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Tagung

Twittern? Wir haben doch keine Zeit!

Alle reden vom "Social Web". Aber wie wichtig sind Twitter & Co. bisher in der hochschulgebundenen Journalistenausbildung? Welche Professoren twittern eigentlich selbst? Wie wirken sich diese Kommunikationswege auf die journalistische Qualität aus? Und wie wird die Ausbildung von Nachwuchsjournalisten in Zukunft aussehen? Vier Fragen, sechs Wissenschaftler antworten.

Christoph Moss

Prof. Dr. Christoph Moss, Program Director Communications & Marketing / International School of Management, Dortmund.

Twittern Sie?

Nein, ich twittere nicht. Aus einer gewissen Zurückhaltung heraus. Ich bin total neugierig, aber ich habe es einfach noch nicht hinbekommen, damit anzufangen.

Werden neue Kommunikatoren wie Twitter und das Social Web bereits in die von Ihnen angebotene journalistische Ausbildung integriert?

Diese Möglichkeiten zur Kommunikation werden bei uns voll integriert. Unsere Studenten twittern, wir haben einen eigenen Blog gegründet. Sie lernen, damit umzugehen, damit zu schreiben und die neuen Kommunikationsweisen zu integrieren.

Wird die Qualität des Journalismus durch Twitter & Co. auf- oder abgewertet?

Sie erweitern den Spielraum des Journalismus. Aber es gelten Qualitätsregeln für Journalismus, sowohl in der Vergangenheit als auch in der Zukunft. Journalisten sind gut beraten, wenn sie die alten Qualitätsstandards, die sie immer eingehalten haben, auch in Zukunft einhalten werden.

Wie sieht die Journalistenausbildung von morgen aus?

Die Ausbildung wird sehr stark handwerklich orientiert sein - um die vielen verschiedenen crossmedialen Spielformen zu lernen. Ich hoffe sehr, dass wir dabei die Inhalte nicht vergessen. Das bedeutet: Nachrichten- und Quellenbewertung darf auf keinen Fall unter den Tisch fallen.

Susanne Fengler

Prof. Dr. Susanne Fengler, Technische Universität Dortmund / Institut für Journalistik.

Twittern Sie?

Nein. Ich hatte mir zwar schon mal einen Twitter-Account angelegt, aber hatte dann plötzlich ganz viele Follower, die ich nicht kannte - fand ich sehr interessant (lacht). Ich finde es wichtig, Twitter auszuprobieren, aber ich habe keine Zeit, und es sind bisher auch noch keine relevanten Informationen an mir vorbei gegangen. Allerdings würde ich das gerne intensiver machen - hätte ich mehr Zeit.

Werden neue Kommunikatoren wie Twitter und das Social Web bereits in die von Ihnen angebotene journalistische Ausbildung integriert?

Da ich nicht unmittelbar für die Lehrredaktionen zuständig bin, kann Professor Meier (siehe unten) sicher mehr dazu sagen. Für den internationalen Bereich versuchen wir schon, das in allen Seminaren und Vorlesungen einzubringen. Gerade hatten wir ein Seminar mit John Pavlik (siehe unten), wo die Teilnehmer virtuell animierte Filme erstellt haben. Das Thema Social Media und Social Networks ist auch immer ein Thema bei interationalen Mediensystemen: Warum wird das in anderen Ländern viel stärker genutzt als bei uns? Wo sind die Unterschiede? Warum schauen amerikanische Journalisten viel häufiger in Blogs als deutsche? Aus der wissenschaftlichen Perspektive steckt da ganz viel Potenzial drin, das wir uns in keinem Fall entgehen lassen dürfen.

Wird die Qualität des Journalismus durch Twitter & Co. auf- oder abgewertet?

Ich selbst schaue viel in amerikanische Blogs, woran ich auch ein hohes Forschungsinteresse habe. Diese Blogs sind ganz oft gefüllt mit "Cut & Paste"-Texten aus den etablierten alten Massenmedien. Das heißt, die etablierten Medien sind eigentlich immer noch die, die Fakten bieten und für Gesprächsstoff sorgen. Das wird dann in millionenfacher Weise - wie in tausend Spiegeln einer Echo-Kamera - in vielen Blogs reflektiert. Aber all diese Blogs würden nie ohne diese Recherche- und Artikulationsleistung auskommen. Deswegen wird der Journalismus von der Bedeutung eher aufgewertet. Ganz anders sieht das im Moment natürlich von der ökonomischen Seite aus. Neue Kommunikationsformen wie diese finde ich dort besonders spannend, wo der freie Informationsfluss durch restriktive politische Rahmenbedingungen gehemmt ist - Beispiel Iran.

Wie sieht die Journalistenausbildung von morgen aus?

Natürlich crossmedial. Offen für internationale Anregungen und Innovationen. Hoffentlich immer die Inhalte zentrierend. Nicht, dass wir versuchen, den Werbern mit Gimmicks den Rang abzulaufen - zum Kerngeschäft der Vermittlung gehören immer auch die politisch relevanten Informationen. Es muss in der Journalisten-Ausbildung gelingen, Leute für etwas zu öffnen, so dass sie in der Medienwelt der Zukunft bestehen können. Bei Journalisten mittleren Alters sieht man ja schon jetzt eine große Ratlosigkeit, wie sie diese Zukunft meistern können. Die Generation, die wir jetzt ausbilden, wird die Zukunft gestalten. Wir müssen ihnen die technische und analytische Kompetenz mitgeben und sie lehren, die richtigen Fragen zu stellen - egal für welches Medium. Das ist das Wichtigste.

Klaus Meier

Prof. Dr. Klaus Meier, Technische Universität Dortmund / Institut für Journalistik.

Twittern Sie?

Nein. Twittern passt meiner Meinung nach nicht zum wissenschaftlichen Arbeiten. Aber ich habe zwei Blogs, in denen ich eher unregelmäßig arbeite.

Werden neue Kommunikatoren wie Twitter und das Social Web bereits in die von Ihnen angebotene journalistische Ausbildung integriert?

Diesbezüglich sind wir mit Sicherheit noch ausbaufähig. Das Problem ist, dass Studenten, die an unserem Institut journalistisch arbeiten, anscheinend wenig zeitliche Möglichkeiten sehen, zu twittern. Aber wir machen zum Beispiel für unseren Online-Auftritt www.pflichtlektuere.com ein Twitter-Feed. Wir arbeiten also daran. Aber ich sehe das nicht als einen Kern der Ausbildung, den man lehren sollte. Vielmehr laden wir twitternde Journalisten, zum Beispiel von DerWesten, zu uns ein, die darüber berichten. Die Studenten können dann mit ihnen diskutieren und so erfahren: Was ist Twitter und welche Vor- und Nachteile hat es.

Wird die Qualität des Journalismus durch Twitter & Co. auf- oder abgewertet?

Es ist ein weiteres Element auf der Klaviatur des Journalismus. Wenn man sich das als Redaktions-Ziel setzt und Spaß daran hat, kann es viele Vorteile bringen. Man darf sich nur nicht dazu verpflichtet fühlen, das jetzt auch noch nebenbei machen zu müssen - dann kommt nicht viel dabei heraus. Man muss es als ein neues Betätigungsfeld sehen, mit dem man gerne umgeht und aus dem man sehr viel Nutzen für die journalistische Arbeit zieht. Aber es ist kein Kerngeschäft des Journalismus. Es ist ein Aspekt, der viel Positives bringt. Nachteile sehe ich nur, sobald man als Redakteur dazu gezwungen wird.

Wie sieht die Journalistenausbildung von morgen aus?

Wir werden weiterhin das Grundwerkzeug lehren. Sehr viel reflektieren, uns mit Publikumswünschen auseinandersetzen. Wir machen selbstverständlich auch schon crossmediale Ausbildung, um auf mehreren Plattformen arbeiten zu können und abzuwägen, welche Themen in welchem Medium am besten einzusetzen sind. Ein wichtiger Aspekt ist, sich mit Innovationen zu beschäftigen. So haben wir einen Masterstudiengang, der im nächsten Jahr startet. Auch dort werden Innovations-Projekte in den Mittelpunkt gestellt: Studenten können mit Redaktionen Projekte aufsetzen, die dann auch hinsichtlich ihrer Effizienz evaluiert werden. An Innovationen kann man also noch arbeiten.

Wiebke Möhring

Prof. Dr. Wiebke Möhring, Fachhochschule Hannover / Fakultät für Medien, Information und Design.

Twittern Sie?

Nein. Denn viel von dem, was wir im Unterricht selber erleben, ist für mich zu personengebunden und zu persönlich. Zum inhaltlichen Twittern hat mir im letzten Jahr die Zeit gefehlt. Man kann auch nur twittern, wenn man inhaltlich etwas zu sagen hat. Ich blogge auch nicht - ich bin, was das angeht, sehr old-fashioned.

Werden neue Kommunikatoren wie Twitter und das Social Web bereits in die von Ihnen angebotene journalistische Ausbildung integriert?

Nein. Ich glaube, dass die Studenten diesbezüglich zum Teil besser bescheid wissen als wir Professoren. Das ist gefährlich - und auch ein Stück weit in Ordnung, aber wir müssen da an uns arbeiten. Vor allem müssen wir mit den Studenten zusammen die Frage bearbeiten, was das alles für die Welt von morgen bedeuten kann. Dieses strategische Eindenken in die neuen Medien muss noch stärker eingebunden werden. Wir besetzen gerade eine neue Professur für "Neue Informations- und Kommunikationstechnologien", damit wir dies auch in einigen Veranstaltungen anbieten können. Das Wichtigste ist aber, immer mitzudenken, wenn es um journalistische Produkte geht.

Wird die Qualität des Journalismus durch Twitter & Co. auf- oder abgewertet?

Wenn diese Kommunikationsmöglichkeiten richtig eingesetzt werden, kann es die Qualität steigern. Zur Qualität gehört auch Aktualität und Relevanz. Das kann durch die neuen Medien deutlich gepusht werden, aber man muss sie mit den richtigen Zeitfenstern bestücken dürfen. Man kann zwar schnell mal in zwei Minuten einen Tweet absetzen - aber wenn ich nicht genügend Zeit dafür habe, um mir über den Inhalt Gedanken zu machen, kann das eben auch zu einer Qualitätsgefahr werden.

Wie sieht die Journalistenausbildung von morgen aus?

Die Journalistenausbildung von morgen wird nicht darum herumkommen, alle unterschiedlichen Medienformen zu integrieren. Print, Hörfunk und Fernsehen waren ja schon immer Standard, hinzugekommen ist dann in vielen Bereichen Online, was ja inzwischen schon wieder ein altes Medium ist. Die tatsächlich neuen Medien müssen den jungen Journalisten in ihrem Anwendungspotenzial mitgegeben werden.

Gabriele Bartelt-Kircher

Dipl.-Soz. Gabriele Bartelt-Kircher / Leiterin der Journalistenschule Ruhr.

Twittern Sie?

Nein, leider noch nicht. Ich habe Sorge, dass ich dann gestört werde. Denn wenn man Follower hat, muss man auch antworten, und dazu habe ich leider keine Zeit. Twitter als reine Informationsbeschaffung zu nutzen, finde ich interessant, gerade wenn es zum Beispiel Unglücke betrifft. Twitter zu verfolgen, ist vor allem für Redaktionen interessant. Doch man muss schauen, dass es nebenbei beobachtet wird.

Werden neue Kommunikatoren wie Twitter und das Social Web bereits in die von Ihnen angebotene journalistische Ausbildung integriert?

Wir sind durch die Tagung "Forum Lokaljournalismus" darauf gestoßen worden, Twitter zu unterrichten. Die Schüler der Journalistenschule haben schon eine Einweisung bekommen und twittern seitdem, auch unser Team von acht Volontären hier auf dem Forum Lokaljournalismus. Und wir haben die "Obertwitterin" Katrin Scheib von DerWesten, die sehr viele Follower hat. DerWesten ist natürlich froh, dass die Volontäre auch alle mittwittern, um Reaktionen und Stimmungen einzufangen und direkt in Twitter "auszutesten". Für junge Leute ist es schon spannend, die Follower zu beobachten: Wie reagieren die auf mich, und wann reagiere ich darauf. Das ist eine sehr wichtige Erfahrung - auch für Journalisten.

Wird die Qualität des Journalismus durch Twitter & Co. auf- oder abgewertet?

Je mehr Möglichkeiten wir haben, umso besser ist das für die Qualität. Die Journalisten sind alt genug zu entscheiden, was der Qualität bekommt und was nicht und sich zu fragen, wo man nachrecherchieren muss. Deswegen glaube ich, dass gerade für den Nutzer die Qualität des Journalismus erhöht wird. Denn der Journalist ist dadurch besser informiert und kann den Nutzer mit einbeziehen und ihm sogar direkte Fragen stellen. Ich halte das für eine ganz großartige Gelegenheit.

Wie sieht die Journalistenausbildung von morgen aus?

Die journalistische Arbeit wird sich sehr verändern. Journalisten müssen noch viel stärker lernen, auf den User zu achten. Bisher war das nicht so im Fokus, aber die neuen Medien zwingen uns dazu. Das ist sehr gut. Allerdings sehe ich als Leiterin der Journalistenschule eines großen Medienkonzerns Probleme in der Finanzierung der Ausbildung, denn die digitalen Medien sind noch kein Geschäftsmodell. Als Content-Organisierer sind wir bedroht - denn das Beschaffen von Informationen kostet natürlich. Aber die Recherche ist nun mal entscheidend, denn die Glaubwürdigkeit entscheidet über die Bedeutung eines Mediums.

Interview der Bundeszentrale für politische Bildung mit Gabriele Bartelt-Kircher

Die Journalisten-Schule Ruhr

John V. Pavlik

John V. Pavlik, Ph.D., Professor and Chair Director, Journalism Resources Institute / Rutgers, The State University of New Jersey.

Twittern Sie?

Ja. Ich habe einen Twitteraccount und ich bin auch Follower - hauptsächlich von Leuten, die über Journalismus und Technologie berichten. Ich nutze das, weil ich immer auf dem neuesten Stand sein möchte. Manchmal sind die Twitter-Nachrichten auch nicht sehr wichtig, aber ich denke, dass man sich hier in vielen verschiedenen Bereichen gute Informationen beschaffen kann. Es gibt natürlich auch Leute, die nur einen Tweet absetzen, um überhaupt mal zu twittern.

Werden neue Kommunikatoren wie Twitter und das Social Web bereits in die von Ihnen angebotene journalistische Ausbildung integriert?

Wir setzen alles daran, um Soziale Netzwerke in die journalistische Ausbildung zu integrieren. Unsere Studenten lernen Twitter & Co. kennen und lernen, Blogs zu gestalten. Aber sie lernen auch, inwiefern diese Sozialen Netzwerke unser Leben, auch das der professionellen Journalisten, beeinflussen können. Tun wir genug? Nicht unbedingt. Ich denke, dass wir noch mehr tun könnten.

Wird die Qualität des Journalismus durch Twitter & Co. auf- oder abgewertet?

Es gibt Vor- und Nachteile. Die Realität ist, dass wir nicht an Twitter & Co. vorbeikommen. Die Gesellschaft nutzt die Sozialen Netzwerke. Wenn der Journalist das ignoriert, geht er ein hohes Risiko ein. Es wäre eine riesengroßer Nachteil, wenn man diese Sozialen Netzwerke einfach ignorieren würde, nach dem Motto: Die da draußen nutzen sie zwar, aber wir Journalisten nicht. Natürlich sollte man vor dem Twittern oder Bloggen nie vergessen, die Fakten zu checken, obwohl dort alles sehr schnell ist. Aber die Journalisten sollten zeigen, dass sie in der Lage sind, Soziale Netzwerke effizient zu nutzen, trotz kursierender Gerüchte und falscher Fakten, die ja auch dort vorkommen.

Wie sieht die Journalistenausbildung von morgen aus?

Es gibt vier Dinge, die der Journalist von morgen beherrschen sollte. Erstens: Der Journalist muss gut recherchieren und genügend Fakten sammeln. Zweitens: Der Journalist muss all diese Fakten gut aufbereiten und zu einer guten Geschichte in einem Medium zusammenfassen. Drittens: Der Journalist muss abwägen und Dinge in einen Kontext bringen - dabei muss er fair bleiben. Viertens: Der Journalist muss die ökonomischen Zusammenhänge verstehen. Egal ob aus staatlicher, öffentlich-rechtlicher oder privater Perspektive. Jeder Journalistik-Student sollte diese Zusammenhänge verstehen lernen.

John V. Pavlik über das Zeitalter des Internets (05:04)
Veröffentlicht: 02.02.2010
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