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Willkommen im Manga-Land

Am Samstag wird das Rheinufer in Düsseldorf wieder zur Wunderwelt. Zum Japan-Tag werden tausende Manga-Fans erwartet. Seit zehn Jahren begeistern japanische Manga-Comics und Anime-Zeichentrickfilme auch deutsche Jugendliche. Bibliotheken richten eigene Manga-Abteilungen ein und in Internetforen tummeln sich immer mehr Gleichgesinnte. Warum sind Manga und Anime so beliebt? Wissenschaftler haben dafür viele Erklärungen.

Kuriose Kostüme sind auch dieses Jahr beim Japan-Tag zu erwarten.

Düsseldorf. Wer an diesem Samstag ans Rheinufer in Düsseldorf kommt, muss sich wie Alice im Wunderland fühlen – überall mittelalterliche Prinzessinnen, Ritter und Zauberer. Plötzlich schwebt ein Flughörnchen oder Astronaut vorbei. Aber keine Angst – am Rheinufer gibt es keine Löcher, durch die Spaziergänger in eine Phantasiewelt stürzen – es ist nur Japan-Tag. Jedes Jahr im Frühsommer treffen sich hierfür Fans der japanischen Mangas und verwandeln das Rheinufer in ein Meer aus bunten Farben und Kostümen.

Die Fans kommen aus ganz Deutschland. Sie haben sich wie die Figuren in den Comics verkleidet. Dieses Spiel nennt sich "Cos-Play" – das ist eine Abkürzung für "Costume Play", wörtlich übersetzt bedeutet das "Kostümspiel". Für die Teenager, die letztes Jahr zum Japan-Tag nach Düsseldorf gekommen sind, ist diese Welt "fantasievoll und romantisch", dem nächsten Teilnehmer "macht es total Spaß", und eine weitere Besucherin sagte: "Farbe und Zeichnungen sind so schön." Die 14-jährige Melissa aus Koblenz, die im vergangenen Jahr mit dabei war, erzählt: "Ich schaue japanische Anime, seitdem ich sechs Jahre alt bin." Bücher lesen findet sie langweilig. Luise (16 Jahre) war 2008 extra aus Berlin angereist. Auch sie findet: "Mangas sind viel spannender."

Mangas sind in Deutschland poplär.

Mitte der 90er Jahre wurden die japanischen Anime-Serien "Dragonball" und "Sailormoon" erstmals hier zu Lande im Fernsehen ausgestrahlt – heute sind sie unter deutschen Jugendlichen so populär wie nie zuvor. In vielen Buchhandlungen füllen die Manga-Comics ganze Regale, unzählige Internet-Fanseiten fesseln die Jugendlichen vor ihren Bildschirmen. Offizielle Zahlen zum Umsatz mit Mangas in Deutschland gibt es nicht. Der redaktionelle Leiter für Mangas im Calsen-Verlag, Kai-Steffen Schwarz, sagt, der Markt habe sich erst in den letzten zehn Jahren entwickelt. Sein Verlag ist in Sachen Mangas der Marktführer in der Bundesrepublik. "Wir schätzen den gesamten Umsatz deutschlandweit heute auf 50 bis 60 Millionen Euro jährlich", sagt Schwarz.

Gründe für den Boom

Die Figuren sind meistens kindlich gezeichnet und haben große Augen.

Was ist das Erfolgsgeheimnis der putzigen Figuren aus Japan? "Manga-Comics haben einen niedrigen Sprachanteil", erklärt der Medienwissenschaftler Professor Franz Josef Röll von der Fachhochschule Darmstadt. "Die Handlung ist besonders anschaulich und temporeich. Mangas erinnern daher an einen Film und lassen sich entsprechend einfach und schnell verstehen." Auch in ihrer Symbolik unterscheiden sich Mangas stark von den amerikanischen Comics. Die Figuren aus Ostasien sind zum Beispiel meistens kindlich gezeichnet und haben große Augen. "Sie haben eine präzisiere visuelle Dramaturgie", sagt Röll. Bei den Jugendlichen sind die Mangas außerdem beliebt, weil sie sich mit ihnen von den Anstrengungen der Schule ausruhen können. "Mit Hilfe von Mangas können Jugendliche ihrem Alltag entfliehen", sagt Röll. Das hat sich herumgesprochen. "Mund-zu-Mund-Propaganda unter den Jugendlichen ist eine effektive Werbung", so der Medienwissenschaftler.

Schüler finden Lösungen ihrer Alltagsprobleme

Besonders Mädchen sind von Mangas begeistert.

Klassische amerikanische und europäische Comics sprechen mit ihren actionlastigen Superhelden-Geschichten vor allem Jungen an – für Mädchen im Teenager-Alter gab es dagegen lange Zeit kein Angebot. In diese Lücke sind die Manga-Comics vorgestoßen: "Sie setzen auf andere Themen, wie zum Beispiel aus den Bereichen Fantasy, Mystery, Sport- oder Liebesromanzen", erklärt der Japanologe Björn-Ole Kamm vom Ostasiatischen Institut der Universität Leipzig. Japanische Comics haben außerdem mehr mit dem Alltag von Jugendlichen zu tun. "Hier spiegeln sich Probleme wider, mit denen sie konfrontiert werden - etwa Freundschaften oder die erste Liebe", so Kamm. Die Folge: In der Comic-Branche hat sich einiges geändert. "Bis in die 90er Jahre hinein waren neun von zehn Comic-Lesern Jungen", analysiert der Japanologe. "Heute sind 70 Prozent aller Leser Mädchen."

Gemeinschaft für Jugendliche

Mangas lassen sich relativ einfach nachzeichnen.

Die Mangas sind auch deswegen so beliebt, weil sie sich relativ einfach nachzeichnen lassen. Außerdem können sich die Fans verkleiden wie die Figuren in den Comics – so wie beim "Cos-Play" in Düsseldorf. "Jugendliche können leicht in die Manga-Welt eintauchen", sagt Jaqueline Berndt, Professorin an der Yokohama National University in Japan. Sie beschäftigt sich aus kunstwissenschaftlicher Sicht mit den Mangas.

Da viele Jugendliche Mangas mögen, tauschen sie sich aus. Wer kann die Figuren am besten nachzeichnen? Wer hat das schönste Kostüm? Die Fans werden durch diese gemeinsamen Interessen zu einer Gemeinschaft. Das war sogar schon vor den Zeiten des World Wide Web so. "Früher waren die Leser über Briefe an die Zeichner indirekt miteinander vernetzt, heute sind sie es weltweit über das Internet", sagt Professorin Jaqueline Berndt. Junge Leute fühlen sich durch diese Gemeinschaft nicht mehr allein.

Folgen des Manga-Booms

Mehrere Manga-Fans haben japanische Brief-Freunde.

Die Begeisterung für Mangas hat dazu beigetragen, dass sich der Wandlungsprozess unter Kindern und Jugendlichen von der Wort- zur Bildkultur fortsetzt. "Mangas bieten ihnen Anregungen zur Lebensbewältigung", sagt Medienwissenschaftler Röll. Zumal die Charaktere durch Symbole gekennzeichnet seien, welche die Leser aus Märchen und Mythen kennen. Röll weist aber auch auf ein Problem hin: "Teilweise gibt es in den Mangas unnötige Gewaltszenen." Nachgewiesen ist es allerdings nicht, dass Jugendliche durch Mangas eher zur Gewalt neigen. "Es ist aber sicherlich ungünstig, wenn Kinder und Jugendliche durch Mangas den Eindruck bekommen, dass Konflikte vor allem mit Gewalt gelöst werden können", sagt Röll. Der Japanologe Kamm erwartet durch die Mangas einen größeren Kulturaustausch zwischen Deutschland und Japan. "Als positiver Nebeneffekt hat die Zahl der Japanologie-Studenten zugenommen. Auch reisen mehr junge Leute nach Japan. Und durch das Internet entstehen viele Brieffreundschaften zwischen jungen Deutschen und Japanern".

Text und Fotos: Shozo Yorozu

Veröffentlicht: 10.06.2009
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