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Interview

Warum sich Wlada wieder die Haare kämmt

New York, Paris, Berlin. Die freie Journalistin Wlada Kolosowa (25) schreibt für Spiegel Online über Modethemen - und gehört zur den Top 30 der Nachwuchsjournalisten in Deutschland. Im Juli erscheint ihr erstes Buch über eine Reise zu ihren russischen Wurzeln. Ein Gespräch über Ehrgeiz, Stress und Paradiese im Alltag.

Wlada Kolosowa landete im vergangenen Jahr in der "Medium Magazin"-Liste "Top 30 unter 30", einer in der Branche viel beachteten Liste voller junger Journalistentalente. Fragt man Freunde oder Weggefährten von Wlada, so sagen sie: "Diese Frau lebt Journalismus." Bescheinigt wird ihr ein eigener Kopf, ein prägnanter Stil und auch ab und an mal das Wagnis zu unkoventionellen Recherchemethoden. Jetzt veröffentlicht die Wahl-Berlinerin ihr erstes Buch, basierend auf der viel beachteten Spiegel-Online-Kolumne "Wlada in Russland".

Im Interview mit Medien Monitor spricht sie über die Vorteile und Tücken des Freiendaseins, Ehrgeiz und über ihr Buch "Russland to go: Eine ungeübte Russin auf Reisen".

Was war das Ziel deiner langen Reise durch Russland?

Wlada Kolosowa: Ein richtiges Ziel hatte ich nicht. Studium war vorbei, ich wollte was erleben. Ich bin mit einem diffusen Wunsch losgefahren, das Land meiner Kindheit und meiner Eltern kennen zu lernen. Ich bin mit zwölf nach Deutschland gezogen und habe mich seitdem wohl über-assimiliert. Meine russische Entwicklung ist auf dem Stand eines Kindes geblieben. Auf Deutsch kann ich fluchen wie ein Seemann, aber wenn jemand "Arsch" auf Russisch sagte, musste ich kichern wie ein Schulmädchen. Ich verstand keine russischen Witze. Ich konnte keine Email auf Russisch tippen. Ich konnte keinen Slang und keine erwachsenen Worte. Ich wusste nicht einmal, was Kondom oder Banküberweisung auf Russisch heißt.

Buchinfo

Wlada Kolosowa: Russland To Go - Eine ungeübte Russin auf Reisen, Berlin 2012, 256 Seiten, 8,99 Euro.

Wie überlebt man in Murmansk im Mini-Kleid? Wlada hat einen russischen Namen und einen russischen Pass. Ansonsten ist nicht viel Russisches an ihr übrig geblieben. Seit zwölf Jahren lebt sie in Deutschland und ihr Geburtsland ist für sie fernes Ausland, dessen Sprache sie zufällig spricht. Jetzt bereiste sie das riesige Land ihrer Eltern mit dem Rucksack.

Du bist ja wohl nicht dort herumgefahren, um die Vokabel für Banküberweisung zu lernen?

Wlada Kolosowa: (lacht) Nein, natürlich nicht. Es war wohl eine Mischung aus der sehr deutschen Faszination für die russische Seele und die Transsibirische Eisenbahn und der Suche nach meinen vernachlässigten Wurzeln. Ich wollte, dass die Russin in mir erwachsen wird. Und natürlich wollte ich das Land kennen lernen, das meinen Pass ausstellt. Außer meiner Jugendfreundin Anja hatte ich vor meiner Reise überhaupt keine russischen Freunde. Ich wollte wissen, was meine Gleichaltrigen bewegt, welche Musik sie hören, worüber sie lachen und welche Sorgen sie haben.

Wie kam es zu dem Buchprojekt?

Wlada Kolosowa: Um die Reise zu machen, brauchte ich natürlich Geld. Russland ist ziemlich teuer, auch wenn ich immer bei Freundesfreunden geschlafen habe, oder bei Menschen, die ich über das Gastfreundschaftsnetzwerk Couchsurfing kennen gelernt habe. Eine Kolumne sollte einen Teil der Reise finanzieren. Mein Agent schlug dann vor, daraus ein Buch zu machen. Er hat ganze Arbeit geleistet: Schon vor meiner Abreise hat der Goldmann-Verlag sich des Projekts angenommen.

"Wer mit der Nase nach oben läuft, fällt irgendwann genau auf diese."

Du hast einen eigenen Agenten?

Wlada Kolosowa: Er betreut neben mir natürlich noch andere Autoren. Einen Agenten zu haben, ist gar nicht so extravagant, wie es sich zunächst anhört: Im Gegensatz zu mir hat er viel Ahnung davon, wann man was welchen Verlagen anbietet, wie Verträge aussehen und welche Honorare angemessen sind. Mein Agent hat mich aufgrund einer Kolumne bei jetzt.de angesprochen und unter Vertrag genommen. Zunächst war ich ein reines Minusgeschäft. Er musste mir ein Jahr lang Kaffee ausgeben, bis es dann endlich zu einem Buchprojekt kam.

Zur Person:

Wlada Kolosowa, 25, ist Autorin und Kolumnistin für jetzt.de, das Jugendportal der Süddeutschen Zeitung, und den Tagesspiegel. Sie studiert Psychologie und Publizistik und arbeitet als freie Journalistin unter anderem auch für RadioFritz!, Grazia, Zeit Online und Spiegel Online.
Deine Kolumne "Wlada in Russland" hat eingeschlagen. "Ich würde dich auf der Stelle heiraten. Du bist intelligent und attraktiv", hat etwa ein Nutzer von Spiegel Online geschrieben. Viele haben deinen Schreibstil bewundert. Wie gehst du mit dem ganzen Lob um? Bist Du auf dem Teppich geblieben?

Wlada Kolosowa: Meine Mama sagt immer: Wer mit der Nase nach oben läuft, fällt irgendwann genau auf diese. Ich versuche mein Bestes, damit meine Nase an der richtigen Stelle bleibt. Es ist wunderbar zu wissen, dass es Leute gibt, die mögen, was ich mache. Aber generell finde ich, dass Nackenschläge viel förderlicher für die Menschwerdung sind als Schulterklopfer.

"Eine Zeile im Lebenslauf soll keine Entschädigung für verschwendete Lebenszeit sein."

Wlada (25) hat acht Praktika gemacht.

Was reizt dich am Journalismus?

Wlada Kolosowa: Zunächst einmal reizte mich daran, dass ich Geld fürs Schreiben bekam. Ich habe mit 14 angefangen, in einem Schreibzirkel für Jungautoren Kurzgeschichten zu schreiben. Aber mir war immer klar: Buchstaben sind für die Seele, fürs Portemonnaie muss ich etwas anderes suchen. Der Plan war dann, Psychologin zu werden, heimlich zu üben und mit 50 einen Roman zu schreiben, der urplötzlich alle Bestsellerlisten stürmt. Mein erster veröffentlichter Text wurde dann ein Zehnzeiler in der Südwest Presse über die steigenden Umsätze in Ulmer Viktualien-Läden anlässlich des Pabstbesuchs. Das Zeilengeld habe ich in einen Eisbecher investiert. Ich dachte nur: Abgefahren. Ich werde dafür bezahlt, dass ich in fremde Leben reinplatze und Geschichten mitbringe. Und es sind jeden Tag neue! Ich langweile mich unfassbar schnell. Ich glaube, ich bin gut im Journalismus aufgehoben.

Du hast bisher unglaubliche acht Praktika gemacht.

Wlada Kolosowa: Ich habe einfach früh angefangen, die volle klassische Tour: Schülerzeitung mit 16, Lokalzeitung mit 18. Mit 23 Jahren war dann Schluss mit Berufsleben-Trockenüben. Ich habe immer darauf geachtet, dass im Leben genug Zeit für gute Bücher bleibt, Quatsch auf YouTube zu gucken oder auch mal dafür, ganz ausdauernd nichts zu tun. Ich habe meine Praktika auch nie nach den großen Namen ausgewählt, wenn klar war, dass meine Hauptbeschäftigung dort sein wird, beschäftigt auszusehen. Eine Zeile im Lebenslauf soll ja keine Entschädigung für verschwendete Lebenszeit sein.

"Das Leben ist meine höchste Priorität."

Wlada Kolosowa: "Endlich habe ich einen Grund, mich zu kämmen."

Würdest du dich selbst als ehrgeizig bezeichnen?

Wlada Kolosowa: In Maßen. Es gibt viele Wege, glücklich zu werden. Glücklichmacher sind überall. Es ist die Morgensonne. Fettiges Essen. Zottelige Hunde. Auch der Beruf kann glücklich machen, aber man sollte ihn nicht mit Erwartungen überfrachten. Mein Job ist genau das, wie ich auch spielen würde. Aber es gibt trotzdem Tage, an denen ich viel lieber im Freibad wäre. Ehrgeiz ist okay, solange er nicht krank macht und nicht den Blick für die wirklich wichtigen Dinge versperrt. Schreiben ist mir wichtig, aber das Leben ist meine höchste Priorität.

Fühlst du dich manchmal nicht trotzdem gestresst oder rastlos?

Wlada Kolosowa: Klar, es gibt die Tage, an denen man im Bett den Arbeitsmarathon im Kopf zu Ende rennt. Aber das ist wahrscheinlich in jedem Job so. Ich glaube: Der Mensch ist ein Kontrastwesen. Er braucht Stress als Würze fürs Leben. Wenn es keine Deadline gibt, dann sind es die Krümel auf der Küchentischablage, die dich stressen. Paradise haben ein sehr kurzes Haltbarkeitsdatum. Irgendwas ist immer.

Viele junge Journalisten scheuen sich vor dem Freien-Dasein, vor mangelnder Freizeit und schlechter Bezahlung. Waren das Sorgen, die du auch hattest?

Wlada Kolosowa: Ich bin 25 Jahre alt und habe zum Glück noch keine zu hohen Ansprüche ans Leben. Ich wohne in einer WG und fahre eher Fahrrad als Taxi. Ich hoffe, das wird noch eine Zeit so bleiben. Ich habe Angst vor teueren Angewohnheiten, weil sie zu Fesseln werden können, die an einen bestimmten Lebensentwurf festbinden. Wobei ich es nicht generell ablehne, mich festzulegen. Der Druck der unendlichen Möglichkeiten ist auch kräftezehrend. Momentan bin ich ja auch nicht auf mich allein gestellt. Ich habe im Spiegel-Büro in Berlin einen Schreibtisch und Kollegen, mit denen ich Mittagessen kann. Das ist super. Endlich habe ich morgens einen Grund, mich zu kämmen.

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Externe Links

Homepage von Wlada Kolosowa

Blog zu Wladas Reise durch Russland

Kolumne von Wlada auf jetzt.de

Text/Interview: Tobias Fülbeck
Bilder: Inken Rauch/Verlagsgruppe Random House

Veröffentlicht: 02.05.2012
1 Kommentar
answer #1) Kangsas homepage - 19.08.2012 - 01:37

Mein Themenvorschlag: Flucht in die Esoterik Warum: ich habe im Bekanntenkreis einige Esoteriker , die bei ne4herem Kennenlernen ein ganz beettmmiss Problem haben, das sie hinter dem Kommentar ich bin auf spiritueller Suche verstecken:Oft sind es Frauen fcber 40 in einer unglfccklichen Beziehung oder Single, jemand mit einem langweiligen Job (oder arbeitslos, oder im Haushalt te4tig), oder mit einer chronischen Krankheit Diese Leute lehnen oft einen regule4ren Weg zur Lf6sung ihres eigentlichen Problems ab!

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