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Wissenschaft in Warschaus Medien

Was haben ein Journalist und ein Entertainer gemeinsam? Die Frage klingt wie der Anfang eines schlechten Witzes, doch die Antwort ist durchaus ernst: viel! Jedenfalls ist das die Meinung von Slawomir Zagorski. Er ist Leiter des Wissenschaftsressorts bei "Gazeta Wyborcza" und berichtet in diesem Beitrag über seine Arbeit, seine Ansichten und die Stellung des Wissenschaftsjournalismus in Polen.

Slawomir Zagorski

In Zagorskis Abteilung arbeiten fünf Redakteure, die täglich eine ganze Seite mit aktuellen wissenschaftlichen Inhalten produzieren. Das ist in Polen etwas Besonderes, denn nicht alle Tageszeitungen räumen der Wissenschaft so viel Platz ein. Das Ressort kam 1995 als letztes zu "Gazeta" hinzu. Davor habe es das Thema Wissenschaft im Blatt nur als Meldungen oder in Einzelfällen in Form von aus anderen Medien übernommenen Berichten gegeben, erzählt Zagorski. Heute gibt es stets einen großen Aufmacher mit Bild, dem die Leser eine große Aufmerksamkeit schenken. "Wir schauen wirklich, dass er seriös, gut geschrieben und vor allem interessant ist", betont Zagorski. "Wir haben großartige Layouter im Verlag und benutzen daher oft Infografiken."

In der Regel geht es in den Artikeln um "harte" Wissenschaften wie Biologie, Astronomie, Physik oder Technik. Auch Soziologie schafft es manchmal auf die Seite, wenn das Thema mit einem interessanten Experiment verknüpft ist. "Ab und an versuchen wir auch, die Seite für Wissenschaftler selbst interessant zu machen. Dann füllen wir sie mit Informationen über die Geschichte der Wissenschaft oder die aktuelle Forschungssituation in Polen", sagt Zagorski. "Hier haben die Wissenschaftler nicht viel Geld für ihre Forschung zur Verfügung, das ist beispielsweise immer wieder ein Thema."

Keine Journalisten, sondern Erzähler und Erklärer

Polens größte Qualitätszeitung lässt sich auch bei ihrem Gebäude nicht lumpen.

Das Credo für die Auswahl der Mitarbeiter ist bei "Gazeta Wyborcza" relativ eindeutig. Zagorski erklärt: "Niemand, der hier arbeitet, hat ein journalistisches Studium absolviert. Journalismus hat nichts mit Ausbildung, sondern mit Begabung zu tun." Hier kommen die Gemeinsamkeiten von Entertainer und Journalist zusammen. Es gehe nämlich um die Geschichte, die der Autor unterhaltsam erzählen können müsse: Er muss seine Leser wie ein Publikum bei der Stange halten. Pointiertes und präzises Schreiben statt verschachtelter Fachsprache. Die Information muss schnell kommen und der Leser muss verstehen, dass die Nachricht wichtig für ihn ist. Der journalistische Grundsatz des so genannten "Kneipenzurufs" ist in Polen weit verbreitet, so Zagorski: "Eine Geschichte, die abends beim Bier mit Freunden nicht ankommt, ist auch im Blatt nicht gut."

Natürlich stehen auch bei der interessantesten Geschichte die Validität der Quellen und das redliche journalistische Arbeiten im Vordergrund. Wikipedia und andere nicht ganz seriöse Quellen - gerade im Internet - sind bei der Recherche verpönt. "Ich überprüfe schon im Bewerbungsgespräch, wie es um den wissenschaftlichen Bildungshintergrund der Aspiranten bestellt ist, und lasse die Bewerber zum Beispiel den Unterschied zwischen DNA und RNA erklären." Der Leiter des Wissenschaftsressorts legt darüber hinaus besonderen Wert darauf, dass seine Mitarbeiter sehr gute Englischkenntnisse vorweisen können. Denn als Quellen für aktuelle Themen dienen vorwiegend die bekanntesten Fachzeitschriften wie "Nature", "Science" oder "Lancet" sowie Besuche bei wissenschaftlichen Tagungen im In- und Ausland. Polnische Veröffentlichungen werden zwar auch berücksichtigt, doch gibt Zagorski zu bedenken, dass "die polnischen Forscher etwas scheu sind und noch nicht so offensiv mit ihren Ergebnissen an die Presse herangehen, wie man es aus anderen Ländern gewöhnt ist."

Fachidioten unerwünscht

Zur Person

Slawomir Zagorski wurde 1955 geboren. Er studierte in Warschau und promovierte in Biologie. Vor seiner journalistischen Karriere forschte und lehrte er an verschiedenen Universitäten in Europa.

Im Jahr 1993 kam er über einen befreundeten Redakteur zu "Gazeta Wyborcza". Nach mehreren Jahren als Redakteur für wissenschaftliche Artikel wurde er 1995 stellvertretender Leiter des Ressorts Wissenschaft und übernahm 2002 dessen Leitung.

1993 erhielt Zagorski einen Preis für den besten AIDS-Artikel in der polnischen Presse. 2001 ehrte ihn die Polish Genetic Society für seine Arbeiten zum Thema Genetik. 1996 erhielt er das anerkannte zehnmonatige "Knight Stipendium" der Stanford University.

Slawomir Zagorski ist der einzige Autor in seinem Ressort, der einen akademischen Grad erworben hat: Er ist Doktor der Biologie. Der Titel spielt für ihn aber nur am Rande eine Rolle. An seinen Mitarbeitern schätzt er vor allem die Neugier und Offenheit für sämtliche Themen. Expertentum kommt ihm zuweilen sogar hinderlich vor: "Es ist nicht gut, zu spezialisiert zu sein. Denn wenn man nach einem Interview mit einem Wissenschaftler aus dem eigenen Fachgebiet einen Artikel schreibt, hat man keine Distanz zum Inhalt, kann sich nicht in den Leser hineinversetzen und am Ende versteht niemand die Inhalte."

Neben seinen fest angestellten Kollegen beschäftigt die Zeitung zuweilen auch freie Autoren, obwohl diese Art des journalistischen Arbeitens in Polen lange nicht so verbreitet ist wie in Deutschland oder Amerika. Der klassische freie Autor, der sich von der Arbeit für verschiedene Titel finanziert, existiert praktisch nicht. Aber es gibt einige Wissenschaftler, die sich über die Jahre als fähige Autoren und nicht als festgefahrene Fachdenker profiliert haben. Auf solche greift Zagorski in einigen Fällen zurück: "Wenn es zum Beispiel aktuell um Quantenphysik geht, weiß ich genau, wen ich anrufen kann, um einen fachlich sauberen und lesbaren Text zu bekommen."

Für diesen exklusiven Kreis an freien Autoren können sich solche journalistischen Engagements als durchaus lukratives Zubrot erweisen. Für einen Aufmacher, der mit Forscher-Interview und einigen Randinformationen in der Regel fast die ganze Seite einnimmt, zahle der Verlag 250 Euro, verrät Zagorski. Gemessen an Tarifen von deutschen Blättern mit vergleichbarem Mediengewicht,wie "Frankfurter Allgemeine Zeitung" oder "Süddeutsche Zeitung" mag das durchwachsen klingen. Aber hält man sich vor Augen, dass die Summe auch in etwa das ist, was ein polnischer Lokalredakteur auf dem Land im Monat hat, sieht die Bezahlung schon fürstlicher aus.

Ein Ressort setzt sich durch

In Polen hat Wissenschaftsjournalismus eine lange Tradition. "Wir haben gute Magazine, die monatlich erscheinen und über Wissenschaft berichten. Eines gibt es bereits seit 90 Jahren", so Zagorski. "Wir haben auch eine polnische Ausgabe des populärwissenschaftlichen Magazins ,Scientific American', aber auch die drei großen allgemeinen Magazine ,Polytika', ,Wprost' und ,Newsweek' haben wirklich gute Wissensteile." Alle großen Tageszeitungen wie "Dziennik" oder "Rzeczpospolita" haben ebenfalls ein Wissenschaftsressort. Sogar die beiden Boulevardzeitungen "Fakt" und "Super Express" berichten über wissenschaftliche Themen - natürlich eher reißerisch.

Zum Medium

"Gazeta Wyborcza" (Wählerzeitung) ist die größte überregionale Zeitung Polens und erreicht täglich rund 4,5 Millionen Leser. Sie wurde 1989 von einer Gruppe Journalisten und Oppositioneller im Vorfeld der ersten demokratischen Parlamentswahlen gegründet. Seitdem ist Adam Michnik, ein prominentes Mitglied der demokratischen Opposition, ihr Chefredakteur.

2007 betrug "Gazetas" bezahlte Auflage 448.000 Exemplare. Das Blatt entsteht beim Agora-Verlag und hat 840 Angestellte, 510 davon sind Journalisten. Die Zeitung beschäftigt außerdem fünf Auslandskorrespondenten und 60 Fotografen. Neben einem nationalen Mantel besitzt die Zeitung 20 Regional- sowie zahlreiche Lokalredaktionen.

Text: Christoph Schmidt, Marcel Bülow
Bilder: Christoph Schmidt, Christina Müller

Veröffentlicht: 15.08.2009
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