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Wo Gelsenkiiachen nach Heimat klingt

Prof. Heinz H. Menge. Quelle: RUB

Von Anton Kurenbach

Sie ist verantwortlich für "Schakkeline" und "Schantall", wird oft mit dem Proletentum in Verbindung gebracht und ist doch einzigartig: Die Sprache des Ruhrgebiets. Woher kommt diese Mundart und woran erkennt man einen echten Ruhrgebietler sofort? Heinz H. Menge ist Germanistikprofessor an der Ruhr-Universität Bochum und Experte für die Sprache des Ruhrgebiets – und auch ihn hat das Ruhrgebietsdeutsch nie ganz verlassen.

Frage: Professor Menge, wir haben ja schon ein paar Worte gewechselt. Haben sie mich bereits als Ruhrgebietler erkannt?

Menge: Also, jemanden aus dem Raum Bochum, Herne, Dortmund erkennt man eigentlich an einigen Wörtern ziemlich schnell. Und das sind jetzt nicht die Worte, an die man gleich denkt, dieses "dat" und "wat". Die finden sich nämlich auch im norddeutschen Raum. Nein, den Dortmunder erkennt man zum Beispiel daran, dass er Worte wie Kurs, Kirche oder Korn anders ausspricht.

Frage: Sie meinen jetzt sicher dieses "a", das man anstelle des "r" setzt, also "Koan"?

Menge: Das natürlich auch, aber wichtiger ist, dass der erste Vokal langgezogen wird. Also nicht nur "Koan", sondern "Kooan", oder "Kuuas", "Kiiache". Das weiß kaum jemand, aber es ist ein eindeutiges Merkmal. Dazu kommt, dass viele Dortmunder Worte wie Burg oder Berg im Rachen aussprechen, so wie "Hohensyburch".

Eine weitere Besonderheit ist der sogenannte "glottal stop", also ein Stimmritzenverschluss. Da wird dann im Wort "Witten" nicht nur das "e" verschluckt, sondern an Stelle des "t" tritt dann der Verschluss, ein Laut, für den wir eigentlich gar keine Bezeichnung haben.

Zu guter Letzt ist die Umgangssprache hier sehr gestuft. Manche sagen "haben wir ihn", andere verkürzen auf "haben wirn", die nächsten auf "haben wan" und schließlich auf "hamman".

Und so hört sich das an:

Frage: Okay, jetzt wissen wir woran man den Ruhrpottdialekt erkennt. Aber woher kommt der eigentlich?

Menge: Zuerst mal – es ist kein Dialekt. Ein Dialekt wäre vom Hochdeutsch etwa so weit entfernt wie das Holländische. Oder nehmen sie die Schweizer Dialekte – da gibt es keine Zwischenformen, entweder reiner Dialekt oder reines Hochdeutsch. Die Ruhrgebietssprache ist eher eine Umgangssprache, vermittelt sozusagen zwischen Dialekt und Hochdeutsch. Aber die Ruhrgebietssprache ist aus einem Dialekt entstanden, nämlich dem Plattdeutschen.

Frage: Das bedeutet, dass hier früher alle Leute plattdeutsch gesprochen haben?

Menge: Ja, und das durchaus unterschiedlich! Es gab zum Beispiel das Bochumer Platt, das anders war als das Dortmunder Platt. Erst im Zuge der Industrialisierung hat sich das geändert. Da kam das Hochdeutsche ins Ruhrgebiet und zusammen damit eine Diskriminierung des Platt durch die Norddeutschen.

Auch Komiker wie Dr. Stratmann bedienen sich gern der Ruhrgebiets- sprache

Frage: Aber reines Hochdeutsch spricht man hier ja immer noch nicht…

Menge: Für die Leute hier war es, als müssten sie eine Fremdsprache neu lernen. Und da entstanden so genannte Interferenzen, das heißt, man hat Worte und Grammatik aus dem Plattdeutschen übernommen, also aus der Muttersprache. Das Berlinerische ist so ähnlich entstanden. Ein Beispiel: Dativ und Akkusativ hatten im Platt nur eine Form – daher kommt auch diese häufige Kasusvertauschung. "Unser Oma ihr klein Häuschen", das wäre so ein Fall.

Was den Wortschatz angeht, das Wort "pöhlen" kommt zum Beispiel aus dem Platt – das kommt von Pohl, der Pfahl. Man hat zwei Pfähle aufgestellt und dann wurde eben Fußball gespielt.

Frage: Man könnte also sagen, die Ruhrgebietssprache ist entstanden, weil die Leute hier Probleme hatten, Hochdeutsch zu lernen?

Menge: Ich denke, das könnte man so sagen. Aber es gibt auch Einflüsse aus dem Jiddischen, der jüdischen Sprache. "Maloche" und "Tinnef" sind ursprünglich jiddische Worte. Das ist entstanden, weil die Nazis alles Jüdische verboten hatten. Und die Jugend hat dann diese verbotenen Worte benutzt, um sich abzugrenzen.

Das Polnische hingegen hat nicht so starken Einfluss auf die Sprache des Ruhrgebiets gehabt, auch wenn das heute oft angenommen wird. Das liegt daran, dass die polnische Sprache nicht prestigeträchtig war, das war eben zuerst die Sprache von Gastarbeitern.

Frage: Das Hochdeutsch hat sich dann aber doch gegenüber dem Platt durchgesetzt?

Menge: Ja. Aber man hat die Abweichungen beibehalten. Dadurch wurde auch eine Art Gemeinschaftsgefühl, eine Zusammengehörigkeit geschaffen. Die Leute haben sich mit der Sprache identifiziert. Auch interessant in dem Zusammenhang: Die Ruhrgebietssprache hat keine Sprachgewohnheit, die es nicht auch in einem anderen Teil Deutschlands gibt.

Frage: Es gibt ja den Spruch "Wenn ein Bayer bayrisch spricht ist er ein Bayer, wenn ein Ruhrpottler die Ruhrpottsprache spricht, ist er ein Proll." Woher kommt dieses Vorurteil?

Menge: Zum einen wurde ja wie gesagt das Platt im Norddeutschen diskriminiert. Dazu kommt natürlich, dass Umgangssprache generell als etwas Unfeines angesehen wird. In Südtirol zum Beispiel, da entsteht im Moment eine neue Umgangssprache und die wird auch negativ bewertet. Außerdem hat man natürlich diese Assoziation gehabt, die Sprache der Bergleute, die Sprache der zugewanderten Polen…

Ein spielerischer Umgang

In sozialen Netzwerken steht die Jugend zur Sprache des Ruhrpotts.

Frage: Viele junge Menschen stehen ja heute wieder zu ihrem Pott, was sie zum Beispiel in sozialen Netzwerken ala StudiVZ zeigen. Da haben dann Gruppen wie "Pottkinder" mehrere tausend Mitglieder. Gilt das auch für die Sprache?

Menge: Gerade bei jungen Menschen sieht man ja auch diesen spielerischen Umgang mit der Ruhrpottsprache. Das sollte eigentlich bedeuten, dass ihnen die Sprache gefällt. Auch Komiker wie Herbert Knebel bringen die Sprache über diese ironische Schiene ins Bewusstsein. Wie die Sprache außerhalb des Ruhrgebiets gesehen wird, ist mir relativ unbekannt. Man muss da auch vorsichtig sein: Was meint ein Befragter, wenn man von einem Dialekt oder einer Umgangssprache redet – ist Bayrisch das, was Stoiber spricht oder richtiges Alpenbayrisch?

Frage: Stoiber hat ja auch schon so einiges gerissen in seinen Reden. Wie ist das mit ihnen? Sind ihnen auch schon seltsame Redewendungen begegnet?

Menge: Das kann man so nicht sagen. Aber es fällt auf, dass viele Redewendungen sehr lokal beschränkt sind. Man erlebt da oft Überraschungen. Als ich das erste Mal das Wort "Polinden" hörte, dachte ich, das ist erfunden. Aber das Wort gibt es wirklich, im östlichen Ruhrgebiet – da heißt das soviel wie "alte Klamotten".

Mein persönliches Aha-Erlebnis war bei einem Vortrag. Da kam die Redewendung "Gehse mit im Flitsch" zur Sprache. Ich hab auch gedacht, das gibt es nicht. Aber das Publikum, darunter einige ältere Herrschaften, haben sofort gesagt: "Doch, natürlich – das haben wir früher immer so gesagt. Das heißt: Kommst du mit ins Kino." Diesen Ausspruch kennt man vor allem in Gelsenkirchen und Essen.

Frage: Sehr lokal beschränkt sind zwei Städte nun nicht gerade…

Menge: Es geht auch noch kleiner. "Wir sind noch lange nicht am krausen Bäumchen" – zu Hochdeutsch: Noch lange nicht am Ziel – ist eine Redewendung aus dem südlichen Teil Essens. Da hat es vielleicht mal einen entsprechenden Baum als Wandermarkierung gegeben, woher genau die Redewendung kommt, weiß man nicht.

Aber sie zeigt, wie sehr Dialekte von Ort zu Ort wechseln. Früher war der Wortschatz selbst bei benachbarten Dörfern um etwa fünf Prozent der Worte verschieden – und daran hat man sich auch erkannt!

Frage: Sie selbst kommen aus Herten, also auch aus dem Ruhrgebiet. Wann haben sie zum ersten Mal ihre Sprache wirklich wahrgenommen?

Menge: Mir war das lange nicht bewusst. Erst als ich in Zürich studiert habe, haben mich die Kommilitonen oft gebeten: "Sag mal Gelsenkirchen." Ich hab dann natürlich immer "Gelsenkiiachen" gesagt und die hatten ihren Spaß. Als mir das klar wurde, habe ich versucht, das "r" stärker zu rollen – dabei war es das lange "i", was alle so verwundert hat.

Heute muss ich mich vor allem bei Worten wie Berg und Tag kontrollieren, da sage ich auch mal "Berch" oder "Tach". Aber das ist nicht schwer, ein Kölner hat es da erheblich schwerer, wenn er von "Kirsche" auf "Kirche" umlernen muss.

Frage: Was gefällt ihnen denn Besonders an der Ruhrgebietssprache?

Menge: Die Ruhris haben alle Vokale und Konsonanten, die für gutes Hochdeutsch nötig sind, auch wenn sie sie anders gebrauchen. Wir sind da insofern gut dran. Ein Schwabe zum Beispiel muss den Unterschied zwischen "b", "d" und "g" oft erst mühsam lernen.

Frage: Haben sie noch einen Tipp, wenn man sich mit der Ruhrgebietssprache weiter beschäftigen will?

Menge: Es gibt einige sehr gute Bücher, mit Redewendungen aus dem Raum hier. Das "Dortmunder Wortschätzchen" zum Beispiel, oder "Tach zusammen" von der Hilde Neuhaus. Da findet man viele gute Redewendungen.

Veröffentlicht: 23.07.2009
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