Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Von der Impf- zur Sinnfrage

Die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs (kurz HPV-Impfung) hat in den Medien eine echte Achterbahnfahrt hingelegt: Auf den ersten Hype folgten schon bald äußerst kritische Stimmen zum Nutzen der Impfung und es entwickelte sich eine zum Teil heftig geführte Kontroverse. Heute ist die große Aufregung deutlich abgeklungen. Anlass genug, auch im Angesicht der aktuellen Debatte über die Impfung gegen das H1N1-Virus (oder auch Schweinegrippe), das Verhalten der Medien in diesem Fall zu hinterfragen.

Das versuchten auf der Wissenswerte Christina Berndt (Süddeutsche Zeitung), Claudia Nientit (SonntagsZeitung), Prof. Dr. Volker Lilienthal (Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft Hamburg),Volker Stollorz (Freier Wissenschaftsjournalist) und Regina Oehler (Hessischer Rundfunk).

Bei der Diskussion stellte sich heraus, dass die vordergründige Auseinandersetzung um Sinn und Unsinn der Impfung weitaus tiefere, grundsätzlichere Fragen aufgeworfen hat.

Dürfen Journalisten den Leser verunsichern?

Wenn der Redakteur selbst bei schwierigen Themen und komplexen medizinischen Sachverhalten nicht mehr durchsteigt, darf er dann diese Unsicherheit an den Leser weitergeben? Oder sollte er sich in einem solchen Fall auf die sicheren Fakten konzentrieren? Ist also eine eingeschränkte Berichterstattung besser als eine, die verunsichert?

Dürfen Journalisten Impf-Empfehlungen aussprechen?

Direkt? Oder indirekt? Ist ein tendenziöser Bericht eine Empfehlung? Überschätzen wir Journalisten uns, wenn wir meinen, entscheiden zu können, was für alle anderen das richtige Verhalten ist? Haben Wissenschaftsjournalisten eine Mission? Sind sie verantwortlich für das Verhalten der Bevölkerung?

Ist Ignorieren von unsicheren Inhalten eine Option?

Wenn zum Beispiel die Meldung vom Tod eines Mädchens (das wenige Tage zuvor die HPV-Impfung bekommen hatte, aber lediglich ein zeitlicher Zusammenhang besteht) die Runde macht, muss man darüber berichten? Ist das dann ein unnötiges Aufbauschen von irrelevanten Informationen? Ist (zumindest vorübergehendes) Schweigen in einem solchen Fall auch eine journalistische Option?

Kann ein Bericht über ein stark polarisierendes Thema wie die HPV-Impfung überhaupt neutral sein?

Oder geht jeder Journalist schon mit einer vorgefertigten Meinung in die Recherche? Wählt er seine Experten wirklich neutral oder passend zur beabsichtigten Richtung des Beitrags? Sollte Inhalt und Meinung stärker getrennt werden? Oder ist es besser, den Leser nach bestem Wissen und Gewissen in eine bestimmte Richtung zu lenken? Sollte eine Recherche eher nach dem Falsifikationsprinzip erfolgen?

Auch wenn viele Wissenschaftsjournalisten nach der großen Medienkontroverse immer noch nicht genau wissen, was sie von der HPV-Impfung halten sollen, ein Gutes hat die Endlos-Diskussion auf jeden Fall: Sie bewegt die Wissenschaftsjournalisten dazu, ihre Aufgabe und ihr Selbstverständnis zu hinterfragen.

Veröffentlicht: 09.11.2009
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