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Wenn der Traum vorbei ist...

Nach über 750 Tagen allein in Asien ist Sixtus Reimann wieder in Deutschland. Das Konto ist leer, erst einmal zieht er in sein altes Kinderzimmer. Er muss Geld verdienen, ein Praktikum absolvieren und einen Studienplatz finden. In einem Brief von damals berichtet er selbst von seinen Start-Schwierigkeiten.

Sixtus Reimann

"In den ersten paar Tagen wieder Zuhause ging es mir wirklich nicht besonders gut, Schlafmangel, Zeitverschiebung und Klimawechsel forderten ihren Tribut. Ein ganz anderes Leben begann, die Reise war endgültig zu Ende, ich war oft melancholisch, am Abend des zweiten Tages hätte ich mich am liebsten aufs Bett gelegt und geheult.

Ein paar Telefongespräche mit alten Freunden halfen bestens, eine Nacht guten Schlafes wirkte beinahe Wunder, zwar kam die Melancholie auch in den nächsten Tagen noch oft wieder, aber weh tat es nicht. Jeden Tag kam die Seele ein Stück weiter nach (für sie gibt es kein Flugzeug), ich hatte mich schon ganz gut wieder eingelebt. Großen Anteil daran hatte sicherlich die Tatsache, dass meine Freundschaften bestens gehalten haben: Es gab nur minimale Anlaufschwierigkeiten (ich war vielleicht konfus!), aber das hat sich von selbst gegeben, es ist, wie es früher war. Was will man mehr.

Gute Freundschaften halten auch während einer langen Reise. Foto: Sixtus Reimann

Natürlich war es irgendwo schon ein leicht merkwürdiges Gefühl, dass meine fünf Jahre jüngere Schwester im selben Jahr wie ich anfangen würde zu studieren, aber das wusste ich vorher. Und ich habe an Selbstvertrauen gewonnen, habe mehr Biss und den Willen, das Ziel, das ich mir gesetzt habe, zu erreichen. Zwischen mir und dem Fotodesign-Studium stand noch die Aufnahmeprüfung (die ich etwas ernster zu nehmen gedachte als das Abitur), ich musste mir einen gescheiten Praktikumsplatz suchen und ganz nebenbei galt es, die Schieflage in meinem Finanzhaushalt zu begleichen. Schon mal Weihnachtsgeschenke auf Pump gekauft? Ein saublödes Gefühl!

Aber das würde sich alles finden, mit dem Sprung ins kalte Wasser hatte ich ja so meine Erfahrungen. Es ist so vieles passiert, meine Vorstellungen und Träume haben sich geändert, ich bin nicht mehr so festgelegt. Ich weiß ja kaum, was heute ist, wie soll ich da wissen, wer ich morgen sein werde? Ich kann mir dieses und jenes ziemlich gut vorstellen, schließe nichts aus, habe noch so viel vor und bin einfach unheimlich gespannt, was das Leben noch für mich bereithalten wird. The show must go on!"

Wenn zwei gemeinsam träumen...

Sixtus war gerade aus Asien zurück, als wir uns Anfang 2000 kennengelernt haben. Es wurde für uns beide ein Neuanfang. Acht Jahre später erinnere ich mich:

Anne Kynast

"Wir haben uns in der Dunkelkammer kennen gelernt. Und vier Stunden nur geredet. Ich war 16 und machte mein Schülerbetriebspraktikum bei einem Dortmunder Fotografen. Sixtus war 23 und brauchte das Praktikum im Fotolabor für seine Bewerbung an der FH. Endlich war ich raus aus der Enge der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen war. Er wusste endlich, was er wollte: Fotodesign studieren.

Ich träumte von der großen weiten Welt oder von dem, was ich dafür hielt: Amerika. Er träumte von Asien und von jemanden, der ihn verstand. Denn die letzten zwei Jahre in Asien war Sixtus fast ausschließlich allein gewesen, hatte viel erlebt und wenig davon erzählt. Denn wenn der Rückkehrer zweijährige Reise sagte, verstanden viele zwei Jahre Urlaub, wenn er von seiner Sehnsucht erzählte, fragten viele, was es denn gekostet habe. Schließlich war die Hemmschwelle hoch über seine Himalaya-Tour zu berichten. Und das, obwohl Sixtus eigentlich ein sehr kommunikativer Mensch ist. Als er mein ehrliches Interesse spürte, sprudelte es nur so aus ihm heraus. Seine hellblauen Augen hinter den runden Brillengläsern leuchteten.

Mönche in Swayambunath. Foto: Sixtus Reimann

Vor meinen Augen tauchten aus dem Dunkel des Labors schneebedeckte Gipfel auf, bunte Gebetsfahnen flattern im Wind, buddhistische Mönche murmeln Mantras. Tibet. Für mich so weit entfernt wie das mythische Shangri-La. Für Sixtus so nah, als wäre er noch da. Am Ende meines Praktikums schenkt er mir seine Ausgabe von "Sieben Jahre in Tibet". Seit damals habe ich immer, wenn ich das Wort Tibet höre, den Geruch von Fotopapier und Chemikalien in der Nase."

Text: Anne Kynast
Fotos: Sixtus Reimann

Veröffentlicht: 12.08.2008
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