwendungen sind das Online-Nachschlagewerk Wikipedia, das Daten-Tauschprogramm BitTorrent und das Videoportal YouTube.
Aufsteiger des Jahres
YouTube ist der Aufsteiger des Jahres. Das geht aus den Berechnungen des Marktforschungs- unternehmens Nielsen-Netratings für die Frankfurter Allgemeine Zeitung hervor. Die Seite YouTube.com, auf der die Nutzer ihre selbstgedrehten Videos hochladen und sie anderen Nutzern zeigen können, hat ihre Besucherzahl zwischen Januar und Oktober 2006 um fast 580 Prozent auf 53,8 Millionen erhöht. Damit führt das noch junge Unternehmen fast überall auf der Welt die Wachstumsranglisten an.
Vom Tellerwäscher zum Millionär
Erst im Dezember 2005 ging YouTube.com offiziell an den Start, doch schon heute sind die Gründer Chad Hurley, 29, und Steve Chen, 27, Multimillionäre. Nach einer Party wollten Hurley und Chen, damals Mitarbeiter des Online-Zahlungsdienstleisters PayPal, aufgenommene Videos über das Internet für ihre Freunde verfügbar machen. Doch dafür fehlte ein geeignetes Programm im Netz. Also entwickelten sie ein eigenes Programm und gründeten ein Unternehmen – YouTube. Das Portal erfreute sich bald so großer Beliebtheit, dass Google es im Herbst 2005 schließlich für 1,65 Milliarden Dollar kaufte. Heute ist YouTube mit rund 46 Prozent Marktanteil das führende Videoportal im Internet. Der Mutterkonzern Google erreicht mit seinen Videoportalen Google Video und YouTube einen absoluten Marktanteil von rund 70 Prozent.
Die Handhabung
Auf YouTube.com finden sich Amateurvideos ebenso wie Mitschnitte aus dem Fernsehprogramm. Kostenfreiheit und relativ kurze Ladezeiten machen die Plattform attraktiv. Die Handhabung des Angebots ist denkbar einfach: Nach Registrierung können Nutzer Videos in unterschiedlichen Formaten, wie AVI, MPEG oder Quicktime, hochladen. Die Clips werden mit Schlagwörtern versehen, damit man sie thematisch einsortieren und besser finden kann. Die Nutzer können Filme bewerten, weiterempfehlen und sie auf eigenen Webseiten einbauen. Die Videos dürfen eine Dateigröße von 100 Megabyte und eine Länge von zehn Minuten nicht überschreiten. Im Gegensatz zu alternativen Diensten wandelt YouTube alle hochgeladenen Videos in ein Flash-Video-Format um, was einen sichtbaren Qualitätsverlust zur Folge hat.
Fragwürdige Clips
Als ich die amerikanische Webseite YouTube.com zum ersten Mal besuchte, wurde gerade heftig über ein Video diskutiert, das laut dem englischen Magazin Which? unser aller Sicherheit gefährdet. Es handelt sich um einen Clip, in dem gezeigt wird, wie einfach man Schlösser knacken kann. Ein Lehrfilm für angehende Einbrecher sozusagen.
Ich tippte "YouTube.com" in meinen Rechner. Die Startseite präsentierte sich zunächst allerdings enttäuschend: Grau, blau, ein paar Bilder zum Anklicken, eine unscheinbare Leiste mit Rubriken und die Suchfunktion. Ich gab "lock-picking" (Schloss knacken) in die Suchmaske ein – und das Programm zeigte mir nicht eines, sondern gleich 412 Videos an. Ganz oben stand der Beitrag eines 36-jährigen Iren mit Decknamen "bumbkey". Über 100.000 Mal wurde dieser Clip aufgerufen. Als Musterbeispiel für die "dunklen Seiten" des Videoportals wurde der Clip in der Sendung "Good Morning America" abgespielt.
Neben den Panzerknacker-Videos findet man auf den YouTube-Servern auch Clips von Motorradfahrern, die mit 300 Sachen in der Stunde um die Kurven jagen – und eine Vielzahl weiterer fragwürdiger Videos. Dem Ansturm auf die Webseite tut dies keinen Abbruch. Dem Unternehmen zufolge werden täglich 100 Millionen Videos angesehen und rund 65.000 neue Clips hochgeladen.
Die Schokoladenseiten
Schnelle Leitungen, günstige Verbindungen, billige Videokameras, einfache Software – zumindest in der industrialisierten Welt kann fast jeder mit YouTube zum Filmemacher werden. Nach Tagesschau-Berichten kaufte der Fernsehsender Fox einen talentierten YouTube-Filmer für eine Comedyshow ein. Der deutsche Videoblogger Toni Mahoni brachte es während der Fußball-Weltmeisterschaft immerhin zu einer Kolumne bei Focus Online. YouTube-Fans schwärmen, die Videoplattform sei ein Kreativlabor für künftige Profi-Talente. Der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt.
Bestes Beispiel: Dem Komiker Judson Laipply gelang mit seinem Tanzclip "Evolution of Dance" der absolute Durchbruch. Der Streifzug durch die Tanzstile der Jahrzehnte ist eigentlich der Abscluss seines Bühnenprogramms "Inspirational Comedy". 38 Millionen Mal wurde das Video angeschaut. Es ist damit das am häufigsten angesehene Video bei YouTube.com.
Zwar liegt das Video von Fayzen und Ilhan Sen mit einer Besucherzahl von knapp 1400 weit hinter Laipplys Tanzclip zurück, doch an Leidenschaft stehen die jungen Musiker dem Komiker in nichts nach. Im Gegenteil: Mitten in der Hamburger Bahnhofshalle stimmen sie Phil Collins' "Another day in paradise" an: Gänsehaut-Feeling garantiert.
2356 Tage lang hat sich Noah Kalina, ein Photograph aus New York City, jeden Tag selbst abgelichtet. Nach sechs Jahren entstand dadurch eine einzigartige Bilderserie, die trotz der typischen YouTube-Großpixelqualität eine solche Faszination ausstrahlt, dass sich bereits 4,2 Millionen Nutzer in die Bilder vertieften. YouTube ist demnach nicht nur Unterhaltungsmedium, sondern auch Kunst- und Kulturförderer.
Die Schattenseiten
Problem 1: Authentizität der Inhalte
Für die Werbung eröffnet sich dank YouTube eine neue Welt. Die Werbebotschaften können so geschickt in einen Videoblog platziert werden, dass es dem User nicht möglich ist, Werbeinhalte vom normalen Content zu unterscheiden. Bei diesem so genannten "Guerilla-Marketing" laden Unternehmer Videos als vermeintliche Privatpersonen hoch.
Problem 2: rassistische und volksverhetzende Inhalte
Es gab Fälle, in denen Videos mit rassistischem und volksverhetzendem Inhalt bisweilen nicht gelöscht, sondern lediglich für registrierte Nutzer zugänglich gemacht wurden. Darunter befinden sich unter anderem Aufzeichnungen von Reden und Ansprachen Hitlers. Auch Saddam Husseins Exekution konnte als komplettes Video bei YouTube heruntergeladen werden.
Problem 3: Jugendschutz
Bei der YouTube-Registrierung gibt es keine Altersverifizierung. Alle Videos sind somit für jeden User ohne Altersbeschränkung zugänglich.
Problem 4: Urheberrecht
Weil einige Nutzer auch urheberrechtlich geschütztes Material von Fernsehsendern und Plattenfirmen in ihre Beiträge integrierten, sieht sich YouTube mit juristischen Problemen konfrontiert. Einige Experten gehen davon aus, dass bis zu 90 Prozent des hochgeladenen Materials geschützt sind. Die Urheber verzeichnen enorme Umsatzeinbußen.
Der für Ende 2006 versprochene Copyright-Filter, der von Nutzern hochgeladene Copyright-geschützte Werke erkennen kann, steht noch aus.
Mein Fazit
Als erster globaler Fernseher trägt YouTube von Comedyshows über Wahlkämpfe hoher Politiker bis hin zu Musikvideos alles in die Welt hinaus. Man schaut in unendlich viele andere Leben. In einigen Ländern wie der Volksrepublik China und dem Iran wurde YouTube verboten. Wer in einem Internetcafé in Teheran versucht, die Seite von YouTube zu besuchen, erhält laut der Nachrichtenagentur AP folgende Anzeige: "Aufgrund der Gesetze der Islamischen Republik Iran ist der Zugriff auf diese Webseite nicht gestattet." Auch in Sachen Urheberrecht und Jugendschutz stößt YouTube an seine Grenzen.
Man kommt dennoch nicht umhin, die amerikanische Webseite YouTube.com als eine Bereicherung für das World Wide Web anzuerkennen. Der Boom der bewegten Bilder im Netz ist im vollen Gange. Und YouTube steht an der Spitze. YouTube ist vor allem eines: ein Unterhaltungsmedium, das Interessengruppen zusammenführt. Na dann: Broadcast yourself!
Besuchen Sie YouTube und machen Sie sich selbst ein Bild.
Google Video ist die "kleine Schwester" von YouTube.
Komiker Judson Laipply startet sein eigenes Internet-TV.
Wikipedia erklärt das Phänomen Web 2.0.
Text: Malina Opitz; Bilder: YouTube







