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Interview

"Wer nicht wagt, der nicht gewinnt"

Inge Günther ist seit 14 Jahren Auslandskorrespondentin in Israel für die "Frankfurter Rundschau" und die "Berliner Zeitung". Im Interview erzählt sie, wie sie an die Stelle kam und wie es ist, über einen der Brennpunkte des Weltgeschehens zu berichten.

Inge Günther

Wie ist das Wetter gerade in Israel?

Das Wetter ist sonniger als hier. Am Tag meines Abfluges waren es nachmittags noch rund 25 Grad. Man sollte sich aber nicht täuschen. Nachts kühlt es stark ab.

Sprechen Sie eigentlich Hebräisch?

Ich spreche ein bisschen Hebräisch und ein bisschen Arabisch. Ich sage "ein bisschen", da ich mir in beiden Sprachen eigentlich mehr Kompetenz wünschen würde. Allerdings ist es so, dass man die meisten Interviews auch auf Englisch führt.

Ist es nicht eine Grundvoraussetzung für eine Auslandskorrespondentin die Landessprache zu beherrschen?

Nicht unbedingt. Sie werden in Israel nicht viele Korrespondenten finden, die fließend Hebräisch oder Arabisch beherrschen. Englisch ist ja auch Amtssprache in Israel und man findet viele Medien, die in Englisch erscheinen.

Stößt man als Deutsche noch immer auf Vorurteile seitens der Israelis?

Aus israelischer Sicht sind die Deutschen die zweitbesten politischen Freunde nach den Amerikanern und die verlässlichsten Partner innerhalb der Europäischen Union. Ich habe eigentlich nie das Problem gehabt, dass Gesprächspartner nicht mit mir reden wollen, weil ich Deutsche bin. Auch bei älteren Israelis ist mir das nicht passiert. Im Gegenteil. Ich habe viele Holocaust-Überlebende oder deren Angehörige kennengelernt und meistens waren sie sogar sehr interessiert daran, mit mir zu reden. Nur ein einziges Mal wollte ein rechtsextremer Siedler wegen meiner Herkunft nicht mit mir reden. Es hat sich in den Köpfen der Israelis seit den 60er und 70er Jahren viel geändert. Das liegt auch am Bemühen Deutschlands, Israel in vielen Bereichen zu unterstützen.

Wie wird man Auslandskorrespondentin mehrerer renommierter deutscher Tageszeitungen?

Als mein Vorgänger die Brocken hinschmeißen wollte, habe ich mich beworben. Natürlich gab es Konkurrenz und Mitbewerber, aber mein damaliger Chefredakteur bei der Frankfurter Rundschau hatte sich dann eben für mich entschieden. Ich war vorher schon mal in Israel gewesen und hatte dort eine Recherchereise gemacht. Es ist sicherlich sinnvoll, vorher schon mal längere Zeit in dem Land oder der Region, in der man arbeiten möchte, verbracht zu haben.

Sind Sie festangestellt?

Nein. Festangestellt ist man heutzutage als Auslandskorrespondent in der Regel nicht. Ich habe einen Honorarvertrag bei den Neven/DuMont-Zeitungen und noch mehrere Einzelverträge bei anderen Zeitungen. Ich war Festangestellte bei der Frankfurter Rundschau in Deutschland, ich wollte aber wieder mehr schreiben - und da ergab sich die Chance in Israel. Ich dachte mir "Wer nicht wagt, der nicht gewinnt" und wechselte aus der Festanstellung in den Honorarvertrag, denn das war die Voraussetzung. Ich bin das damals eingegangen und habe es auch nie bereut.

Sie sind seit 14 Jahren Korrespondentin in Israel. Wie hat sich Ihre Arbeit im Laufe der Jahre geändert?

Sie hat sich enorm geändert. Es gab früher einfach mehr Platz in den Tageszeitungen für die Auslandsberichterstattung. Viele Chefredakteure denken heute, dass die Leser eher lokale oder regionale Berichterstattung interessiert als das, was im Ausland passiert. Das ist nicht unbedingt meine Meinung, gerade beim Nahost-Konflikt ist das Interesse aus deutscher Sicht eigentlich immer da. Aber der Trend geht doch dahin, dass die Artikel kleiner werden. Es geht heute auch weniger darum, den Konflikt im Großen und Ganzen darzustellen, sondern Themen zu finden, die einen menschlichen Touch haben. Geschichten also, die unmittelbar Interesse auch bei jenen Lesern hervorrufen, die jetzt nicht unbedingt in die Tiefen des Nahost-Konflikts eintauchen wollen. Ich halte das nicht unbedingt für einen Fehler. Ich denke da zum Beispiel an den palästinensischen Vater, der die Organe seines von israelischen Soldaten erschossenen Sohnes an Israel gespendet hatte. Da wusste man von Beginn an, dass das eine Geschichte sein würde, die viele Leser interessieren würde. Also was man heutzutage braucht, sind menschliche Fallbeispiele, die man nimmt, um tiefer in die gesamte Problematik einzusteigen.

Ist es möglich, als freier Journalist im Ausland zu überleben? Also in ein bestimmtes Land zu gehen, Geschichten zu suchen und diese deutschen Medien anzubieten?

Wenn man Glück hat und zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, dann kann das ganz gut funktionieren. In Israel ist es wohl etwas schwieriger, weil dort wirklich sehr viele ausländische Journalisten vor Ort sind, aber es gibt natürlich viele Zeitungen, die keinen eigenen Korrespondenten vor Ort haben. Manche Kollegen von mir in Israel beliefern zehn, zwölf verschiedene Tageszeitungen. Die Art von Zeitungen, die man gerne "Wald- und Wiesenzeitungen" nennt, also kleine Zeitungen, die ganz wenig Auslandsberichterstattung haben. Der Markt ist insgesamt aber eigentlich ganz gut abgedeckt.

Gibt es denn gar keine Nischen mehr?

Natürlich kann man immer wieder eine Nische finden. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das Einzelnen glückt, aber ich bin mir nicht sicher, ob man da insbesondere Israel empfehlen kann. Als ich während meines Sabatical (Anm. der Redaktion: Auszeit) ein Jahr in Kalifornien war und dort als Freie - also als ganz Freie - arbeitete, konnte ich einige Artikel gut absetzen, weil in Kalifornien ganz viele interessante Dinge passierten. Mir kam damals zu Gute, dass Kalifornien in der deutschen Berichterstattung komplett unterrepräsentiert ist, weil die meisten Korrespondenten eben in Washington oder in New York leben und vielleicht einmal im Jahr nach Kalifornien kommen. Israel ist im Vergleich dazu überrepräsentiert, Kalifornien deutlich unterrepräsentiert. Wer als freier Journalist im vergangenen Winter nach Kairo gegangen ist und dann beim "arabischen Frühling" live dabei war, wird sicher Fuß gefasst haben, sodass er möglicherweise auch in eine dauerhafte Berichterstattung einsteigen konnte. Das ist natürlich keine Tätigkeit, die ohne Risiko ist, denn man weiß ja nie, wie sich die Dinge ergeben werden. Es kann ja auch sein, dass die Dinge sich im kommenden Jahr eher langweilig entwickeln, aber es kann natürlich auch genau das Gegenteil passieren.

Und wie kommt man an die entsprechenden Kontakte, wenn man ein Jahr nach Kalifornien geht, um von dort aus als Freie zu arbeiten?

Man knüpft an die alten Kontakte an, also alle Zeitungen für die man jemals im Leben geschrieben hat. Man muss sich halt überlegen, wen das, was man hier gerade macht, sonst noch interessiert, wenn man ganz frei arbeitet. Man muss halt sehen, dass man immer mal wieder in irgendeine Tür reinkommt.

Ist es gefährlich, Auslandskorrespondentin in Israel zu sein?

Ich halte es eigentlich nicht für gefährlich, aber natürlich gibt es bestimmte Risiken, die es in anderen Ländern nicht gibt. Gefährlich war es sicherlich während der zweiten Intifada, als noch viele Selbstmord-Attentate geschahen. Das gab es in der letzten Zeit ja nicht mehr. Man kann das Risiko nicht zu 100 Prozent ausschließen, aber ich halte die Gefahren nicht für so groß, dass ich mir jetzt täglich irgendwelche Sorgen machen müsste.

Journalisten stehen also nicht im Fokus bestimmter extremistischer Gruppen oder von Geheimdiensten?

Von Geheimdiensten auf keinen Fall. Wenn man in den Gaza-Streifen fährt, dann natürlich nur mit einem lokalen Führer. Man wird dann am Checkpoint abgeholt und hat den dann die gesamte Zeit als Übersetzer und Fahrer mit dabei, und diese Person weiß natürlich, wo man sich im Gaza-Streifen bewegen kann und wo nicht. Natürlich sollte man in Gaza-Stadt nicht mitten in der Nacht auf der Straße herumspazieren. Im Gaza-Streifen muss man ein bisschen aufpassen, in der Westbank ist es ungefährlicher. Dort fahre ich an alle Orte alleine im Auto hin.

Wie ist es um die Pressefreiheit in Israel bestellt?

Die Pressefreiheit ist sehr lebendig in Israel. Es gibt eine sehr große Diskussionsfreude, die sich auch in den Zeitungen widerspiegelt. Es gibt einige sehr gute Zeitungen, Haaretz etwa. Es gibt aber auch viele Zeitungen, die sehr von der Regierungslinie beeinflusst sind, und natürlich gibt es bestimmte Themen, die sozusagen mit der "Schere im Kopf" behandelt werden. Aber man hat trotz allem unter den israelischen Journalisten eine Menge guter Leute, die sich viel mehr trauen, als man es in Deutschland kennt, die zum Beispiel viel schärfer fragen, weniger Rücksicht nehmen. Autorisierte Interviews gibt es beispielsweise in Israel nicht.

Also darf man sich in Israel völlig frei und kritisch auch über den Palästinenser-Konflikt äußern, ohne dass man Repressalien zu fürchten hat?

Wenn man einen Herausgeber oder einen Chefredakteur hat, der hinter einem steht, auf jeden Fall. Im Grunde genommen ist die Pressefreiheit in Israel auf jeden Fall gegeben, es liegt eher an den Journalisten, ob sie sich trauen, die Dinge auch kritisch darzustellen.

Wie sieht ein typischer Tag im Leben einer Auslandskorrespondentin aus?

Kann ich gar nicht sagen, denn es gibt keinen typischen Tag. Jeder Tag läuft anders. Man muss sich darauf einstellen, dass man morgens Dinge tut, an die man am Abend vorher nicht im Traum gedacht hatte.

Interview und Foto: Alexander Raphael Bauer

Veröffentlicht: 01.11.2011
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