Interview
"Wie eine Droge"
DWDL.de-Chef Thomas Lückerath hat in den letzten zehn Jahren viele Menschen genervt: Freunde, Eltern, Fernsehsender. Sie alle haben seine Idee von einem Online-Medienmagazin nicht so richtig ernst genommen. Inzwischen ist aus der fixen Idee eines Schülers ein erfolgreiches Kleinunternehmen geworden.

- Mittlerweile kennt das Medienmagazin von Thomas Lückerath (29) in der Branche fast jeder. Im November feierte die Redaktion den 10. Geburtstag.
2001 ging es für zwei Branchen wirtschaftlich den Bach runter: Internet-Startups und werbefinanzierte Medien. Sie erfanden im selben Jahr DWDL, eine Mischung aus beidem. War Ihnen das damals klar?
Dass diese Branchen generell den Bach runter gehen, war mir damals schon klar. Aber wir haben nicht mit der Ahnung angefangen, dass das mal so groß werden könnte. Ich habe damals bei NBC Giga gearbeitet, also Internet- und Fernsehjournalismus gleichzeitig gemacht, und deshalb war ich natürlich interessiert an Meldungen aus der TV-Branche. Überrascht hat mich, dass es dafür kein wirkliches Online-Medium gab. Es gab zwar die Seite von kress, aber die wurde nur einmal am Tag - nachmittags - aktualisiert. Irgendwann habe ich festgestellt, dass die meisten Meldungen, die dort veröffentlicht wurden, schon vormittags in der Welt sind und bei NBC Giga haben wir damals schon permanent veröffentlicht. Das hat mich irritiert und so habe ich mit einem Freund eine Webseite gebaut, die diese Meldungen einfach früher veröffentlicht.
Das eine ist ja, dass man sich darüber ärgert - aber dann als Schüler selbst eine Webseite für Medienjournalismus zu betreiben, das ist ja noch einmal etwas anderes.
Ich weiß gar nicht, ob wir am Anfang wirklich wussten, dass das Medienjournalismus ist. Das war zwar auch damals schon eine Gattung, aber wir haben einfach gedacht: Wir machen da jetzt mal eine Webseite, die diese Medienmeldungen früher veröffentlicht. Das war erstmal nur ein ganz banaler Vorteil gegenüber kress, aber das hat gut funktioniert. Die Leser haben das gemerkt und nach einem halben Jahr hatten wir schon relativ gute Besucherzahlen.
Betteln um Pressemitteilungen
Haben die Sender, über die Sie berichtet haben, Sie denn überhaupt erstgenommen?
Nein. Das war damals ja auch eine Zeit, in der Pressemitteilungen noch per Fax verschickt wurden. Wir hatten kein Faxgerät und mussten dann oft darum bitten, dass die Pressestellen extra für uns eine eMail schicken. Außerdem war es denen ganz suspekt, dass da eine Webseite anfragt, die keinem Verlag gehört. Wir haben in dem Zusammenhang in den ersten Monaten offen gesagt auch journalistische Fehler gemacht. Aber wir hatten am Anfang ja auch gar keine höheren Ziele. Wenn ein Sender uns ernst genommen und uns Informationen gegeben hat, dann haben wir das oft viel zu groß gefahren. Zum Beispiel habe ich damals im ersten Monat eine vierteilige Fernsehkritik über eine neue Talkshow von Tobias Schlegel geschrieben und zu einigen anderen Sendern gar nichts. Das hatte mit Ausgewogenheit natürlich nichts zu tun.
Wahrscheinlich, weil das alles so ein bisschen learning-by-doing-Journalismus war, oder?
Ja, ich habe parallel bei RP Online als Nachrichtenredakteur gearbeitet und das war eine gute und wichtige Schule, um Grundregeln des Journalismus zu lernen. Und ich hatte wirklich Glück, denn mein damaliger Chef dort hat mir erlaubt, auch während der Arbeitszeit DWDL zu aktualisieren, falls da was Dringendes anfällt. Umgekehrt konnte RP Online später von DWDL-Meldungen profitieren.
"Meine Eltern haben das nicht verstanden"

- Thomas Lückerath hat das Kinderzimmer gegen Redaktionsräume getauscht - die Webseite, an der er arbeitet, ist aber noch dieselbe wie früher.
Stattdessen hätten Sie sich ja auch voll und ganz in Ihren neuen Job bei RP Online hineinknien können. Aber Sie haben weiterhin viel unbezahlte Arbeit in DWDL gesteckt. Ein Hobby, das zu diesem Zeitpunkt nur Geld kostete, anstatt welches zu bringen. Später haben Sie sogar Ihr Studium dafür unterbrochen. Warum haben Sie so sehr daran festgehalten?
Frag ich mich manchmal auch. Studiert habe ich übrigens - das kann ich ganz offen sagen - zunächst einmal nur, um bei RP Online als studentische Aushilfskraft arbeiten zu können. Habe das Studium dann jedoch aus Interesse doch ein paar Jahre verfolgt. Das Projekt DWDL war irgendwann wie eine Sucht. Wenn man merkt, dass das, was man schreibt, von anderen Leuten gelesen und geschätzt wird und es vielleicht sogar etwas bewegt, dann macht das Spaß - wenn man dann merkt, dass dieses Baby, das man immer tätscheln und pflegen musste, auf einmal laufen lernt. Wenn der erste Journalist plötzlich DWDL zitiert, dann merkt man, da ist etwas entstanden, das größer geworden ist als anfangs gedacht. Am Anfang hat man noch gedacht "Wie krieg ich verdammt noch mal Besucher auf diese Seite" und plötzlich hatte das ein Eigenleben. Das war dann wie eine Droge.
Haben Ihre Eltern das verstanden?
Nein, haben sie anfangs nicht. Es gab häufig Diskussionen darüber, dass das ein viel zu teures Hobby sei. Weil ich dann irgendwann natürlich auch zu Presseterminen gegangen bin, und da muss man ja auch konsequent sein und nicht nur zu den Terminen fahren, die in der Region sind. Also habe ich das Geld, das ich bei RP Online verdient habe, sehr stark dort hinein investiert. Meine Eltern sorgten sich lange um Zeit und Geld, das ich da investiere.
Geheimniskrämerei um den Namen
Die Seite heißt von Anfang an "DWDL" und Sie weigern sich von Anfang an zu sagen, wofür diese Buchstaben stehen. Es muss etwas unglaublich Peinliches sein.
Nee, eigentlich gar nicht unglaublich peinlich. DWDL steht natürlich für etwas Ausgeschriebenes und diese ausgeschriebene Domain hatte ich damals registriert. Uns fiel kein besserer Name ein und irgendwann meinte mein Kompagnon damals "Wir brauchen jetzt bald mal einen Namen". Und ich habe dann gesagt: "Komm, wir nehmen jetzt erstmal die Abkürzung davon und dann überlegen wir noch mal zwei Wochen." Und dann sind wir irgendwie dabei geblieben. Jetzt ist aber das Problem: Alle denken, es stünde für wer weiß was, aber es ist eigentlich total banal. Bei der großen Erwartungshaltung wäre es eine Enttäuschung, wenn ich es auflösen würde. Also lassen wir's beim Geheimnis.
Ein paar Leute haben Sie ja eingeweiht. Wie viel muss man mit Ihnen trinken, um es herauszubekommen?
Hängt von der Tagesform ab. Viel, glaube ich. Und oft. Dann gibt's eine Chance.
Also Ihre Redakteure wissen es?
Nicht alle. Aber es ist auch mittlerweile zum Glück mehr Eigenname geworden als Abkürzung, und die Fragen aus der Branche dazu sind weniger geworden. Darüber bin ich ganz froh. Die haben sich jetzt damit abgefunden, dass ich es nicht sage.
Letzter Versuch: Steht das W für ein Verb?
Nein.
In Interview-Partner einen Investor gefunden

- Bei DWDL sind neben Lückerath (2. v. l.) drei Mitarbeiter fest angestellt: Alexander Legge für den Vertrieb sowie Alexander Krei und Uwe Mantel als Redakteure (v. l.).
Die Konkurrenz von kress ist 2003 mit dem Versuch gefloppt, ihr Angebot kostenpflichtig zu machen. Wie wichtig war das für DWDL?
Sehr wichtig. Da muss ich den Kollegen auch noch mal danken. Wir wussten davon, dass kress das vorhatte. Wir wussten das schon ein paar Wochen vorher und haben dann genau an dem Tag, als kress die Bezahlschranke runterließ, selber einen Relaunch gemacht, um unseren Webauftritt nochmal zu verbessern - aber kostenlos zu bleiben. Wir haben uns von da an als offene und kostenlose Alternative positioniert. Das hat in den Nutzerzahlen einen enormen Schub gebracht, wir hatten von einen Tag auf den anderen über 50 Prozent mehr Leser. Und das wiederum hat uns inhaltlich sehr geholfen, weil dann plötzlich Leute aus der Branche, die etwas sagen wollten, hin und wieder nicht mehr zu kress gegangen sind, sondern zu uns. Weil sie die Sorge hatten, dass es ansonsten nicht die breite Masse erreicht.
Wie wurde daraus dann ein Job, von dem Sie leben konnten?
Zuerst haben wir uns einen Werbevermarkter gesucht, das brachte am Anfang aber gerade mal 150 Euro im Monat, also eher ein Zuschuss zur Reisekasse. Ich hatte dann 2005 ein Interview mit Marc Schubert, damals Geschäftsführer bei einer Fernsehproduktionsfirma, der sich ganz begeistert von DWDL.de zeigte. Ich habe das erstmal als versuchte Schmeichelei abgehakt und wieder vergessen. Anfang 2006 aber erhielt ich einen Anruf, dass Herr Schubert nochmal sprechen wolle. Es gab Pläne für eine Medienholding mit diversen Unternehmen - wovon eins DWDL sein könnte. Wir haben dann in der Folge die DWDL.de GmbH gegründet und sind nach Köln gezogen.
Vier Angestellte - aber die Einnahmen blieben aus
Der Investor hat dann gesagt "Hier ist Geld, such dir ein Büro, such dir deine Leute und dann mal los"?
Im Prinzip schon, ja.
Waren diese Leute, die Sie dann angestellt haben und die mit nach Köln gezogen sind, Ihre Freunde und Bekannten, die mit Ihnen vorher unbezahlt an DWDL geschrieben haben?
Das waren weniger Freunde und Bekannte in dem Sinne, dass es einfach irgendjemand war. Das waren damals dann schon jahrelange Kollegen, die aus Spaß an der Medienbranche angefangen hatten, weil wir in den ersten Jahren ja kein wirkliches Geld damit verdienen konnten.
Dann haben diese drei, vier Leute ihre bisherigen Jobs und Wohnungen aufgegeben und sind mit Ihnen nach Köln in eine ungewisse Zukunft gezogen. Das war doch eine riesige Verantwortung, die Sie plötzlich auch denen gegenüber hatten.
Ja, das war es. Und in stillen Momenten sorgt man sich dann auch, ob man hier Kollegen, die längst Freunde geworden waren, nicht zu einem waghalsigen Abenteuer überredet hat. Gerade im ersten Monat, weil wir - wie sich herausstellte - mit zu hohen Erwartungen gestartet waren in Köln. Mehr redaktionelle Inhalte und steigende Reichweiten sorgten nicht unmittelbar für steigende Einnahmen. Die erste Überweisung unseres Online-Vermarkters war dann jedoch immer noch nur dreistellig. Wenn man mit vier Festangestellten arbeitet, weiß man, dass das nicht klappen kann. Gott sei Dank hatten wir damals einen Mehrheitsgesellschafter, der wusste, dass man mit Journalismus nicht über Nacht Geld verdienen kann. Der hat den Kurs unterstützt, in Inhalte zu investieren.
Vor einem Jahr konnten Sie dann zum ersten Mal schwarze Zahlen schreiben. Wie haben Sie die Kurve gekriegt?
Die Kurve gekriegt haben wir Anfang 2008 mit der Entscheidung, die Vermarktung auch intern mit einem Mitarbeiter zu verstärken, der gezielter Kunden ansprechen kann. Vermarktungsagenturen können für das Grundrauschen sorgen, aber wer Websites vom Taubenzüchterverein bis zum Motorradmagazin vermarktet, kann bei der Vielzahl der unterschiedlichen Zielgruppen nicht so gezielt agieren, wie wir es selbst können. Wir vermarkten, stärker als die Agentur, weniger über Reichweite als über die Zielgruppe.
Kleinkrieg mit der Konkurrenz

- Redakteur Uwe Mantel (27) bei der Arbeit in den Redaktionsräumen im Kölner Friesenviertel.
Sie als Person und DWDL als Redaktion sind ja sehr aktiv bei Twitter...
Ich als Privatperson habe mich vor Weihnachten von Twitter zurückgezogen.
Wieso das?
Ich habe für mich entschieden, dass ich da nicht mehr als Privatperson auftreten will. Man kann entweder beruflich kommentieren oder privat posten. Aber ich habe weder den Drang ein weiterer Social-Media-Experte und Linktipp-Geber zu sein, noch will ich allzu Privates öffentlich machen. Wenn ich da reinschreibe, dass ich krank bin zum Beispiel. Das hat man früher auch nicht im Supermarkt ans Schwarze Brett gepinnt. Muss nicht sein. Und dann bliebe nur noch Belangloses übrig. Ich konzentriere mich jetzt aufs berufliche Twittern über den DWDL-Account, denn ich finde Twitter weiterhin faszinierend. Daran hat sich nichts geändert.
Stichwort Kommentare zu der Branche: Es gibt da so einen merkwürdigen Kleinkrieg zwischen Ihnen, Meedia und Quotenmeter.de. Sie bezeichnen die Arbeit der Konkurrenz öffentlich bei Twitter als "dämlich" und "Schwachsinn". Warum?
Ob genau diese Worte fielen, weiß ich jetzt nicht. Aber ich glaube, dass es nicht ungewöhnlich unter Wettbewerbern ist, dass man sich manchmal über Leistungen oder Beiträge sehr wundert.
Aber das wird nicht immer so in der Öffentlichkeit ausgetragen.
Das stimmt. Da irritiert es vielleicht, dass ich das gerade raus sage und nicht hinterrücks tue. Ich rege mich eben über schlechten Journalismus auf. Gerade, wenn man mit viel Leidenschaft über Jahre hinweg hart daran arbeitet, dass Online-Journalismus nicht nur inhaltlich akzeptiert wird, sondern sich auch wirtschaftlich rechnet. Und das mit Festangestellten zu vernünftigen Gehältern. Unser Geschäft basiert z.B. nicht auf Dumping-Lohn-Journalismus. Darüber bin ich froh, weil ich ja anfangs jahrelang erlebt habe, wie das ist, wenn man viel arbeitet, aber nichts dafür bekommt. Leidenschaft ist ein guter Antrieb, aber zahlt am Ende keine Rechnung. Ich bin froh, dass DWDL.de sich inzwischen trägt und das zu fairen Konditionen für alle.
Aber dann müssten Sie über sich selbst von vor sechs Jahren ja ziemlich schimpfen.
Ja, ich kann heute nachvollziehen, wie sehr sich damals Kollegen - zum Beispiel von kress - darüber aufgeregt haben, wie wir das gemacht haben. Kann ich sehr gut nachvollziehen. Vielleicht ist man deswegen auch selbst sehr sensibel, wenn man in der Verantwortung für Arbeitsplätze von Kollegen ist.
Kuriose Ähnlichkeit von Quotenmeter.de und DWDL.de
Quotenmeter.de ist ähnlich aufgebaut und die Themen sind oft die gleichen. Bei denen geht es ständig um New York, bei Ihnen geht es ständig um New York. Die feiern jetzt ihren 10. Geburtstag und Ihre Seite auch. Warum sind Sie sich so unglaublich ähnlich?
Keine Ahnung. Wir waren zuerst da. Thematisch sind die ein Konkurrent. In allen anderen Dingen aber nicht. Was das von Ihnen angesprochene Engagement vor Ort angeht, zum Beispiel. Wir begleiten Branchenevents, egal ob es das studentische Medienforum Mittweida ist oder die Emmy-Verleihung in Los Angeles. Das kostet Geld, aber ist dann Journalismus aus erster Hand. Und macht natürlich Spaß. In New York haben wir übrigens seit Juni einen festen Kollegen, weil wir noch stärker direkt Eindrücke von drüben einbinden wollen.
Trotzdem hat Quotenmeter.de eine ähnliche Reichweite wie Sie.
Mit Reichweite allein verdienen Sie aber kein Geld, das meinte ich gerade mit der Vermarktung von Anzeigen.
Wie wollen Sie sicherstellen, dass DWDL auch in Zukunft genug Geld abwirft? Planen Sie Paid-Content, vielleicht eine App, mehr Web-TV...?
Paid-Content nicht. Das haben wir für uns ausgeschlossen. DWDL war, ist und bleibt kostenfrei. Beim Thema App hatten wir bisher nicht so richtig den Sinn für uns entdeckt, weil wir nur Text-Inhalte haben, die sich auch über ein Mobilportal anbieten lassen, ganz ohne Download. Aber ganz ausschließen möchte ich das Thema DWDL-App für 2012 nicht. Wir haben da so eine Idee. Vor allem wollen wir im kommenden Jahr aber in der Berichterstattung internationaler werden. Wir haben schon immer ziemlich viel aus den USA berichtet und wollen das jetzt ausbauen, genauso den Blick auf den britischen Markt ausweiten, weil wir neugierig drauf sind.
Herr Lückerath, vielen Dank für das Gespräch.
Interview: Timo Spieß
Fotos: DWDL.de (2), Timo Spieß (2)

Vielen Dank für das sehr lesenswerte und interessante Interview. Durchaus viele private Einblicke von einem Menschen, der stetig an seiner Idee und seinen Zielen festhält und so schlußendlich auch einen gewissen Erfolg hat. Danke!
Kristin Hansen erklart in ihrem Blog, was genau es mit der Fruhjahrsmudigkeit auf sich hat. LVZ-Online | Leipzig Posted in Leipzig Tags: Bildung, Fruhling, Mudesein, Schlafsehnsucht, Sonnenschein, vruses
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