GLOBAL MEDIA FORUM 2010
"Weg vom Kuschelimage"
Wie sollten Journalisten über den Klimawandel berichten? Ist ein so komplexes Thema überhaupt vermittelbar? Und wie sollte man mit Erderwärmungs-Skeptikern umgehen? Diese Fragen und viele mehr wurden beim diesjährigen Deutsche Welle Global Media Forum in Bonn diskutiert.

Bonn. Ausstattung, Catering und Co. passten beim diesjährigen GMF zur Thematik: Dem Klimawandel. Auf Fahrrädern konnten die Konferenzteilnehmer durch die Stadt radeln, zum Konferenztäschchen aus recycelten Plastikabfällen gab es einen garantiert CO2-neutralen Bleistift und selbst der zur Papierersparnis überreichte USB-Stick mit Pressematerialien war - wenn schon nicht essbar - dann doch immerhin aus kompostierbarer Maisstärke.
Mehr als 1500 Besucher aus 95 Ländern strömten Ende Juni ins World Conference Center Bonn, um drei Tage lang Vorträge zu Klimawandel und Medien zu hören und mitzudiskutieren. Nach Ansprachen von Deutsche-Welle Präsident Erik Bettermann und dem Bonner Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch sorgte vor allem einer für Aufsehen: der Schüler Felix Finkbeiner. Selbstbewusst trat der Elfjährige am ersten Konferenztag ans Rednerpult im ehemaligen deutschen Bundestag und erklärte in sicherem Englisch die Idee hinter seinem Projekt "Plant for the Planet", an dem Kinder in der ganzen Welt beteiligt sind.
Nicht mehr reden - sondern pflanzen
2007 war der damals neunjährige Felix durch ein Schulprojekt auf die afrikanische Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai aufmerksam geworden, die innerhalb von 30 Jahren 30 Millionen Bäume gepflanzt hatte. Felix gründete daraufhin "Plant for the Planet" und machte es sich zur Aufgabe, in jedem Land der Welt eine Million Bäume zu pflanzen. "Stop talking, start planting", so der Slogan der Kinderinitiative. Während die Erwachsenen immer nur redeten sei es nun an den Kindern, für Klimagerechtigkeit zu sorgen.
Journalisten glauben nicht an Klimawandel
WDR-Moderator Ranga Yogeshwar sprach mit Vertretern aus Wirtschaft, Forschung und Presse darüber, ob es nur eine internationale Lösung im Kampf gegen die drohende Klimakatastrophe geben könne. Auch die steigende Anzahl an Skeptikern, die die Veränderung des Klimas und entsprechende Forschungsarbeiten anzweifeln, wurde thematisiert.
"Fünfzig Prozent der Journalisten in Brüssel glauben nicht, dass ein Klimawandel stattfindet", so Friedrich Barth, von den Vereinten Nationen. Adil Najam, Geographie-Professor an der Universität von Boston, sieht vor allem in der schleichenden Veränderung des Klimas das Kernproblem. Denn Journalisten denken in kurzen Zeitspannen von Stunden oder Tagen, während es sich beim Klimawandel um ein langfristiges Phänomen handelt. Dadurch sei das Phänomen Klimawandel nur schwer zu fassen.
Die Journalistin Laurie Goering hingegen glaubt, der Klimawandel sei ein gut zu vermittelndes Thema, weil er alle Menschen weltweit betreffe - im Gegensatz zu Armut und Hunger.
"Wir müssen weg vom Kuschelimage des Eisbären"
Was muss also passieren, um den Klimawandel aufzuhalten und ein Umdenken zu bewirken? DHL-Vorstandsvorsitzender Frank Appel sagt, dass nur persönliche Betroffenheit zu Reaktionen führt. Ein Umdenken in Unternehmen erfolge nur durch die finanziellen Nachteile, die Firmen bei hohen Schadstoffemissionen entstünden.
Die Journalistin Goeking ist der Meinung, dass wir uns bereits auf einem guten Weg befinden. Sie plädierte für mehr Berichterstattung über den Klimawandel. "Indien und China werden die Welt retten", mit dieser Aussage überraschte Adil Najam. China, Indien und Süd-Korea hätten bereits ihre CO2-Emmissionen zurückgefahren, so der amerikanische Professor. Zudem sei es wichtig, vom Kuschelimage des Eisbären wegzukommen. Man könne keine Änderung herbei führen, wenn die Menschen die globalen Probleme nicht am eigenen Leib erfahren würden.
Sex, Katastrophen, Klimawandel?
Nach der Mittagspause mit Fair Trade Kaffee und lokalen Landwirtschafts-Erzeugnissen ging die schottische Journalistin Irene Quaile der Frage nach, wie sexy Klima-Berichterstattung sein kann und sollte. Gilt auch für die Erderwärmung das Motto "sex sells"? Margarete Pauls vom Alfred-Wegener-Institut für Polarforschung betonte die Notwendigkeit, Symbole zu verwenden, um Menschen naturwissenschaftliche Themen näher zu bringen. Am Alfred-Wegener-Institut greife man aber doch eher auf Pinguin und Eisbär zurück als auf Sextrigger.
Der freie Journalist Heiner Wember plädierte für ein Umdenken in punkto Lebenswandel: In Zukunft müsse es eben sexy sein, statt mit dem Auto auf elektrischen Fahrrädern zu fahren. Nur ein Imagewandel ökosensitiven Verhaltens könne die Bevölkerung und vor allem junge Menschen überzeugen, ihren Lebensstil zu verändern.
Wie der Klimawandel gut visualisiert werden kann, zeigte Mathis Wackernagel vom Global Footprint Network anhand des ökologischen Fußabdrucks. Die Organisation berechnet mit Hilfe wissenschaftlicher Daten den Pro-Kopf-Ressourcenverbrauch in verschiedenen Ländern und liefert so Hinweise, welche Aktivitäten das Klima besonders belasten. Der Verbrauch eines Deutschen pro Jahr beträgt etwa 4,2 globale Hektar an Biokapazität - ungefähr das Doppelte von dem, was die Erde innerhalb eines Jahres pro Person bereitstellen kann. Es sei wichtig, starke Emotionen in den Menschen hervorzurufen, so Wackernagel, um Politiker ins Schwitzen zu bringen und Klimathemen erfolgreich zu vermitteln.
Klimaberichterstattung: Advokat oder akkurat?
Gute Wissenschaftsberichterstattung beginnt bei der Journalistenausbildung - doch sollten Journalisten nur nüchtern und korrekt über den Klimawandel berichten oder sollten sie auch Partei ergreifen? Brauchen wir mehr Meinung in der Klima-Berichterstattung?
"Klimawandel-Berichterstattung sollte immer objektiv sein", sagt Aimable Twahirwa, Redakteur bei der Ruanda News Agency. In Teilen habe sie aber auch einen erzieherischen Charakter.
Antonia Koop, Gründerin des Peace and Conflict Journalism Network PECOJON, meint, statt zu dramatisieren und zu vereinfachen sollten die Medien lieber alle verfügbaren Informationen darstellen und die einzelnen Punkte verbinden. Umweltberichterstatttung habe bei vielen Chefredakteuren längst nicht den nötigen Stellenwert berichten gleich mehrere Konferenzteilnehmer.
Aimable Twahirwa arbeitet bei der Rwanda News Agency (RNA) und für diverse andere Medien, unter anderem die afrikanische Zeitung Grands Lacs Hebdo und Agence France Press (AFP). Er ist Präsident der Rwanda Association of Science Journalists und bildet junge Journalisten in Ruanda aus. Im Interview mit Medien-Monitor spricht er über die Klimawandelberichterstattung in Ruanda.
Nach Aussage des Wissenschafts-Journalisten Markus Lehmkuhl ist das größte Problem nicht die Art von sondern ein genereller Mangel an Berichterstattung: "Die Umweltberichterstattung in europäischen Medien ist fast tot". Kommerzielle Sender würden so gut wie nie über Klimathemen berichten, auch der Advokat-Journalismus in Westeuropa sei so gut wie ausgestorben. Dabei sei eine Berichterstattung über Wissenschaft ebenfalls nicht genug, "wir brauchen kontextbezogenen Journalismus". Auch DW-Journalistentrainer Helmut Osang plädierte für eine regelmäßigere, lösungsorientierte Berichterstattung. Er forderte Journalisten auf, nicht zu warten, bis etwas Schlimmes geschehe und sich nicht auf Krisen zu konzentrieren, sondern Lösungen anzubieten.
Vom Gatekeeper zum Netzwerkjournalisten
Neue globale Themen brauchen eine neue Art von Netzwerkjournalismus, denn im Zeitalter von Social-Media und Web 2.0. greifen alte Kommunikationsmuster in den traditionellen Medien nicht mehr. Dieser These widmete sich eine von der italienischen Journalistin Christiana Falcone geleitete Diskussion. Dem Thema angemessen konnten Internetnutzer die Diskussion via Livestream verfolgen und mit Hilfe von Twitter Fragen an die Diskussionsteilnehmer stellen.
Das scheinbar harmlose Thema Klimawandel ist nicht allerorts beliebt: In Ländern wie China und Haiti werden Journalisten zum Teil verfolgt und müssen mit Repressionen rechnen. Medien-Monitor Autor Daniel Drepper berichtet über die Gefahren des Umwelt-Journalismus.
Ulrik Haagerup kritisierte die zunehmende Kommerzialisierung der Medien. So sei es nicht verwunderlich, dass Journalisten dem Publikum nicht mehr viel anzubieten hätten. Im Gegensatz zum klassischen Gatekeeping, also der Selektion von Themen durch Redakteure, reguliere sich die Online-Community selbst. "Die Medien sterben, der Journalismus stirbt nicht", so Haagerup. Die pakistanische Journalistin und Moderatorin Naween Naqvi betonte die Notwendigkeit, das Publikum in den Dialog einzubinden. "Menschen wollen Antworten, aber die meisten Fragen sind heutzutage nicht einfach zu beantworten. Ich habe in meine Sendung Twitter und Facebook eingebunden, dadurch stiegen die Einschaltquoten und viele Menschen nahmen an den Diskussionen teil".
Grenzen zwischen Medien und Bürgerjournalismus verschwimmen
Für den amerikanischen Filmemacher und Fotographen Robert McFarland birgt das sogenannte Crowdsourcing erhebliches Potenzial. Der Begriff beschreibt die meist unentgeltliche Kooperation vieler Menschen in unterschiedlichen Zusammenhängen, etwa während der grünen Revolution im Iran. Hier benutzten Bürger Dienste wie Twitter und Facebook, um über die aktuellen Ereignisse im Land zu berichten.
James Fahn vom Internews‘ Earth Journalism Network sieht die mangelnde Qualitätskontrolle als wesentliches Problem des Bürgerjournalismus. Weil jeder zu jedem Thema kommentieren könne bestehe besonders in Bezug auf den Klimawandel die Gefahr der Desinformation. In jedem Fall verschwimmen die Grenzen zwischen Bürgerjournalismus und den traditionellen Medien, so Fahn. Der Journalismus brauche nun einen "Mix von neuen Strategien".
350.org ist ein Projekt der Organsiation Citizen Global, die Bürgerjournalismus in der ganzen Welt fördert. Für 350.org wurden Menschen weltweit aufgefordert, an einem bestimmten Tag mit Hilfe von Videos, Fotos und Aktionen auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Im Interview mit Medien-Monitor spricht Robert McFarland, Filmemacher und Mitarbeiter von Citizen Global, über das Projekt 350.org und die Vorteile des Bürgerjournalismus.
"Die Menschen erwarten mehr von den Medien"
"Die Debatten beim diesjährigen Global Media Forum machen deutlich, dass Lösungen eher von Seiten der Industrie kommen werden", sagte Christoph Lanz, Direktor von Deutsche Welle-TV in seiner Abschlussrede. Umweltfreundliche Technologien hätten auch in Anbetracht wachsender Märkte gute Chancen. Nun sei es Aufgabe der Medien, Möglichkeiten aufzuzeigen. "Die Menschen erwarten mehr von den Medien", so Lanz.
Das nächste Deutsche Welle Global Media Forum findet im Mai 2011 in Bonn statt. Das Thema: Menschenrechte in einer globalisierten Welt.
Text: Nora Lessing
Bilder: Nora Lessing, Aimable Twahirwa
Sprecher: Julian Mertens, Thomas Wagner





