Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

World of Warcraft - Kapitel 3: Sozialleben

Wochenlang warte ich auf Yinara, aber meine Freundin von der Blutmythosinsel bleibt verschwunden. Auf Stufe 25 entdecke ich das gesprochene Wort, die Macht der Gemeinschaft und ihren großen Gedanken. Schließlich besuche ich mein erstes Gildentreffen – das alles durch eine zufällige, aber schicksalhafte Bekanntschaft.

Ailish und Pazrafal beim Gespräch im Dämmerwald

In Wolfsform schleiche ich um die Friedhofsmauer, im Ohr das Schlurfen und Klagen der Untoten auf der anderen Seite. Rabenflucht ist lang schon tot – scheu strahlt das Licht auf die schwarzen Dächer des Dorfes im Dämmerwald. Vor einem Häuschen sitzt mit gekreuzten Beinen die Draenei-Magierin Ailish und trinkt Wasser, um sich von einem Kampf zu erholen. "Grüß euch, Magierin", sagt Wolf Pazrafal. "Was macht ein Weib allein an einem Ort wie diesem? Braucht ihr vielleicht Hilfe?" Ein heranstürmender Knochenkauer vergeht in einem Feuerwerk aus Zaubern, bevor er Ailish erreicht. "Verstehe", sagt der Wolf. Da erklingt vom Friedhof ein entsetzlicher Schrei – so das Textfenster. "Habt ihr das auch gehört?", frage ich und wandle den Wolf zum Mann. "Lasst uns nachsehen", sagt die Magierin.

Das gesprochene Wort

Gemeinsam pflügen Ailish und ich mit Stab und Zauber durch die wandelnden Leichen, "befreien die gefangenen Seelen", wie ich im Chat schreibe. Durch ein Mausoleum steigen wir in ein unterirdisches Gewölbe. Dort frage ich nach dem Goldkelch – dem Ziel von Pazrafals Streben. "Ich weiß nichts von einem solchen Kelch", sagt Ailish. "Aber ich kenne jemanden, der euch helfen könnte." Über Ailish‘ Kopf schaue ich den Gildennamen: Illidares Serpentes. Zuletzt hatte ich wenig Kontakt mit anderen Spielern. Yinara ist seit unserem Abschied in Astranaar nicht online gewesen. Ein weiterer Untoter fällt um. "ooc: hast du ts?" – Der Spieler hinter Ailish verlässt seine Rolle, geht "out of character". Während wir uns noch durch die letzte Grabkammer kämpfen, installiere ich das Sprachchat-Programm TeamSpeak auf meinem Rechner. Ailish übermittelt mir IP-Adresse und Passwort für einen Server.

Wir setzen uns ins Gras zwischen den Gräbern. Ich höre die Stimme Ailish’, die – oder eher der – in echt René heißt. Ailish ist ein so genannter Twink, also Zweit-Charakter. Illidares Serpentes ist ein Parkplatz für solche Charaktere, denn "Das Erbe von Einst", die Haupt-Gilde, erlaubt nur eine Spielfigur. Ab jetzt nenne ich René nicht Ailish, sondern Ukemi, nach seinem Erstcharakter. Er habe die Gilde gegründet, um die elfische Lebenskultur, die es vor Zigtausenden Jahren gegeben habe, wiederzubeleben, erzählt er. Damals lebten die Elfen in Harmonie mit der Natur. Doch schwarze Magie brachte Streit, Krieg und die Abspaltung der hordischen Blutelfen von den Nachtelfen.

Ukemi erklärt die historischen Hintergründe des Erbes von Einst. (0:36 Min., 250 kB)

Machtdemonstration

Das Erbe von Einst reitet auf weißen Tigern.

"Hinter uns kommen jetzt zwei Schurken an", sagt Ukemi unvermittelt. "Die werden uns gleich töten, aber wir können nichts machen." Ein Keulenhieb reicht. "Bleib liegen!", sagt Ukemi. Denn die Orcs warten nur darauf, dass wir in Geistergestalt zu unseren Leichnamen laufen und auferstehen, damit sie uns noch mal erschlagen.

Die Welt ist todesgrau, wir sprechen weiter. Ob ich denn überhaupt beitreten dürfe als Schamane, der Magie benutzt, frage ich. "Deine Magie beruht auf der Anbetung der Naturelementare", sagt Ukemi. "Vorsichtig ausgedrückt bittest Du die Elemente um Hilfe. Da du ein Draenei bist und an das Heilige Licht glaubst, würdest du nichts Unrechtes mit deiner Magie anstellen."

Auf einmal stürzen fünf weiße Tiger aus dem Wald. "Leandras!", ruft Ukemi, "und Famelion ist auch da". Die Reiter tragen leuchtende Kleider und große Waffen, unter ihrem eigenen steht der Name der Gilde: Das Erbe von Einst. Die Orcs sind am Boden, bevor sie verstehen, wie ihnen geschieht. "Ich hab nichts gesagt", freut sich Ukemi. Die Gildengruppe hat die Spur der Orcs wohl schon länger verfolgt. Die Welt bekommt wieder Farbe, dann verschwinden die weißen Tiger in Richtung Osten.

Funktionierender Kommunismus

Ein neues Gildenmitglied ist zunächst Sprössling, erklärt Ukemi. Wer sich bewährt, wird "Erbe" und gewinnt Anspruch auf Unterstützung durch Gildengold. Bei wertvollen Gegenständen sollen die Gildenbrüder und - schwestern sich einigen, wer den dringendsten Bedarf hat. Man müsse über seinen Schatten springen, sagt Ukemi, angeborene Dinge übergehen. Die Utopie einer Gesellschaft, frage ich, funktionierender Kommunismus? Ja, sagt Ukemi - wenn sich jeder daran hält.

Funktionierender Kommunismus? (0:57 Min., 394 kB)

Die jüngste Spielerin in der Gilde ist sieben Jahre alt. Die ältesten haben schon Kinder. Jeder Spieler darf – was in Gilden nicht selbstverständlich ist – Beruf, Klasse und Fähigkeiten nach eigenen Vorlieben wählen, erzählt Ukemi. "Nur einen Hexenmeister wird es bei uns nie geben". Wer nicht gut spielt, wird geschult. Glücklich solle man sein und seinen Charakter lieben bei all der Arbeit, die in ihm steckt. "Es hat Vor- und Nachteile", sagt Ukemi. "Aber wer dabei ist und sich Mühe gibt, wird viel Freude haben." Ich solle mal drüber schlafen – bis zum nächsten Gildentreffen. "Ich habe gefunden, was ich gesucht habe", sage ich ohne Zögern, "obwohl ich gar nicht wusste, was ich suche".

Beim Erbe soll jeder so sein dürfen wie er möchte. (0:35 Min., 244 kB)

Gildentreffen

Ich nehme Platz hinter Miu, der Schamanenältesten.

Am nächsten Sonntag besteige ich einen Liniensegler zur Elfeninsel Teldrassil. Ukemi erwartet mich am Hafen: ein schmaler Nachtelf mit silbergrauem Haar und goldleuchtenden Augen. Ein Charakter mit Konsequenz – um bloß kein schwarzmagisch herbeigezaubertes Brot zu bekommen, isst er nur, was er selbst beim Bäcker gekauft hat. Wir laufen nicht, wie es üblich ist – wir gehen zu einer Blumenwiese. Die Gildenmitglieder sitzen bereits im Kreis um ein Lagerfeuer. Ich setze mich neben Ukemi. "Dein Platz ist da drüben", sagt ein Elf namens Jeter und zeigt auf Draenei-Schamanin Miu. Erst denke ich an Rassismus, dann verstehe ich: Die Sitzordnung geht nach Klassen. Miu ist Schamanenälteste, ich ihr Schützling.

Ukemi eröffnet die Sitzung – es geht um Gold, Handwerk und Ausrüstung. Als ich an die Reihe komme, erzähle ich vom goldenen Kelch. Man verspricht mir Hilfe. Ich werde aufgenommen im Rang eines Sprösslings. Für eine Beförderung werde ich mich anstrengen müssen, denn man ist skeptisch geworden. Zu viele Brüder und Schwestern haben die Gilde verlassen, nachdem sie unter gemeinsamen Anstrengungen aufgestiegen und mit gemeinsamem Gold ausgerüstet worden waren. Der "funktionierende Kommunismus" steht hart zur Probe.

Ich müsse mich bewähren, sagt Ukemi. (0:47 Min., 324 kB)

Nach dem Treffen geht eine Gildengruppe in eine Instanz – das ist ein Abschnitt der Spielwelt, der für jede Spielergruppe, die ihn betritt, kopiert wird, so dass keine anderen Spieler beim Monstertöten und Schätzesammeln stören. Sie sind die größte Herausforderung für Charaktere auf Stufe 70. "Ich bin noch zu klein, oder?", frage ich. "Sorry, die Ini ist ab 52."

Ich gehe jagen. Wieder allein. Doch über meinem Kopf steht jetzt: Pazrafal. Das Erbe von Einst.

Text: Aarni Kuoppamäki; Fotos: World of Warcraft

Veröffentlicht: 03.07.2007
1 Kommentar
answer #1) Jana - 02.01.2010 - 22:03

Ich habe sehr gelacht. big green Ich habe nämlich bei Google nach funktionierendem Kommunismus gesucht um einem Freund von dem Dorf in Norwegen zu berichten, das autonom lebt. Naja, nicht gefunden, dafür eine gelungene Geschichte. WoW spiel ich selbst, hab auch schon gemerkt, dass es dort kommunistischer zugeht als im autonomen Jugendzentrum und dass eher geholfen wird, und den Newbies eher Gold zugesteckt wird, als dass man auf der Straße jemanden sieht, der einer älteren Frau über die Straße hilft. Tz... ein Kopfschütteln an das Reallife, Daumen hoch an das Secondlife.

Bitte gib hier die rechts gezeigte Zahl ein. Dies dient zur Abwehr automatisierter Einträge. CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn du die Zahl nicht lesen kannst, hier klicken.
Hinweis: Kommentare werden moderiert.


Köpfe & Karrieren | Trends & Technik | Kritik & Kurioses | Spezial | News | Blog
 Suche | Newsfeeds | Redaktion | Impressum