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Kapitel 4, Teil 2: Echte Gefühle

Lange strecken fliegt Pazrafal auf einem Reit-Greif oder Hippogryphen.

Die Gilde ist ein virtueller Freundeskreis, eine Clique. Und das Wort "virtuell" könnte man ohne Sorge streichen, denn die zwischenmenschlichen Beziehungen sind real. Jeden Sonntag, 17 Uhr, trifft sich die Gilde in Darnassus. Einmal erteilt Ukemi Wurio das Wort – dem Priester, der unsere Taschen herstellt. "Ich habe alles probiert und lange überlegt", sagt Wurio, "aber jetzt muss ich euch vor eine Entscheidung stellen: Frey oder ich – einer muss gehen". Ukemi verordnet eine Woche Bedenkzeit, dann soll der Rat entscheiden. In einem privaten TeamSpeak-Kanal erzählt Wurio, dass Frey und er vor ein paar Monaten ein Paar waren. Im wirklichen Leben. Die Beziehung ging in die Brüche, Wurio fühlt sich verletzt und betrogen. Jetzt kann er es nicht ertragen, seiner Ex-Freundin zu begegnen – im wirklichen Leben, im Sprachchat oder in der World of Warcraft.

Mit Ukemi und Miu erörtere ich die Lage in Einzelgesprächen. Eigentlich müsse ja derjenige gehen, der es mit dem anderen nicht aushält, also Wurio. Andererseits ist gerade der wichtig für die Gilde. Er kennt Ukemi schon lange, ist ein guter Kamerad und beliebt. Wurio ist oft online. Frey habe ich noch nie getroffen, obwohl ich bald einen Monat in der Gilde bin. Wer weiß, ob sie überhaupt noch mal kommt? Auf dem nächsten Gildentreffen halte ich ein Plädoyer für Wurio. Der Rat entscheidet: Wir warten noch die 30-Tage-Frist ab – wer unangemeldet einen ganzen Monat nicht online ist, wird ohnehin entlassen. So kommt es dann auch im Falle Frey.

Nur einmal fällt der Termin Sonntag, 17 Uhr, in Darnassus aus. Das Gildentreffen transzendiert aus der Virtualität der World of Warcraft. Und zwar nach Potsdam. Aus Hessen, Rostock oder Mönchengladbach fahren die Spieler an, essen zusammen, trinken Bier. Aber ich kann nicht an dem Wochenende. Ein paar Wochen später treffe ich Osamu und Miu am Hauptbahnhof in Rostock. Es ist schon spät, ich habe gearbeitet und Osamu kommt von der Kaserne. Wir holen Milchshakes von McDonald’s und unterhalten uns am "Pornobrunnen". Miu arbeitet in einem Möbelhaus, aber das wusste ich schon. Vor allem reden wir über WoW. Echte Menschen, wie erwartet. Trotz der vertrauten Stimmen erscheint mir die Situation unwirklich. Das Treffen ist zu kurz, um sich richtig kennen zu lernen. Erst auf der Fahrt ins Hotel frage ich mich: Kannten wir uns nicht schon?

Veröffentlicht: 09.09.2007
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