Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

"Wir sind gegen die Krise"

Satire – das ist die hohe Kunst der humorvollen Gesellschaftskritik. Ein Meister dieses Fachs ist Martin Sonneborn, Herausgeber des Satire-Magazins Titanic und Bundesvorsitzender der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative – kurz die PARTEI. Ihr Ziel ist es unter anderem, die Mauer wieder aufzubauen und Deutschland endgültig zu teilen.

Martin Sonneborn macht Wahlkampf.

Am 7. Juni ist Europawahl. Wie stehen Sie zu Europa?

Martin Sonneborn: Europa finden wir gut. Wir haben uns vorgenommen, zuerst die Macht in Deutschland zu erringen, dann natürlich in Europa. Das ist der nächste folgerichtige Schritt. Ich glaube, dass wir eine Exportidee haben: die Idee, die Mauer wieder hochzuziehen. Denken Sie an Länder wie Belgien, Spanien, Frankreich, Schweiz, Österreich. Es gibt sehr viele Länder um uns herum in Europa, die eine Mauer brauchen, in denen es Bevölkerungsgruppen gibt, die sich abgrenzen möchten. Das ist ein menschliches Grundbedürfnis, sich vom Nachbarn abzugrenzen. Ich glaube, dass unsere große Zeit europapolitisch noch kommen wird.

Im Superwahljahr steht Einiges an. Wie wollen Sie bei den krisengebeutelten Menschen punkten?

Ein wichtiges Thema für uns ist natürlich die Krise. Ich werde bei Lesungen immer gefragt, wie wir zur Krise stehen. Ich sage das hier auch: Wir sind gegen die Krise. Wir werden die Krise beenden, sobald wir an der Macht sind. Und ich werbe derzeit auch damit, dass wir die einzige Partei sind, die über kein – ich wiederhole: kein – Wirtschaftskonzept verfügt. In einer Zeit, in der sämtliche anderen Parteien mit ihren Wirtschaftskonzepten gescheitert sind, lässt uns das die Herzen der Wähler erringen.

Weil Sie die Wähler mit anderen Themen ablenken?

Nein, weil wir einfach ganz offen sagen: Wir haben kein Konzept. Das ist immer noch besser, als ein falsches Konzept zu haben.

"Ehrenwort: Kein Schießbefehl an der neuen Mauer!"

Wie geht denn die Bundesregierung Ihrer Meinung nach mit der Krise um?

Ich habe neulich meinen Kollegen Tiefensee im Radio gehört.

Der große PARTEI-Führer über Wolfgang Tiefensee und die Abwrackprämie (mp3, 39 Sek.)

Ein Parteivorsitzender kann auch lachen.

Schon eine Idee, was nach der Abwackprämie noch einführenswert wäre?

Auf keinen Fall werde ich das hier im Dings (Anm. d. Red.: gegenüber Medien Monitor) kundtun. Es wird schwer, etwas zu ersinnen, das unsinniger ist als die Abwrackprämie. Aber wir haben fähige Köpfe, die daran sitzen.

Der Wahlkampf im Super-Wahljahr ist anstrengend für uns Wähler. Aber er ist sicherlich auch sehr anstrengend für Sie…

Nein, ich wähle nur selten. Ich wähle nur meine Partei.

Aber als Parteivorsitzender müssen Sie sich ständig der Presse zeigen, in den Medien präsent bleiben, den Wahlkampf managen.

Ach, das mache ich doch gerne. Es ist zum Wohle unseres Landes und nur das zählt.

Alkohol und Völkerverständigung

Wie stemmen Sie das, woher nehmen Sie die Kraft?

Alkohol. Alkohol hat viele Kalorien und aufputschende Wirkung. Das machen viele Politiker, ich bin da kein Ausnahmefall, glaube ich.

Gerade Bier scheint eine große Rolle in der PARTEI zu spielen. Alle Parteitage werden mit einer heiteren Saufrunde abgeschlossen.

Woher wissen Sie das?

Ich habe Ihr Buch gelesen.

Oh, okay. Ich ziehe die Frage zurück. Ich möchte sagen, dass wir noch relativ harmlos sind. Ich kenne ja fast alle Parteien von innen und natürlich wird in allen politischen Gruppierungen heftig getrunken in Deutschland. Aber im internationalen Vergleich können wir da nicht mithalten. Wir haben ja Außenpolitik gemacht in Georgien. Da haben wir außenpolitische Glanzpunkte gesetzt, als wir 2007 einen Staatsbesuch gemacht haben. Und wir sind dort auf Völker getroffen, die zum Abendessen mal eben neun Liter Bier trinken und uns auch Selbstgebranntes aus Flaschen ohne Etikett angeboten haben. Die Flaschen haben bereits begonnen, sich von innen aufzulösen. Der Selbstgebrannte wurde vor unseren Augen erst einmal angesteckt, um zu zeigen, dass er auch gut brennt. Insofern sind wir Waisenknaben hier in Europa, glaube ich.

Da müssen Sie wohl noch an Ihrer Trinkfestigkeit arbeiten, um außenpolitisch Eindruck zu machen bei so mächtigen Ländern wie Georgien.

Nein, es gibt da Tricks.

Sonneborn verrät seine Sauf-Kniffe (mp3, 25 Sek.)

Sonneborns Memoiren: "Das PARTEI-Buch. Wie man in Deutschland eine Partei gründet und die Macht übernimmt".

Aha, sehr trickreich von Ihnen. Wie entspannt ein großer Parteiführer in seiner Freizeit? Haben Sie überhaupt Freizeit?

Im Moment nicht. Aber sobald die Lesereise vorbei ist, habe ich wieder Freizeit. Ich schlafe dann einfach in echsenartiger Starre 24 Stunden am Tag.

Die PARTEI hat erkannt, wie wichtig mediale Inszenierung für die Politik ist. Wie kann Politik unterhaltsamer werden?

Wenn ich über ein Patentrezept verfügen würde, würde ich das hier auf gar, gar keinen Fall von mir geben. Ich möchte nicht, dass die FDP morgen genauso in die Medien kommt wie wir. Es gibt aber genug unterhaltsame Politiker. Ich habe für eine kleine Serie, "Hinterbänkler heute", auf Spiegel Online in der Satirerubrik "Spam" mal Hinterbänkler des Deutschen Bundestages besucht und habe mit ihnen Späße gemacht, die wir gefilmt haben. Und dort gibt es extrem unterhaltsame und witzige Leute.

Resignierter Galgenhumor, weil sie ganz hinten sitzen?

Nein, die waren nicht resigniert. Ich habe denen gesagt, dass wir ein Interview machen und die waren aufgeregt und freuten sich, dass sie mal interviewt werden. Ich habe sie einfach nur gebeten, mir ihren Tagesablauf zu schildern. Und das so, dass man das auch auf 20 bis 30 Sekunden bringen kann. Das mussten sie dann teilweise vier- oder fünfmal hintereinander machen. Da kamen schon sehr unsinnige Sachen zum Schluss raus. Oder ich habe mir Anekdoten erzählen lassen. Da sind extreme Hammer-Anekdoten dabei gewesen.

Ich stelle Sie jetzt vor die Wahl: Mit wem würden Sie lieber in die Sauna gehen? Angela Merkel oder Oskar Lafontaine?

Natürlich mit Oskar Lafontaine. Der sieht doch viel besser aus.

Obama oder Kim Jong Ill?

Man weiß nicht, ob Kim Jon Ill noch lebendig ist, insofern würde ich beides ablehnen, glaube ich.

Guttenberg oder Steinbrück?

Guttenberg hat zu großen Irritationen geführt.

Sonneborn outet sich als Guttenberg-Fan (mp3, 25 Sek.)

Der offizielle Buch-Trailer

Mehr über die PARTEI und ihr Zentralorgan Titanic:

www.die-partei.de

www.titanic-magazin.de

Interview: Agnes Absalon
Teaserfoto: Patrick Pekal
Fotos: Patrick Pekal, KiWi Verlag
Audio: Agnes Absalon
Video: Die PARTEI

Veröffentlicht: 07.06.2009
Bitte gib hier die rechts gezeigte Zahl ein. Dies dient zur Abwehr automatisierter Einträge. CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn du die Zahl nicht lesen kannst, hier klicken.
Hinweis: Kommentare werden moderiert.


Pflichtlektüre

Eldoradio

DO1 TV

Journalistik Journal

Köpfe & Karrieren | Trends & Technik | Kritik & Kurioses | Spezial | News | Blog
 Suche | Newsfeeds | Redaktion | Impressum