Undercover im Beichtstuhl
"Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes", sagt der Pater. "Amen", sagt die Sünderin. Sie hat Dunkelheit erwartet. Stattdessen sitzt sie jetzt in einer Zelle, die an die Kabinen im Flughafen erinnert, in denen sich verdächtige Passanten ausziehen müssen. Ein Seelenstrip, denkt die Sünderin.
Nicole Althaus wagt es, ein Sakrament zu entweihen, das manchen Menschen heilig ist. Sie beichtet ihre intimsten Sünden, um darüber zu schreiben – ohne sich im Beichtstuhl als Journalistin zu outen. Sie will zeigen und erkunden, was moderne katholische Frauen bewegt: "Wie ist es für eine Frau, die erzkonservativ aufgewachsen ist, nach Jahrzehnten wieder beichten zu gehen? Und wie reagiert ein Priester auf ihre Beichte?" Nicole Althaus hat erlebt, dass das katholische Dogma im modernen urbanen Alltag nicht praxistauglich ist. Sie will die Konflikte aufzeigen und eine Reaktion des Geistlichen jenseits offizieller Kirchen-Verlautbarungen hören. Eine Rolle braucht sie nicht, Lügen sind nicht eingeplant. Die hat sie auch nicht nötig, denn Nicole Althaus’ Sündenregister ist voll gepackt: Sie ist verheiratet – nicht kirchlich – und hat zwei Kinder aus dieser Ehe. Sie nimmt die Pille.
Für das Schweizer Magazin Facts überwindet Nicole Althaus all ihre Hemmungen und stellt sich ihrer Religion. Beim ersten Gang in die Kirche schreckt sie zurück, will die Recherche abbrechen: "Etwas in mir hat sich gesperrt". Der zweite Versuch ist erfolgreich – direkt nach dem Gespräch schreibt Nicole Althaus ein Gedächtnisprotokoll. "Aufgezeichnet habe ich nichts, denn das wäre rechtswidrig", sagt sie. Der Text, den sie im Mai 2005 schreibt, ist eine liebevolle Nachzeichnung der Gefühlswelt einer modernen Frau im Angesicht der verstaubten Institution Kirche.
Der Text mit dem Titel "Herr, vergib mir!" sorgt schon vor der Veröffentlichung für Aufruhr bei der katholischen Kirche. Nicole Althaus habe den Seelsorger vorsätzlich im Unklaren gelassen und somit seine Menschenwürde beeinträchtigt. Zudem hätte die Journalistin das "heilige Sakrament der Beichte" missbraucht, um eine Story zu schreiben. Ihre Redaktion stärkt ihr den Rücken, drängt auf die Veröffentlichung. Darin hält Nicole Althaus den Beichtvater bewusst anonym und verzichtet auf besonders brisante Details – aus Rücksicht. "Es gab Zitate mit mehr Sprengkraft, die habe ich herausgestrichen."
Trotzdem: Die Veröffentlichung beschert Nicole Althaus eine Rüge des Schweizer Presserats. Begründung: Mit dem Bericht habe Nicole Althaus die Richtlinie 4.2 zur Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten verletzt, da "kein überwiegendes öffentliches Interesse an einer Veröffentlichung der verdeckt recherchierten Informationen bestand". Eine Meinung, doch es lässt sich auch anders argumentieren: Man könnte den aufzudeckenden Misstand darin sehen, dass die Jahrhunderte alte Lehre mit der heutigen Welt nicht mehr in Einklang zu bringen ist. Dieser Konflikt könnte der Misstand sein. In diesem Fall bestünde das öffentliche Interesse in der gesellschaftlichen Selbstreflexion. Die Leser und Leserinnen des Magazins sahen das ähnlich. "Bei kaum einem anderen Text habe ich so viele positive Leserbriefe erhalten", sagt Nicole Althaus. Der Tabubruch hatte besonders die Frauen angesprochen. Manche hätten sich durch "die Sünderin" repräsentiert gefühlt, gerade oder obwohl viele dieser Frauen noch in streng gläubigen Gemeinden lebten.
"Die Schweizer Presse hat vorher kaum über dieses Thema berichtet", sagt Nicole Althaus. So löste sie mit ihrem Erfahrungsbericht eine kritische Debatte aus. Wohl kaum eine andere verdeckte Recherche wurde so kritisch analysiert wie dieser Bericht über die mächtige katholische Kirche. Der als "heilig" deklarierte Akt der Beichte sei etwas Besonderes. Kritiker scheinen nicht willkommen. Der Tabubruch wird stärker empfunden, als manche Menschen es angemessen finden. Nicole Althaus sagt: "Die Beichte ist auch eine Art Serviceleistung und sollte genauso getestet werden dürfen." Zudem werde ihre eigentliche Intention oft überlesen: Der innere Konflikt, den "die Sünderin" austrägt. Gerade dieser Konflikt mit der Kirche und die Rüge des Presserats hat Nicole Althaus’ Karriere befördert. Die Redaktion hat ihr weitere Geschichten anvertraut und sie für Recherchen teilweise für Wochen freigestellt. In der Kirche hingegen ist sie nicht mehr erwünscht.
Die Stellungnahme des Schweizer Presserates zur Recherche im Beichtstuhl
Die Reaktion eines katholischen Internetmagazins auf die Veröffentlichung
Text: Katharina Kruppa
Teaserfoto: Katharina Kruppa
Fotos: K.K., sxc.hu/Viajero1, sxc.hu/Bubbels



