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World of Warcraft – Kapitel 5: Das Alter ohne Ende

Warum spielen Menschen WoW? Die allgemeinen Zweifel über die Kausalitäten menschlichen Handelns mal beiseite geschoben, will ich mich an einer Antwort versuchen: Es kommt darauf an. Für mich als Offline-Spieler ist das Zusammenspiel in der Gilde spannend. Als die Gilde zerbröckelt, verlässt mich die Motivation, schnell bis Stufe 70 zu spielen – wo nach Meinung vieler das Spiel erst richtig beginnt. Das Rollenspiel das ich suchte, habe ich nicht gefunden. Doch viele andere finden im Spiel Freunde, Spaß und einen Rückzugsort.

Pazrafal trägt das neue Wappen des Erbes von Einst.

Als dieses Projekt begann, spielten laut Verleger Blizzard acht Millionen Menschen World of Warcraft. Fünf Monate später sind es neun Millionen. Einigen bin ich begegnet, doch ist ein Teil schon wieder aus meiner Freundesliste verschwunden. Ukemi wechselte den Server, um auf dem "Kult der Verdammten" (KdV) alle Aspekte des Spiels auszureizen – in seiner neuen RP-PVE-PVP-Gilde. Als ich zuletzt nachschaute, hatte diese zwei Mitglieder. Ghesto, auch im echten Leben Ukemis Freund, spielt mit einem anderen Charakter auf dem KdV. Der Charakter, dem ich begegnete, ist gelöscht. "Ghesto ist tot", sagte der Spieler bei unserem letzten Gespräch im TeamSpeak. Der Gnom sei allein in die gefallene Hauptstadt Gnomeregan abgestiegen und nicht mehr zurückgekehrt. Wurio – ebenfalls Teil des "echten" Freundeskreises – verabschiedete sich aus der Gilde, um eine WoW-Pause zu machen: "einfach mal wieder im Park liegen, Zeit mit der Freundin verbringen, sich das richtige Leben anschauen".

Die drei stehen beispielhaft für verschiedene Motivationen, WoW zu spielen: Gesellschaft, Spaß und Weltflucht. Wurio spielt seiner Freunde wegen. So kehrte er nach einem Monat WoW-Pause zurück – auf den KdV. Von seinen virtuellen Bekanntschaften ist er enttäuscht: "Keiner hat sich gemeldet, nachdem ich aufgehört hatte. Auch nicht die, die mir wichtig waren." Ukemi spielt aus Einsamkeit, aber auch deshalb, weil ihm WoW Spaß macht. Er hat sich so lang und ausgiebig mit der Spiel-Mechanik beschäftigt, dass er jeden anderen Spieler im Duell besiegen kann. Ghesto spricht aus, was viele, besonders Außenstehende, denken: "Klar ist WoW auch Kompensation, Abschließen, Verriegeln." Früher habe er gern politische Magazine gelesen, sagt er, aber das Weltgeschehen gehe ihm heute zu nahe. "Vielleicht muss ich auf einen Berg ziehen." Derweil zieht er sich ins Online-Rollenspiel zurück. "Das ist eine Welt, die zwar simpel ist, aber die ich verstehe."

"Es gibt hier so einige Wässerchen, die man trinken kann", sagt Dosan/Osamu. "Wenn du hier was haben willst, machst du ein bisschen was, und du kriegst es. Wenn du ‚draußen’ etwas haben willst, musst du mehr tun." Eine wertende Unterscheidung zwischen Drinnen und Draußen ist nicht zu treffen. Denn ein Erfolgserlebnis wirkt auf Körper und Geist – ganz egal, wo es erzielt wird. Der World of Warcraft-Charakter ist für den Spieler eine psychologische Realität. Die Menschen hinter den Charakteren sind echt, wie auch ihre Ziele und Wünsche – und ihre Enttäuschung, wenn ein Vorhaben misslingt, wie zum Beispiel das Zusammenspiel in einer kommunistischen Gilde. Man trifft als Spieler auf Menschen, mit denen man sich auseinander setzen muss, mit denen man sich streitet und wieder verträgt. "Weltenflucht ist nur begrenzt möglich", sagt Ghesto. "Die Realität des Menschseins holt einen ein. Und schädliche Verhaltensmuster bleiben bestehen."

Veröffentlicht: 09.09.2007
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