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Von Peru nach Patagonien

Mit dem Fahrrad von Peru nach Patagonien, aus der Hitze der Tropen bis fast ans Ende des südamerikanischen Kontinents: Sixtus ist endlich wieder für lange Zeit unterwegs. Doch diesmal geht es ihm nicht um Selbstfindung, sondern um Selbstständigkeit: Er möchte sein erstes Buchprojekt verwirklichen. Über die Anden.

Ruta 40 in Südamerika.
Die Freiheit liegt auf der Straße. Foto: Sixtus Reimann

Eigentlich ist es meine Schuld, dass Sixtus für mehr als ein Jahr durch die Anden gereist ist. Denn ich wollte nach dem Abi unbedingt nach Frankreich als Au-Pair-Mädchen. Da er schon einmal allein zurückgeblieben war, als ich in der elften Klasse ein Austauschjahr in den USA verbracht habe, war für ihn sehr schnell klar: Nicht noch einmal. Also haben wir parallel unsere Auslandsreisen geplant. Ich habe mir eine Gastfamilie in Frankreich gesucht. Er hat seinen Professor an der FH von der Idee eines Anden-Bildbandes überzeugt. Aber was fasziniert Sixtus eigentlich an den Anden?

Faszination Anden (32 Sekunden)

Der Lauca-Nationalpark in Peru. Foto: Sixtus Reimann

Seine Idee: die Anden von Peru nach Patagonien zu er-fahren. Mit dem Fahrrad. "Generell gilt, dass man mit dem Fahrrad langsamer reist, dass man intensiver reist, dass man viel öfter hält, dass man viel näher dran ist an der Landschaft, dass man Pause machen kann, wann immer man will." Sein Ziel: die Anden in einem Bildband zusammenzufassen. Doch die Reise an sich sollte bei der ganzen fotografischen Arbeit auch nicht zu kurz kommen.

Flucht nach Südamerika (41 Sekunden)

Flamingos in Freiheit sehen, nicht nur im Zoo. Foto: Sixtus Reimann

Juni 2003: Es ist Mitternacht, als wir in Lima landen. Unsere Wohnung ist untervermietet, das Fahrrad von Sixtus wie neu. Die ersten sechs Wochen werden wir zusammen durch Südamerika reisen, dann geht es für mich nach Frankreich. Doch da ich auf dem Drahtesel nicht mithalten kann, umrunden wir die Cordillera Huayhuash im Norden Perus zu Fuß. Meine erste längere Wanderung. Und dann acht Pässe in 18 Tagen.

Der erste Wandertag

Der Himmel, die Berge und wir. Foto: Sixtus Reimann

In der Nacht vor dem ersten Wandertag kann ich vor Aufregung nicht schlafen. 7 Uhr morgens. Es ist kalt, denn das Dorf liegt noch im Schatten des Berges. Doch die Dorfbewohner laufen bereits aufgeregt hin und her. Sie scheinen etwas zu suchen. Die Maultiere sind entlaufen! Sie sollen uns tragen helfen, denn Proviant für drei Wochen geht sonst ganz schön auf die Knie. Mit zweistündiger Verspätung beginnen wir den Aufstieg zum Bergsee. 1000 Höhenmeter. Ein Fuß vor den anderen. Eine Kehre und noch eine. Pause: Wasser trinken. Weiter. Der Schweiß läuft schneller als wir. Die Sonne steht bereits tief, als wir das Seeufer des Yahuacocha erreichen. Auf der anderen Seite erhebt sich das Bergmassiv, gewaltig, überwältigend. An den steilen Hängen grasen Schafe. Ihr Blöken und ihre Glöckchen sind das einzige Geräusch im Tal. Wir bauen das Zelt auf, filtern Wasser, kochen Spagetti. Die nächsten drei Tage bleiben wir sesshaft. 4050 Meter über dem Meeresspiegel, daran sollte sich der Körper erst gewöhnen. Ich beobachte wie unsere Begleiterin Maruja ihre langen schwarzen Haare am Seeufer wäscht. In der Zeit, in der ich ihr zusehe, gefriert der Rest Tee in meiner Tasse.

Himmelhohe Pässe

Dafür lohnt es sich, bei -20 Grad aus dem Schlafsack zu kriechen. Foto: Sixtus Reimann

Ich komme langsam an in Peru. Die Menschen sind zurückhaltend, aber freundlich, wenn man auf sie zugeht. Die Natur ist... unbeschreiblich. Sie ist einfach. Sie duldet nichts neben sich. Sie ist für die Ewigkeit. Und doch verändert sie sich. Sie ist vernichtend für die, die sie unterschätzen. Und doch ist sie so verletzlich.

Ich vertraue Sixtus mehr als meinem eigenen Körper. Ich habe Angst, den nächsten Pass nicht zu schaffen, zu langsam zu sein, zu schwach zu sein. Der Puls hämmert. Die Ohren sausen. Aber wenn Sixtus sagt, ich schaff das, dann schaff ich es auch. Oben erscheint plötzlich alles so einfach. Da unten die kleine Hütte, sieh nur! Und da, der kleine Gletschersee, der ist ja richtig türkis! Mein erster 5000er.

Nach sechs Wochen trennen sich unsere Wege. Ich fliege zurück nach Deutschland und von dort nach Frankreich. Im Gepäck 20 belichtete Filme und eine Magenverstimmung. Sixtus holt sein Fahrrad aus dem Hotel und fährt los. Immer weiter nach Süden. Im Gepäck 200 unbelichtete Filme und große Pläne.

Jetzt geht es erst richtig los.

Text: Anne Kynast
Fotos: Sixtus Reimann

Veröffentlicht: 03.09.2008
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