Warum nach Schönheit streben?
Interviev mit dem Psychologen Dr. Martin Gründl
Was ist Schönheit?
"Was Schönheit ist, muss man niemandem definieren, weil jeder kann entscheiden, wenn er ein bestimmtes Gesicht oder einen Körper sieht, ob er das jetzt schön findet oder nicht. Die empirisch arbeitenden Wissenschaftler, die sich mit Attraktivität befassen, definieren Attraktivität als das was eine repräsentative Mehrheit der Bevölkerung als attraktiv bezeichnet."

- Virtuelle Miss: Der Durchschnitt aus vielen Gesichern übereinander wird immer als noch schöner empfunden.
Empfinden überhaupt alle dasselbe als schön?
"Es gibt eine sehr große Übereinstimmung darin, was die Leute als schön ansehen. Da gibt es auch sehr viele Untersuchungen, die es belegen. Auch kulturübergreifend ist es so. Und das ist eine Vorraussetzung dafür, dass es überhaupt Sinn macht nach einem Ideal zu streben, denn man will ja nicht nur für sich selbst schön aussehen sondern auch anderen gefallen. Also setzt es voraus, dass die anderen ähnlich ticken wie man selber."
Was genau macht Schönheitsideale aus?
"Alles was mit Gesundheit und Jugend zu tun hat, ganz generell. Also eine glatte, makellose, faltenlose Haut. Dazu kommen Merkmale die mit dem Kindchenschema zu tun haben. Das gilt allerdings nur bei Frauengesichtern. Das sind so Sachen, die kulturübergreifend als attraktiv bezeichnet werden."
gebräunte Haut
markantes Kinn/ Unterkiefer
symmetrischer Mund und vollere Lippen
kein Fettansatz, bzw. schmales Gesicht
obere Gesichtshälfte im Verhältnis zur unteren breiter
Kann ich mich dem annähern, was die meisten als schön empfinden?
"In wie weit es praktisch möglich ist, das ist eine andere Frage. Da sind die Möglichkeiten extrem begrenzt. Nur recht oberflächliche Merkmale kann man überhaupt beeinflussen: Kleidung, Kleidungsstil, Styling sind so was. Die spielen aber auch nur eine geringe Rolle. Das zweite sind Einflussmöglichkeiten durch Pflegeprodukte wie Kosmetika. Da ist was machbar. Gerade mit Make-up sind die Effekte, zumindest wenn man es gut macht, oft erstaunlich. Aber alles was mit Proportionen oder mit der Form oder der Gestalt des Gesichtes zusammen hängt, vor allem was Schädelproportionen betrifft, wenn eine Knochenstruktur dahinter ist, ist nicht beeinflussbar."
Außer ich geh zum Schönheitschirurgen...
"Genau, und da kann man sich auch nicht komplett umoperieren lassen. Sondern das sind nur einzelne Merkmale, die man unter großem Aufwand und auch Risiken eben einzeln operieren kann. Sagen wir mal nur die Nase, aber wenn jemand insgesamt unattraktiv ist, reicht es in der Regel auch nicht, wenn man nur die Nase macht, sondern dann gibt es sehr viele Merkmale, die nicht passen oder nicht so ganz passen. Da sind die Eingriffsmöglichkeiten natürlich sehr beschränkt."
gebräunte Haut
hohe Wangenknochen
schmal bzw. schlank
viele, lange, dunkle Wimpern
volle Lippen und weiterer Augenabstand
schmale Nase und dünne Augenlieder
Schönes aussehen ist aber nicht alles, verbindet manmit schönen Menschen verbindet nicht auch positivere Eigenschaften?
"Das ist ganz sicher nur eine Täuschung: Attraktiven Menschen wird unterstellt, dass sie positivere Charaktereigenschaften haben. In so fern kann man natürlich durch ein schöneres Aussehen auch erreichen, dass man einen besseren ersten Eindruck macht - wenn es darauf ankommt. Aber natürlich muss man auch realistisch bleiben und sehen, dass dieser erste Eindruck überlagert wird, wenn man eine Person genauer kennt."
Haben atrraktivere Menschen denn irgendwelche Vorteile?
"Seit den siebziger Jahren gibt es eine Fülle von Untersuchungen, die zeigen, dass attraktive Menschen tatsächlich auch ganz konkret im Alltag bevorzugt werden. Das geht schon los bei kleinen Kindern: Mütter kümmern sich mehr um ihre kleinen Kinder. Sie haben mehr Kontakt oder werden mehr gestreichelt und gehätschelt. Es geht weiter im Kindergarten, dass sie von gleichaltrigen Spielkameraden bevorzugt werden, dass sie in der Schule bessere Noten bekommen, dass sie es im Job leichter haben, also eher zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden… bis dahin, dass attraktive Menschen vor Gericht seltener verurteilt werden und die milderen Strafen bekommen. Man kann es natürlich auch umgekehrt sagen, dass weniger attraktivere diskriminiert werden."
Jetzt wollen ja viele aussehen wie ein Star oder sonstiger Prominenter, ist das normal?
"Ich denk das ist eher so ein Medienphänomen, eine Randerscheinung. Denn man muss sich eins vor Augen halten: Wenn dieser Prominente oder die Prominente tatsächlich attraktiv ist, dann kann man ja schwer unterscheiden, zwischen der konkreten Person und dem abstrakten Ideal. Dieses ist nämlich gleichzeitig das Schönheitsideal einer großen Mehrheit. Das bestätigen auch viele plastische Chirurgen, dass die Leute – auch wenn das in den Medien manchmal so dargestellt wird – in der Regel überhaupt nicht so aussehen wollen wie irgendein Star. Das sind eher krasse Ausnahmen, es gibt ja auch psychisch Kranke."
Warum gibt es dann immer wieder Umfrage-Ergebnisse, die die Top10 der meist gefragten Promigesichter unter plastischen Chirurgen ermittelt haben?
"In der Regel haben ist es ein ganz bestimmtes Merkmal, dass ihnen nicht gefällt. Oder sie haben eine konkrete Vorstellungen, wie jetzt die Nase oder die Lippen genau aussehen sollen. Da es sehr schwer ist, die Form einer Nase abstrakt zu beschreiben, sagen die Leute zum Beispiel, ich möchte eine Nase haben wie Brad Pitt. Aber das sie jetzt einer bestimmt Person oder einem Star ähnlich sein wollen, das halt ich für völlig unrealistisch."
Hintergrund
Dr. Martin Gründl ist Mitarbeiter am Lehrstuhl für Experimentelle und Angewandte Psychologie der Universität Regensburgeiner und einer der Autoren Studie Beautycheck - Ursachen und Folgen von Attraktivität. Hier zu finden.
