Ungewisse Zukunft - Presse in den USA
Ist die gedruckte Zeitung ein Auslaufmodell? Viele Experten in Deutschland prophezeien einen baldigen Stopp vieler Druckmaschinen. Die Zeitung habe sich im Zeitalter des Internets überlebt, so ihr Argument. In den USA sieht die Sache noch drastischer aus. Eine Nahaufnahme aus dem Mutterland der Massenpresse.
Washington D.C. Auf sechs Etagen wird im Newseum in Washington DC die Geschichte des amerikanischen Journalismus präsentiert. Der größte Teil der Ausstellung ist den Zeitungen gewidmet. Von den Anfängen während der Kolonialzeit bis Obama - die Geschichte des amerikanischen Printjournalismus ist eine Erfolgsgeschichte. Eine Erfolgsgeschichte, die zu Ende zu gehen droht. Einen Meter hoch stapeln sich die Zeitungen, die Inschrift daneben: "Zeitungen, die ihre Printausgabe eingestellt haben. Wie viele andere Zeitungen ringen sie um eine Anpassung an das neue Medienumfeld." Die Printausgaben sind Dokumente einer vergangenen Zeit, heute existieren die ausgestellten Ausgaben nur noch online in reduzierter Form.
Das digitale Todesurteil?
Dritte Etage: Die Ausstellung "Digital News Revolution" trägt den Grund für die Zeitungsmisere schon im Namen - das Internet ist das Hauptproblem. Eine Grafik mit der Überschrift "Harte Zeiten für Zeitungen" verdeutlicht die Ausmaße: Von 1990 bis 2007 stürzte die wöchentliche Auflage aller US-Tageszeitungen um elf Millionen ein. Das macht einen Sechstel der Gesamtauflage aus.
Die Politik hat die Zeichen der Zeit erkannt. Bei einem Vortrag für sein neues Buch sagte der Anchorman der CBS-Sendung "Face the Nation", Bob Schieffer, nur diejenigen Politiker, die das Medium ihrer Zeit zu meistern verstanden hätten, hätten auch die Wahlen gewonnen: "Roosevelt hat 1932 die Wahl gegen Herbert C. Hoover gewonnen, weil er sich im Radio direkt an die Wähler wenden konnte, Kennedy hat 1961 im Fernsehen gegen Richard Nixon überzeugen können und Obama hat nicht zuletzt wegen des Internets gewonnen."
"Zeitungen spielen heutzutage kaum mehr eine Rolle", so Schieffer, "I fear that newspapers won´t survive."
Andere Experten stimmen in die pessimistischen Prognosen ein. "Wir werden eine lange Agonie erleben, aber Print wird auf lange Sicht nicht überleben", sagt Tom Rosenstiel, Direktor vom "Project for Excellence in Journalism", "wir werden viele Institutionen sterben sehen." Zu leicht sei es heute, sich aus dem Internet zu informieren und dazu noch umsonst.
Im Durchschnitt generieren amerikanische Zeitungen 15 bis 20 Prozent ihres Erlöses aus dem Verkauf. Bis zu 80 Prozent des Einkommens stammt aus der Werbung. Wegen des Einbruchs der Printleser brechen auch die Werbekunden weg.
Laut der "Newspaper Association of America" verloren amerikanische Zeitungen von 2006 bis 2008 etwa ein Viertel ihrer Werbeerlöse. Das bedeutet, dass die Zeitungen etwa einen 20-prozentigen Einbruch ihres Erlöses kompensieren mussten.
Online als Chance
Der alljährliche Bericht zum "State of the News Media", der vom "Project for Excellence in Journalism" veröffentlicht wird, stellt einen konstanten Rückgang der Verkaufszahlen von Printausgaben fest. Von April bis September 2008 fielen die Verkaufszahlen für Tageszeitungen um 4,6 Prozent, für Sonntagszeitungen um 4,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Gleichzeitig stieg im selben Quartal die Zahl der Onlinezeitungsleser um 15,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
"Wenn man unsere Print- und unsere Onlineleser addiert, dann haben wir mehr Leser als jemals zuvor", sagt Valerie Strauss von der Washington Post. Nicht der Verlust der Printleser sei das Problem, sagt sie: "Internetseiten bekommen nicht dieselben Werbegebühren wie Printseiten. Wir sind im Moment noch nicht einmal knapp dran, mit Online die Verluste der Printausgabe zu erwirtschaften. Wenn das so weiter geht, weiß niemand, was passieren wird. Aber ein Geschäftsmodell gibt es bisher nicht."
Mögliche Geschäftsmodelle
Steht den Zeitungen also ein langsames Sterben bevor? Wird es Information in Zukunft nur noch im Internet geben? Amy Eisman, Journalistikprofessorin an der American University in Washington D.C., sieht in der Spezialisierung die Überlebenschance des Print: "Zeitungen werden sich in etwas für den Tag danach entwickeln. Ich denke, Zeitungen brauchen ein einzigartiges Markenzeichen, eine Nische. Sie müssen ein konkretes Publikum ansprechen."
Tom Rosenstiel glaubt nicht an die Rettung der Printausgaben, er prophezeit eine Spezialisierung im Internet als ein mögliches wirtschaftliches Modell: "Zeitungen werden sich aufsplitten in unterschiedliche Onlineseiten. Die Qualität dieser Seiten wird besser sein als alles, was uns die sterbenden Zeitungen heute bieten können."
Eine andere Idee ist es, von Lesern für Onlineangebote Geld zu verlangen. Das plant Medienmogul Rupert Mordoch, Vorstandschef der News Corporation. Seiner Meinung nach stünden nicht die Zeitungen, sondern das Internet vor einschneidenden Veränderungen: "The current days of the Internet will soon be over."
Spiegel Online zum Thema Zeitungskrise in den USA
Die New York Times in der Krise (taz.de)
Das Ende der Seattle Post bei focus.de
Text: Evgenij Haperskij
Timeline: Evgenij Haperskij
Fotos: Evgenij Haperskij
Video: YouTube



