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Kino.to

Virtuelle Todesfälle im Kampf gegen die Film-Piraterie

Kino.to: gesperrt. Megaupload: gesperrt. Die Betreiber: (Ein)gesperrt (oder auf dem Weg dorthin). Sperren sich die User dagegen? Die GVU hat der Film-Piraterie den Kampf angesagt. Fertig ausgetragen ist er aber noch lange nicht.

Die gut besuchte Website wurde im Juni 2011 geschlossen

Eines muss man der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) lassen: Mit der Schließung von Kino.to am 8. Juni 2011 ist sie ein ganzes Stück weitergekommen. Sie hatte vorher monatelang wegen des "Verdachts der Bildung krimineller Vereinigung zur gewerblichen Begehung von Urheberrechtsverletzungen" gegen die Betreiber ermittelt. Daraufhin wurde die Seite vom Netz genommen und die Besucher der Seite finden nur noch einen Hinweis der Kriminalpolizei vor. Letzte Woche hat auch der Prozess gegen den Chef-Programmierer Bastian P. begonnen. Zeit sich zu fragen, wie es nun weitergeht. Nicht zuletzt deshalb, weil seit Anfang des Jahres auch die Datentausch-Plattform Megaupload gesperrt wurde. Ob diese Maßnahmen allerdings einen langfristigen Effekt haben werden, ist fraglich: Schon während und auch nach der Existenz des Videostreaming-Portals Kino.to, gab und gibt es andere Webdienste, die ähnlich funktionieren wie Kino.to. Kinox.to und Movie2k.de gehören dazu.

Trauergemeinde für Kino.to

Trotzdem hat der Schlag der GVU gegen Kino.to Wirkung gezeigt: Bei Facebook findet sich eine große Trauergemeinde: "R.I.P. Kino.to." und "WIR WOLLEN KINO.TO ZURÜCK" sind nur einige der Gruppen von Usern, die Kino.to offensichtlich vermissen. Auch eine "R.I.P. Megaupload" Trauergemeinde gibt es in dem sozialen Netzwerk. Wenn man bei google "kino.to" eingibt, kommen als Vorschläge "Ersatz", "Nachfolger", "Alternativen" und "legal".

Beim Filehosting werden Dateien über das Internet auf einem zentralen Datenspeicher abgelegt. So kann von beliebigen Orten darauf zugegriffen werden. Durch eine zentrale Datensicherung sind die Daten gegen Verlust geschützt. Anbieter von Filehosting-Websites, auf denen Dateien veröffentlicht werden können, nennt man Sharehoster oder Filehoster. Megaupload und Kino.to waren zum Beispiel sogenannte Sharehoster.

Das spricht ja dafür, dass Kino.to einen bedeutenden Stellenwert hatte und die GVU einen wichtigen "Feind" im Kampf gegen die Film-Piraterie aus dem Weg geräumt hat. Es zeigt aber auch, dass die User sich zu helfen wissen und einfach auf andere Seiten umsteigen, die das Word Wide Web so hergibt. Die Website Kino.to gehörte in ihrem "Todesmonat" Juni zu den 50 meistbesuchten Websites in Deutschland. Diesen Monat schafft es die ehemalige Konkurrenz Movie2k.de immerhin auf Platz 61. Die User haben also scheinbar ihren Nachfolger gefunden. Auch Kinox.to schafft es diesen Monat mit Platz 99 unter die Top 100. Was den Punkt Legalität betrifft, ist die Rechtslage noch nicht ganz klar. So grau, wie sie mal war, ist die Zone, in der sich die User bewegen allerdings auch nicht mehr.

Keine eindeutige Gesetzgebung

Das urteilt jedenfalls der der Gerichtshof Leipzig. Der Amtsrichter Matthias Winderlich vertritt die Auffassung, dass durch die Nutzung von illegalen Streams rechtsverletzende Verbreitung und Vervielfältigung stattfinde. Damit verstoße es gegen § 44a UrhG. "Vervielfältigen" setzt der der Richter mit "Herunterladen" gleich. Dazu würde auch das zeitweilige Herunterladen zählen, das beim Streamen stattfindet. Damit legt er das Gesetz so radikal wie möglich aus. Wie ausschlaggebend die Meinung eines einzelnen Amtsrichters aber für die gesamt juristische Diskussion ist, ist allerdings fragwürdig. Vermutlich werden aber zumindest einige Richter diesen Argumenten folgen. Marion Jahnke, Rechtsanwältin für Medien- und Urheberrecht, sagte gegenüber dem Computermagazin Chip, dass Richter mittlerweile gnadenlos urteilen würden was bereits abgemahnte User angeht. Andere Juristen legen die Gesetzgebung jedoch anders aus, wie beispielsweise folgendes Video zeigt:

Gemessen an den Besucherzahlen der Seiten Kinox.to und Movie2k.de könnte man meinen, dass die wenigsten User hinreichend über diese Entwicklungen informiert sind. Jedenfalls hat sich das Nutzungsverhalten seit der Schließung von Kino.to und auch durch Gerichtsurteile nicht geändert. Man kann es aber auch so deuten, dass die User sich durch solche Maßnahmen einfach nicht bedroht fühlen. Und das aus gutem Grund: Den Premium-Kunden, also die Nutzer, die gegen Gebühr einen werbefreien Zugang nutzten, müssen zwar mit Strafverfahren rechnen. Die Daten dieser User wurden auf den beschlagnahmten Servern von Kino.to gefunden.

Ein Stream ist ganz allgemein betrachtet eine kontinuierliche Abfolge von Datensätzen mit einer variablen Datenrate. Die Datenströme werden fortlaufend verarbeitet. Filme oder Musik können angeschaut bzw. angehört werden, ohne sie komplett und am Stück herunterzuladen. Dieses Verfahren wird auch Echtzeitübertragung genannt, weil die Daten ohne Zeitverschiebung wiedergegeben werden können. Die Voraussetzung für Streaming ist, dass die Übertragungsrate des Mediums nicht höher ist als die der Internetleistung.

Ein ähnliches System existiert übrigens auf der Nachfolgerseite Kinox.to. Dem Durchschnitts-User droht aber bislang keine Gefahr: Anonyme User können nicht identifiziert werden. Selbst durch gespeicherte IP-Adressen, kann man die Anschlussinhaber nach einer gewissen Zeit nicht mehr ausfindig machen. Provider speichern IP-Adressen für gewöhnlich nur 7 Tage.

Trotzdem sollte man als User vorsichtig sein: Die Hersteller von Tracking-Software arbeiten momentan an Programmen, die die IP-Adressen aufzeichnen. Wenn Abmahnanwälte damit dann rechtzeitig die Auskünfte der Provider beantragen würden, könnte es für die Nutzer gefährlich werden. Das ist aber momentan auch nur ein relativer Begriff, da auf Abmahnungen mithilfe von fristgerechtem Widerspruch bestenfalls von einem Fachanwalt formuliert, so reagiert werden kann, dass für den User keine Konsequenzen drohen.

Die wenigsten User fühlen sich bedroht von den Anti-Piraterie-Maßnahmen. "Bedroht fühle ich mich erst, wenn es gelingt auch einfache Nutzer zu identifizieren", so ein User. In einer Studie (die keinen Anspruch auf Repräsentativität erhebt) mit über 30 Teilnehmern zwischen 19 und 50 Jahren, hat sich gezeigt, dass die Effektivität der Maßnahmen gegen Piraterie von dem Großteil der Nutzer als wenig effektiv bewertet wird. "Die Effektivität halte ich für gering. Es werden sich immer neue Mittel und Wege auftun, um Dateien austauschen zu können", sagt ein Teilnehmer.

Legale Alternativen

Wer sich rechtlich auf der absolut sicheren Seite, aber nicht aus dem Haus bewegen möchte, steigt bestenfalls auf legale Portale um. Legal können Daten zum Beispiel hier gespeichert und geteilt werden: DROPBOX. Dieser Anbieter bietet 2GB gratis genau wie beispielsweise CLOUDSAFE.

An Filme kommt in den Onlinevideotheken LOVEFILM (monatliche Kosten 9,99€), VIDEOLOAD oder über den noch recht unbekannten kostenlosen Online-TV-Dienst ZATTOO.

Der große Schaden für die Filmindustrie?

Eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ergab, dass Nutzer von Kino.to häufiger als der Durschnitt ins Kino gehen würden. Außerdem gäben sie überdurchschnittlich viel Geld für die Tickets aus, beispielsweise an teureren Wochentagen oder für die besseren Plätze. Kino.to User würden auch mehr Geld für DVDs ausgeben, da sie oftmals nur die Anfangsszenen der Filme sehen würden, um bei Gefallen daraufhin ins Kino zu gehen.

"Wir haben damit nicht gerechnet", sagte ein GfK-Mitarbeiter, der verständlicherweise anonym bleiben möchte. "Wer Filme herunterlädt, hat ein erhöhtes Interesse am Kino." heißt es auf heise.de.

Das bedeutet also, dass Seiten wie kino.to dem Kino gar nicht schaden, sondern sogar andersherum: sogar die Kinoindustrie unterstützen. Auch wenn das kein beabsichtigter Effekt ist und keineswegs auf die Gutmütigkeit der (ehemaligen und aktuellen) Seitenbetreiber zurückzuführen ist, so zeigt dies aber, dass zumindest die User solcher Seiten der Kinoindustrie nicht schaden. Das erklärt vielleicht auch, warum es GVU und Co bislang nicht gelingt, den Usern ein so schlechtes Gewissen im Umgang mit solchen Diensten zu vermitteln, sodass sie autonom aufhören, sie zu nutzen. Im Grunde zeigt sich das Ergebnisse der Studie auch, wenn man sich die Anzahl der Kinobesucher in den vergangenen Jahren anschaut.

Hier kann man über die Jahre betrachtet keinen rapiden Abfall der Besuchszahlen festmachen. Eine Umfrage mit über 30 Teilnehmern zwischen 19 und 50 Jahren, die keinen Anspruch auf Repräsentativität erhebt, hat gezeigt, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Anschauen von Filmen auf Streaming-Websites und der Anzahl von Kinobesuchen gibt: Die Teilnehmer gehen nicht weniger oft ins Kino, weil sie den Film umsonst im Internet schauen können. Sie würden auch nicht öfter ins Kino gehen, wenn dies nicht möglich wäre.

Auf Videotheken haben Videostreaming-Seiten laut GVU aber eine nachweisliche negative Wirkung.

So verzeichnete Media Control in der Woche nach der Schließung von Kino.to einen erstmaligen Zuwachs von knapp 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bis kinox.to online ging, also am 12. Juli, wurde dieses Ergebnis sogar noch auf 41 Prozent getoppt. Dann jedoch sanken die Ausleihzahlen wieder rapide ab. Dass Videotheken aber unter der Illegalität solcher Seiten leiden, bleibt zu bezweifeln. Näher liegt die Tatsache, dass der Trend dazu geht, soviel wie möglich online erledigen zu wollen. In dem Fall würde ein konsequenter Wechsel der Kunden zu legalen Online-Alternativen auch keine Rettung für die Videotheken bedeuten.

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Autor: Manuela Weichsel
Foto: Spiegel.de

Veröffentlicht: 01.04.2012
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