Reportage-Tipps
Was interessiert, ist relevant
Auch Finanzkrise und Globalisierung sind Reportagethemen - wenn der Journalist sie zu welchen macht, sagt Henning Sußebach. Er ist Redakteur im Zeit-Dossier, Henri-Nannen-Preisträger - und Reporter. Hier einige seiner Handwerkstipps.

- Henning Sußebach
Reporter, das sind diejenigen, die früher auf Klassenfahrt immer ein bisschen abseits standen. Die beobachtet haben, statt sich in Szene zu setzen. Die zugehört haben, während andere das Wort führten. Das ist zumindest Henning Sußebachs Theorie. Als Redakteur bei der ZEIT arbeitet er im Ressort Dossier. Und vermutlich war er auf Klassenfahrten einer von den Beobachtern. Denn er ist Reporter - einer von den guten, wenn man das anhand von Journalistenpreisen festmachen kann. Für seine Reportage "Hoffmanns Blick auf die Welt" bekam er 2007 den Egon-Erwin-Kisch-Preis, ein Jahr zuvor zusammen mit Stefan Willeke den Henri-Nannen-Preis für "Operation Lohndrücken". Und das sind nur zwei von vielen.
Bei einem Seminar erzählte er, worauf es seiner Meinung nach bei einer Reportage ankommt, wie er seine Protagonisten findet und dass man nicht schön schreiben muss, um gut zu schreiben. Hier einige Ratschläge von einem, der es wissen muss - kurz zusammengefasst.
Welche Themen taugen für eine Reportage?
Alle relevanten Themen kann man als Reportage umsetzen. Bei manchen ist es bloß schwerer als bei anderen. Sußebach unterscheidet Fluss- und Seethemen. Flüsse lassen sich leichter zu einer Reportage machen. Es sind Themen, die eine Handlung mitbringen - ein Wettkampf etwa. Er beginnt mit den Vorbereitungen und endet im Ziel. Um eine Handlung braucht sich der Reporter also nicht mehr zu kümmern. Er ist anwesend und sammelt sein Material. Der Rest geschieht von selbst.
Seethemen haben keine eigene, offensichtliche Bewegung. "Manchmal werden solche Themen zum Essay. Das ist gedanklich stärker als die Reportage und bedarf einer größeren Anstrengung des Autors", erklärt Sußebach. Oft sind Seethemen ganze Themenkomplexe wie Globalisierung oder Finanzkrise. Oder ein Gespräch, das sich eigentlich eher zum Interview eignen würde. Wenn es aber trotzdem eine Reportage werden soll, was dann? Der Reporter erschafft einen Handlungsstrang, indem er etwa den Gesprächspartner in Situationen bringt, die etwas mit dem abstrakten Thema zu tun haben: Zum Beispiel den Entwickler eines Elektromobils nicht über seine Erfindung reden lässt, sondern mit ihm in diesem Auto durch die Landschaft fährt und aufschreibt, wie der Entwickler sich verhält, wie die Menschen an der Straße reagieren. So kann der Reporter abstrakte Themen an Personen festmachen - oder er bringt sich selbst in Bewegung, indem er zum Beispiel eine Reise macht: Eine Liebe verschwindet. "Gerade bei langen Reportagen muss man sich zwingen, sich einen Fluss zu suchen", empfiehlt Sußebach.
Grundsätzlich gilt: Reportagen machen ein Thema interessant, indem sie es auf die persönliche, menschliche, anschauliche Ebene ziehen. Deshalb können sich Reporter auch Themen annehmen, die nicht drängend sind - "immerwährende Neugierthemen", nennt Sußebach sie: Geschichten über die Pubertät, über die Liebe, über Trennungen, das Altern und den Tod etwa. Weil sie nah am Leser sind, interessieren sie. Und was den Leser interessiert, ist relevant.
Wie finde ich einen Protagonisten?
Sußebach findet, der Reporter dürfe seine Hauptdarsteller hin und wieder casten wie für einen Film.
Das bedeutet zwar Aufwand und kostet Zeit, aber dafür hat man am Ende jemanden, der die Geschichte trägt. Im Gespräch mit möglichen Protagonisten merkt man erst: Wem muss ich alles aus der Nase ziehen? Wer macht sich wichtig? Wer lügt? Wer lässt mich nicht an sich ran? Und gleichzeitig: Wer liefert gute O-Töne? Wer hat eine Geschichte? Mit wem verstehe ich mich? Vielleicht scheint es auf den ersten Blick, als könne man den letzten Punkt vernachlässigen - Augen zu und durch. So sollte das Verhältnis zur Hauptperson aber nicht sein. Gerade bei großen Reportagen verbringt der Journalist viel Zeit mit seinem Protagonisten und verlangt viel Offenheit. Da hilft es, wenn man miteinander auskommt.
Wie entscheide ich, wen ich zitiere?
"Seid unverschämt. Redet mit allen und zitiert nicht jeden", rät Sußebach. Es ist legitim, sich Rechercheergebnisse zu Eigen zu machen, sie in eigene prägnante Worte zu fassen - weil sich nichts langweiliger liest als das Statement eines Wissenschaftlers. Während der Recherche spricht man mit so vielen verschiedenen Menschen, dass es die Handlung zerstückeln würde, wenn man jede Person nennen würde, deren Infos man benutzt. Die Personen, die die Handlung voranbringen, gehören in die Reportage, alle anderen bleiben Informationsgeber im Hintergrund.
"Wenn aber jemand interessant ist, dann geht wieder und wieder hin. Ihr müsst an den Leuten kleben - oder sie ignorieren."
Auf was muss ich bei der Sprache achten?
"Schön" zu schreiben, ist gar nicht so wichtig, wenn man damit blumige Sprachbilder meint. Viel bedeutender ist eine präzise Sprache, die im Kopf des Lesers ein klares Bild malt. Die Grundlage dafür entsteht schon lange vor dem Schreiben, nämlich aus den Fakten, klaren Gedanken und einem eigenen Gefühl, dass der Autor spätestens während der Recherche entwickelt.
Daneben gibt es ein paar Faustregeln, die beim Ausdruck helfen. Wie generell im Journalismus heißt es auch beim Reportage-Schreiben: Finger weg von Adjektiven! Oft sagen sie gar nichts aus - also bei jedem Adjektiv prüfen, ob es wirklich nötig ist. Die bessere Wahl sind aussagekräftige Verben. Ein einzelnes, starkes Verb kann schon eine komplette Beschreibung sein. So ist es etwa ein Unterschied, ob jemand "leise spricht" oder ob er "murmelt". Lautmalerische Verben vermitteln oft einen besonders starken Eindruck.
Sätze, die nur aus einem Hauptsatz bestehen, sind prägnant und gut verständlich. Positiv, aber noch kein Grund, ab sofort ausschließlich Hauptsätze zu schreiben. Das wäre Staccato und schon bald anstrengend zu lesen. Die Satzlänge sollte wechseln - und verschachtelte Kettensätze müssen wie immer draußen bleiben.
Ähnlich verhält es sich mit Absätzen. Vielleicht ist es schön, wenn ein Absatz mal nur aus einem zentralen Satz besteht. Aber das sollte die Ausnahme sein - auch um die Wirkung nicht zu zerstören. Zu lange Absätze lassen dem Leser wiederum keine Zeit zum Luftholen und Nachdenken. Oft passt ein Absatz ganz gut, wenn man beim Schreiben das Gefühl hat, mal durchatmen zu müssen.
Ein paar Tipps zum Aufbau:
Die Reportage braucht einen Erzählfluss. Deshalb stört es, wenn Reportage- und Infoabsätze sich abwechseln. Passagen, die nur aus Fakten bestehen, reißen den Leser mit einem Mal aus der Situation, in die der Autor ihn mitzunehmen versucht. Ein Kniff ist, die Infos aus Perspektive des Protagonisten zu erzählen. Etwa: "Er weiß, dass sein Schicksal nur eines von 3000 ist. So viele Kollegen mussten in den vergangenen Monaten in Kurzarbeit gehen." Die meisten Fakten stehen in irgendeiner Verbindung zur Hauptperson - sonst bräuchte der Autor sie nicht anzuführen. Mit ein bisschen Nachdenken findet man den Anschluss zwischen Info und Lebenswelt des Protagonisten.
Bei all den Features und "reportagigen" Einstiegen - gibt es überhaupt noch echte Reportagen?
Schon, aber der Reporter hat es in der Tat schwerer als vor ein paar Jahren. Das liegt daran, dass die Phänomene, die uns heute beschäftigen, immer abstrakter und schwerer zu beobachten bzw. zu beschreiben sind - "Innere Sicherheit", "Wirtschaftskrise", "Terrorgefahr". Bei dieser Nachrichtenlage muss man sich zwingen, Reportagethemen zu finden oder Ansätze auszuarbeiten, um all die Themen-Seen doch in ein Flussbett zu lenken. Außerdem wird die Antwort auf die Frage "Über was wurde denn noch nicht geschrieben?" immer schwieriger.
Und wenn trotzdem mal was schief geht? Wenn nichts passiert, oder alles anders läuft als geplant?
Nicht verzweifeln und einfach beobachten - wie damals auf Klassenfahrt. Irgendwas passiert schließlich doch. Auch nach einigen Reporterjahren glaubt Sußebach noch immer: "Der liebe Gott lässt den Reporter nie allein."
Eine Liebe verschwindet - Sußebach-Reportage zur Krise auf dem Automobilmarkt.
Mit Hoffmanns Blick auf die Welt gewann Sußebach den Egon-Erwin-Kisch-Preis.
Wie aus dem Seethema Integration ein Flussthema wird: Die Opokus von nebenan.
Henning Sußebach zur Frage, wie man ein Thema findet: Wie man's macht.
Sußebachs Profil bei zeit.de.
Text: Daniela Moschberger, Bild: Henning Sußebach
