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Web 2.0: Weniger ist mehr

In Zeiten des Internets ist beinahe alles möglich. Also bieten die Betreiber von Communities auch alles an. Das kommt bei den Nutzern allerdings nicht gut an. Eine Studie hat herausgefunden, was die User wirklich wollen.

gerd altmann/pixelio
Viele Menschen vernetzen sich mittlerweile weltweit über Internet-Communities.

Bonn. Zuerst ins StudiVZ, dann noch schnell bei Facebook vorbei und schließlich auch noch bei MySpace nach dem Neusten schauen: Eine Stunde investiert Viktoria Stoffel (20), Medizinstudentin in Bonn, etwa am Tag in ihre Online-Kontakte bei den drei Communities. Damit liegt sie voll im Trend der Nutzer des Web 2.0.

Netzwerke wie StudiVZ, Xing, Facebook und MySpace bieten ihren Nutzern eine Vielzahl an Funktionen. Dort können sie Freunde wieder finden, sich an Geburtstage erinnern lassen, Newsletter abonnieren oder an ihrem Profil feilen. Doch was davon nutzen und wünschen User überhaupt?

Dieser Frage ist eine Studie der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg in Zusammenarbeit mit der Freundliche Netzwerke GmbH nachgegangen. 46 Community-Betreiber und 172 Community-Nutzer hat Professor Jens Böcker darin ausführlich befragt, 14 große Netzwerke wie MySpace inhaltlich analysiert.

Viele Angebote sind unnötig

Das Ergebnis: Damit sich die einzelnen Netzwerke von ihren Konkurrenten unterscheiden, versuchen sie sich mit allerlei Features und Zusatzfunktionen abzugrenzen. Wenn drei Anbieter dieselbe Kernfunktion hätten, versuchten sie, sich durch allerlei Gimmicks voneinander zu unterscheiden, sagt Jens Böcker. Der Nutzer gewinne dadurch kaum etwas. Blogs soll man füllen, Newsletter lesen und auch noch Pacman-Games spielen.

daniela braun/screenshot
Liebe zum Detail: Bei der Community MySpace können User mit kleinen Icons anderen ihre Laune mitteilen.

Doch die Studie zeigt, wie wenige dieser Funktionen wirklich genutzt werden. User ignorieren vor allem Zusatzangebote, die mit der Kernfunktion der jeweiligen Webseite wenig zu tun haben. So sind Belohnungssysteme, Vermittlungsprämien, "Ruhm & Ehre"-Funktionen, Offline-Events, ein eigener Blog oder Minigames lediglich aus der Sicht der Betreiber für ihre Community-Mitglieder nützlich.

Was diese dagegen wichtig finden, zeigt die Studie: Suchfunktion, Geburtstagserinnerung und aktuelle Inhalte auf der Startseite. Daneben wollen 73 Prozent der User über ihre Privatsphäre selber entscheiden, also zum Beispiel wer ihr Profil anschauen darf. Wichtig sei es ihnen darüber hinaus, dass sie ihre Freundschaften kostenlos pflegen können. "Ich will mit meinen Freunden Kontakt pflegen. Zum Spielen und Kommentieren von Fotos habe ich gar keine Zeit", bestätigt die Studentin Viktoria Stoffel.

Betreiber überschätzen Wirkung von Werbung

Auch wenn sich somit über die Nutzer in Form von Gebühren kein Geld machen lässt, wenden die Unternehmen zwei Drittel des Kommunikationsbudgets für Online-Mitgliederwerbung auf. Denn Nutzer sind in der Zeit wachsender Konkurrenz ein knappes Gut. Die Ergebnisse zeigen, dass allein 2007 über 300 Web-Start-ups gegründet wurden, also Seiten, die neu online gegangen sind. Die von allen Start-ups ersehnte kritische Masse an registrierten Nutzern wird nach Einschätzung von 70 Prozent der Unternehmen spätestens bei 50.000 Mitgliedern erreicht.

Etwa 3,10 Euro lassen sich die Unternehmen im Schnitt die Werbung eines neuen Nutzers kosten. Insgesamt macht die Werbung bei den in der Studie untersuchten Portalen im Schnitt 40 Prozent ihres Gesamtetats aus. Diese Mühe ist aber oft vergebens. Laut der Studie überschätzen die Community-Betreiber deren Wirksamkeit durchgängig. Sie verschicken Newsletter als eines der beliebtesten Online-Werbemittel.

Dabei ist deren Erfolg laut Studie äußerst begrenzt. "Ich habe von all meinen Communities nur durch Freunde erfahren. Wenn die mir raten mich anzumelden, dann hab ich das auch gemacht", erzählt Viktoria Stoffel. So lassen sich die meisten User allein durch Mund-zu-Mund Propaganda von einer Plattform überzeugen. Die können Unternehmen allerdings nicht steuern. Da hilft auch das ganze Geld für die Online-Werbung nichts. Denn am Ende entscheiden die Nutzer bei ihrer Anmeldung doch nur danach, ob ihnen die Seite gefällt.

Text: Natascha Tschernoster; Teaserfoto: Gerd Altmann/pixelio; Fotos: Gerd Altmann/pixelio; Screenshot: Daniela Braun

[Artikel Drucken]Veröffentlicht: 15.10.2008
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