Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Interview mit Constanze Kurz vom Chaos Computer Club (CCC)

"Wir wollen Lebenstipps geben"

Wir leben in einer digitalen Gesellschaft. Ständig produzieren wir neue Daten. Constanze Kurz hat zusammen mit Frank Rieger zu dieser Problematik das Buch "Die Datenfresser" geschrieben. Ein Interview über digitale Mündigkeit, die Datenschutzaffinität von Journalisten und ganz normale, alltägliche Bequemlichkeit.

Medien Monitor: Frau Kurz, vor kurzem haben Sie bei einem Symposium behauptet "knowledge brings fear".

Constanze Kurz: Ja, das kann man wohl sagen.

Wovor fürchten Sie sich denn im Internet?

Wenn man sich intensiv mit Techniken auseinandersetzt wie zum Beispiel Spionageprogrammen oder Schadsoftware, dann überdenkt man sein eigenes Verhalten. Weil man weiß, dass es sie gibt und wie sie funktionieren. Und wie schwierig eine Abwehr gegen derartige Programme ist. Das gilt auch für die staatliche Überwachung. Wenn man eben weiß, welche technischen Möglichkeiten bestehen und welche gesetzgeberischen Vorkehrungen getroffen oder nicht getroffen wurden, dann macht man sich schon seine Gedanken. Es ändert sich die Wahrnehmung.

Wie bewegen Sie sich persönlich im Netz?

Ich bin wahrscheinlich etwas vorsichtiger als der durchschnittliche Nutzer. Vorsichtiger und sicherheitsbewusster. Insofern neige ich nicht dazu, jedem Trend sofort hinterher zu laufen. Sicherlich habe ich auch eine generelle Neigung, neue technische Sachen auszuprobieren. Das ist aber beruflich bedingt und ein privates Hobby von mir.

Wie schätzen Sie den normalen Internetnutzer ein, der dieses Wissen vielleicht nicht hat? Handelt der unvorsichtiger?

Normale Netzbenutzer von heute, denen die Technik vertraut ist, sind ja nicht mehr total blauäugig. Eine gewisse Kompetenz hat man schon. So wie man sich eben ab einem bestimmten Alter relativ sicher im Straßenverkehr bewegt, weil man die Regeln kennt und ein Gefühl für die Risiken hat. Aber gerade bei neuen Anbietern hat man manchmal wenig Chancen, die Risiken einzuschätzen. Eigentlich hat der Nutzer ja nur darauf zu vertrauen, dass der Anbieter auch alles richtig macht. Oder zumindest keine groben Fehler. In gewisser Weise kommt da auch der Staat ins Spiel. Weil man für manche Dinge einfach Regeln haben sollte. Insofern kann man an seiner eigenen Kompetenz arbeiten. Aber die Gesellschaft muss auch Regularien finden für neue Risiken.

"Die eigene soziale Sphäre einschätzen"

Das Buch "Die Datenfresser" ist am 12. April erschienen. Bild: S. Fischer Verlag.

In Ihrem neuen Buch heißt es kämpferisch, es sei an der Zeit, sein eigenes digitales Schicksal wieder selbst in die Hand zu nehmen. Geht das überhaupt noch?

Ich würde schon sagen, dass man zu einem großen Teil selber kontrolliert, was mit den eigenen Daten passiert. Das ist ja auch der Grund, weswegen wir dieses Buch geschrieben haben: um Leuten, die sich nicht so intensiv mit Technik beschäftigen, Informationen an die Hand zu geben. Damit man besser einschätzen kann, was mit den eigenen Daten passiert. Wie man mit ihnen umgehen sollte, und wie weit die eigene, freiwillige Datenweggabe gehen kann. Wenn man weiß, was mit diesen Daten gemacht werden kann, welche Techniken heute existieren und in naher Zukunft existieren werden, dann fragt man sich irgendwann: Was folgt daraus? Wie kann man mit den neuen Informationen umgehen?

Also kein technisches Handbuch...

Wir wollen eher Lebenstipps geben im Umgang mit diesen neuen Techniken. Die sind vielleicht manchmal weniger konkret und weniger bequem, als man am Anfang denkt. Sich damit zu beschäftigen, macht ein bisschen Mühe. Aber das haben wir natürlich in anderen Lebensbereichen auch. Und je nach dem, wie man sich selber einschätzt, dementsprechend sollte man sich auch verhalten. Diese Selbsteinschätzung ist Teil dieser Empfehlung. Also selber beurteilen, wie die eigene soziale Sphäre so ist. Welche Spielräume es gibt. Das sollte man immer wieder überprüfen. Das mache ich selber auch so.

"Hin und wieder neu justieren"

Sie setzen sich dann wirklich hin und machen sich Gedanken über Ihre soziale Sphäre?

Genau. Welche Plattform benutze ich? Wer liest eigentlich gerade meine Twitternachrichten? Ist das eigentlich eine Gruppe, der ich diese Informationen noch geben will? Sollte ich die Gruppe einschränken oder vielleicht die Informationen? Das tue ich immer mal wieder. Manchmal führen auch irgendwelche Datenskandale dazu, dass ich umdenke. Oder Informationen, die ich von Verbraucherschutzverbänden bekommen habe. Hin und wieder sollte man das neu justieren. Im normalen Leben ist das ja auch so, wenn irgendwas Zwischenmenschliches passiert ist. Oder im Kollegenkreis. Genauso verhält es sich im Netz.

Nehmen wir mal Bilder als Beispiel, die ich vor fünf Jahren hochgeladen habe, weil ich mir als junger Mensch nichts Böses dabei dachte. Was passiert eigentlich mit denen?

Im Prinzip sind die verloren. Zumindest bei den großen sozialen Plattformen hat man keine Möglichkeit, die nachträglich zu löschen. Die Anbieter haben sich in ihren allgemeinen Geschäftsbedingungen in der Regel zusichern lassen, dass sie die Rechte an diesen Bildern haben. Normalerweise sind die auch mehrfach dupliziert. Bis zu sechsmal, etwa als Vorschaubilder in anderen Größen. Insofern hat man da weniger gute Chancen. Vor vier, fünf Jahren war es auch noch nicht so absehbar, welche biometrischen Techniken sich insbesondere bei den Gesichtsbildern ergeben werden. Das war vielen nicht klar. Da wird man wenig machen können. Im Nachhinein sollte man sich überlegen, was man eigentlich auf welcher Plattform hinterlassen und mit realen Namen verknüpft hat. Viele Nutzer haben auf den typischen Fotoplattformen hunderte Bilder und schätzen gerade den Service, dass diese Bilder verwaltet und getaggt werden.

Bilder im Netz - eine Frage der Zusatzdaten

Constanze Kurz beim Symposium Mensch 3.0 an der Universität Duisburg-Essen.

Sie sind auch Mitglied in der Enquete-Kommission "Internet und digitale Gesellschaft" des Deutschen Bundestages. Welchen Stellenwert hat heute das Thema Netzpolitik im politischen Prozess?

Schon die Einsetzung dieser Enquete-Kommission ist ein deutliches Zeichen dafür, dass die Frage der Netzpolitik und unserer digitalen Zukunft viel stärker im politischen Prozess angekommen sind. Was wir da tun sollen, ist sich mit dem Hier und Jetzt und den zukünftigen Vorschlägen für den Gesetzgeber zu befassen. Ich habe ein sehr positives Bild von dieser Enquete-Kommission. Dort sitzen sehr viele Abgeordnete und Sachverständige, die ein ganz intensives Interesse an diesem Thema haben, sich austauschen und neue Ideen entwickeln. Auf der anderen Seite bilden sich auch die typischen politischen Prozesse ab. Das Proporzdenken, die strategischen Spielchen, die man aus der Politik kennt. Und die mir als Wissenschaftlerin eher fremd sind.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel bei der Frage, wie die Posten besetzt oder die Sachverständigen gesehen werden. Die gehören ja keiner Partei an, sondern sind von den Parteien nur berufen. Man sieht da die üblichen Spielchen, aber in der Kommission bemüht sich der Großteil tatsächlich, in der Sache zu reden. Nicht alle Entscheidungen sind sicherlich glücklich. Kontrovers wird vor allem die Frage gesehen, inwieweit die Wirtschaft im Netz Freiheiten haben darf. Und welche von diesen Freiheiten der Gesellschaft nützen und welche ihr eher schaden.

IPv6 - nachvollziehbares Surfverhalten

Ist Datenschutz eigentlich eine Generationenfrage? Sie kennen Computer ja noch aus einer Zeit, in der man hemmungslos die Kommandozeile benutzen musste...

...ich benutze die heute noch!

...und Sie gehen in Schulen. Wie nehmen eigentlich Jugendliche das Internet wahr?

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Generationen. Sehr junge Leute haben ohnehin eine andere Sicht aufs Leben. Zumindest dann, wenn sie noch nicht alleine wohnen und noch kein eigenes Konto haben. Man macht sich mit 14 nicht unbedingt Gedanken darüber, wie das Leben wohl mit 24 oder 34 aussieht. Ich würde aber nicht sagen, dass die Datenschutzproblematik eine Generationenfrage ist. Wir beobachten jetzt schon seit einiger Zeit, dass es in den Schulen und auch bei jungen Studenten ein klares Umdenken gibt. Schon alleine deshalb, weil mittlerweile auch die ältere Generation im Netz unterwegs ist. Das Bewusstsein, dass potentiell jedermann einsehen kann, was ich im Netz publiziere, hat sich schon ganz gut durchgesetzt. Allerdings sieht man signifikante Unterschiede beim Bildungsniveau. Da kann man schon feststellen, dass besser gebildete Jugendliche eine höhere Medienkompetenz haben und auch vorsichtiger mit ihrer Privatsphöre umgehen. Bei Erwachsenen ist das nicht anders. Datenschutz ist ein übergreifendes Problem und letztendlich auch eine Frage der Menschenwürde. Da kommt man sehr schnell in sensible Bereiche eines jeden Menschen. Und auch Kinder oder Heranwachsende haben natürlich ein Bedürfnis danach, Teile von dem, was sie sind und was sie tun, für sich zu behalten. Das ist ja die Essenz eines jeden Menschen.

Datenverschlüsselung - eine persönliche Entscheidung

Bild: Andreas Labes, S. Fischer Verlag

Wie sieht es eigentlich bei Journalisten mit dem Datenschutz aus? Viele meiner Kollegen haben ihren Mailaccount bei Google und kommunizieren - wie auch ich zumeist - mit unverschlüsselten Mails.

Ich habe mit relativ vielen Journalisten zu tun und meiner Einschätzung nach unterscheidet sich diese Berufsgruppe nicht signifikant von den anderen. Auch bei den Journalisten bildet sich nur ab, wie in der Gesamtgesellschaft mit Daten umgegangen wird. Die meisten Bürger benutzen keine Email-Verschlüsselung und kommunizieren über Anbieter, von denen sie wissen oder nicht wissen, dass sie deren Mails inhaltlich durchleuchten. In den vergangenen Jahren sind mir jedoch mehr und mehr Journalisten begegnet, die selbstverständlich Mail-Verschlüsselung benutzen. Insbesondere diejenigen, die investigativ arbeiten. Und ich muss auch ganz offen sagen, dass ich keinen Journalisten ernst nehmen könnte, der behauptet, investigativ zu recherchieren, und solche Techniken nicht beherrscht. Dasselbe gilt für Anwälte. Wer per Mail offen mit seiner Mandantschaft kommuniziert, den muss man ernsthaft fragen, ob er die Gesetzeslage kennt.

Zur Verteidigung der großen Masse muss man allerdings sagen, dass derartige Programme einiges an Geduld erfordern...

Ich würde mir auch wünschen, dass die Anbieter bei Mailprogrammen oder Festplattenverschlüsselung mehr Standardeinstellungen einbauen, damit die Anwender sich nicht so sehr bemühen müssen. Die Masse ist halt relativ träge. Man darf den Faktor Bequemlichkeit nicht unterschätzen. Letztendlich ist es eine Frage der persönlichen Prioritäten: Was sind mir meine Daten wert?

Veröffentlicht: 21.04.2011
Bitte gib hier die rechts gezeigte Zahl ein. Dies dient zur Abwehr automatisierter Einträge. CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn du die Zahl nicht lesen kannst, hier klicken.
Hinweis: Kommentare werden moderiert.


Pflichtlektüre

Eldoradio

DO1 TV

Journalistik Journal

Köpfe & Karrieren | Trends & Technik | Kritik & Kurioses | Spezial | News | Blog
 Suche | Newsfeeds | Redaktion | Impressum