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Wie die Lemminge

Foto: ARD
George Bush bald nur noch mit Untertiteln?

Die publizistische Kultur deutscher Medien erinnert mitunter an Lemminge: Einer tappt in die Irre und der Rest marschiert sorglos in die falsche Richtung. Das jüngste Beispiel einer AFP-Falschmeldung bestätigt diese Einschätzung.

Am 10. April, kurz nach 16 Uhr, lief in zahlreichen Redaktionen folgende AFP- Meldung über den News-Ticker:

Die Falschmeldung:

"Fernsehfilme in Englisch oder anderen Sprachen sollen nach dem Willen des Europaparlaments künftig in ARD und ZDF nur noch im Original mit Untertiteln laufen. Eine entsprechende Erklärung gegen die Synchronisierwut nahmen die Abgeordneten am Mittwoch (9.April 2008, Anm. d. Red.) in Brüssel an."

Abgesehen davon, dass ein solcher EU-Beschluss, entspräche er der Wahrheit, eine Revolution in der deutschen Fernsehlandschaft auslösen würde, gibt die Nachrichtenagentur die Pressemitteilung des EU-Parlaments absolut falsch wieder. Lediglich die Untertitelung der Sendungen sollte standardmäßig eingeführt werden, um auch Schwerhörigen und Tauben den Zugang zum Programm zu ermöglichen. In der Pressemitteilung des Europäischen Parlaments heißt es dazu:

Eigentlich unmissverständlich:

"Mit der Untertitelung könne gewährleistet werden, dass alle Bürger, einschließlich der Gehörlosen und der Schwerhörigen, Zugang zum vollständigen Programmangebot haben".

Kein Wort von "Synchronisierwut" oder "Originalfassungen mit Untertiteln". Es handelte sich also nicht um einen verspäteten Aprilscherz, sondern um ein mediales Missverständnis: Agence-France Presse setzte damit eine lange Kette weiterer Falschmeldung in Gang. Die Rheinische Post, BILD, WAZ und auch Spiegel-Online, um nur wenige zu nennen, verzichteten auf eine eigene Recherche und verbreiteten die spektakuläre Nachricht munter weiter.

Im Anschluss an die Falschmeldung überschlugen sich in den Medien die Spekulationen über mögliche Konsequenzen: Siegel-Online fragte ängstlich: "Bush bald nur noch mit Untertiteln?" Der Kölner Express befürchtete einen "neuen EU-Wahnsinn", die FAZ hingegen unterstellte dem EU-Parlament ein "seltsames Verständnis von Pressefreiheit".

Bevor der Sturm entrüsteter Fernsehzuschauer jedoch losbrechen konnte, wurde die Meldung als "Ente"; entlarvt und als "Nachrichtenpanne" (WAZ) abgetan. Doch kein klassisches Medium, sondern der Medienjournalist Stefan Niggemeier wies die Agentur nach eigenen Angaben auf die falsche Interpretation der Pressemitteilung hin. Ein Missverständnis, das mit einem Mindestmaß an Logik hätte vermieden werden können, da in der AFP-Meldung abenteuerlich argumentiert wird. Die Nachrichtenagentur schob eine "Begründung" für den zukünftigen Verzicht auf Synchronisation ausländischer Beiträge bei den Öffentlich-Rechtlichen nach, die ebenfalls nicht in der Pressemitteilung auftaucht:

Englisch für Taube?

"Originalversionen trügen nicht nur zum Lernen von Fremdsprachen bei, sondern seien auch besser für Schwerhörige oder Taube, heißt es in dem Beschlusstext."

Man kann davon ausgehen, dass taube Fernsehzuschauer weder Deutsch, noch Englisch oder Serbo-Kroatisch verstehen. Ihre Taubheit ist quasi multi-lingual. Folglich kann es ihnen egal sein, ob Filme mit originaler Tonspur gezeigt werden, solange sie nur mit Untertiteln in ihrer Landessprache laufen. Spätestens an dieser Stelle hätte den meisten Redakteuren aufgehen müssen, dass es sich um eine offensichtliche Fehlinterpretation einer an sich unspektakulären Pressemitteilung handelt.

Mehr zum Thema:

Was denkt der Medienjournalist Stefan Niggemeier über die Pressepanne?

Text: Janis Brinkmann
Bild: ARD Fotodatenbank: Aus: "War made easy" (Phoenix am 13. Mai 2008 um 21.00 Uhr)

[Artikel Drucken]Veröffentlicht: 04.05.2008
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