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Twitter — Im Westen nichts Neues!

Der wohl berühmteste Vogel im Internet.

Rund 5,8 Millionen Visits und 6,5 Millionen Page Impressions: Die IVW-Zahlen von DerWesten im Dezember 2009. Laut Chefin vom Dienst Katrin Scheib trägt zu dieser Reichweite auch der Twitter-Dienst des Online-Portals der WAZ-Mediengruppe bei: "Twitter wird Journalismus nicht revolutionieren — vielleicht aber reformieren!" Bislang hätten viele Medien das journalistische Potenzial des sozialen Netzwerkes noch nicht erkannt.

Dortmund. Seit rund eineinhalb Jahren arbeitet Katrin Scheib als Chefin vom Dienst (CvD) bei DerWesten und in diesem Zeitraum gab es "eine Art Schichtwechsel": Der Twitter-Dienst des Online-Portals wurde vom bloßen Beiwerk zum festen Bestandteil der Arbeit in der Redaktion. "Mittlerweile twittern wir von sechs bis 23 Uhr durchgehend, müssen aber auf unsere Schlagzahl achten, damit es nicht in Spam ausartet", erklärt Katrin Scheib während eines Vortrags am Erich-Brost-Institut in Dortmund. Allerdings seien die rund 14.000 "Follower" (also die User, die den Twitter-Dienst von DerWesten abonniert haben) natürlich eine schöne Art der Bestätigung. Dass Twitter in vielen Medienhäusern "den zweifelhaften Ruf einer Linkschleuder" genießt, kann Katrin Scheib nicht nachvollziehen. Denn Twitter kann ihrer Meinung nach den Journalismus verbessern, wie sie im Interview mit Medien Monitor erklärt.

Im ständigen Dialog mit den Nutzern

Leserbindung ist bei DerWesten wichtig.

Ein großer journalistischer Mehrwert ergebe sich besonders durch die verstärkte Leserbindung, "die wesentlich egoistischer klingt, als sie tatsächlich ist." Durch den Twitter-Dienst begibt sich DerWesten in einen Dialog mit den Nutzern und kann daraus laut Katrin Scheib in vielfacher Weise Nutzen ziehen — allerdings nur, wenn sich der Journalist auch wirklich darauf einlässt. Das bedeutet: Er muss die Nutzer ernst nehmen und vor allem akzeptieren, dass er nicht allwissend ist. Und das wird ein jeder Redakteur erkennen müssen, sobald er sich ins Netz begibt und den kritischen Blicken von tausenden Nutzern ausgesetzt ist.

Katrin Scheib über den Zusammenhang zwischen Leserbindung und Qualität (1:04 Minuten):

Twitter als Informations- und Themenquelle

Die Nutzer liefern der Redaktion Ideen.

Doch das ist nicht der einzige Vorteil von Twitter: Für Katrin Scheib spielen besonders auch "breaking news" eine wichtige Rolle; nirgendwo sonst im Netz verbreiten sich Nachrichten so schnell wie bei Twitter. "Wenn beispielsweise ein User auf der Autobahn feststeckt und uns von dort aus mit dem Handy antwittert, um zu erfahren, was denn los ist, können wir das gegenrecherchieren und das Ergebnis dann auf der Seite veröffentlichen und unsererseits twittern — häufig lange vor der Konkurrenz." DerWesten selbst hat rund 4000 Tweets von Nutzern abonniert, auch wenn die Redakteure diese natürlich nicht ständig überwachen und lesen können. Vielmehr vergleicht Scheib die Vorgehensweise als "ein Reinhorchen in Dialoge der Nutzer, fast wie auf einem Wochenmarkt." Die Vorfälle, die wirklich interessant und wichtig für die Leser sind, bekomme man auf diese Art gut mit. Dadurch bekomme man Themenanregungen durch die Nutzer und könne auch selbst eine Themensondierung betreiben, indem man das Interesse der Nutzer durch kleine Umfragen erforscht. Diese Möglichkeit nennt sich im Fachjargon auch "Crowdsourcing".

Twitter als Recherchetool

Die Twitter-Feder als guter Ideengeber.

Eine besondere Stärke von Twitter ist laut Katrin Scheib zudem die Möglichkeit, innerhalb kürzester Zeit an authentische Augenzeugenberichte zu gelangen. So bekam DerWesten nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs von einem Nutzer, der von seinem Balkon aus das Geschehen beobachten konnte, Bilder und Berichte geliefert. Dank Twitter können Journalisten bei solchen Ereignissen innerhalb kürzester Zeit Fotos, Videos und interessante Links beziehen, "auch wenn es oft das Vorurteil gibt, dass Twitter völlig unseriös sei", wie Katrin Scheib die Erfahrung gemacht hat. Dem sei aber zu entgegnen, dass bei Twitter — wie überall sonst auch — die journalistische Sorgfaltspflicht eingehalten werden muss. Auch bei Twitter kann ein Journalist prüfen, ob eine Quelle seriös ist: Gibt es Berichte anderer User, dass es sich um einen Fake-Account handelt? Handelt es sich um einen etablierten Account oder wurde er erst kurz zuvor eingerichtet? Ist die Berichterstattung in sich stimmig, also zu welchen Themen twittert der Nutzer für gewöhnlich? Kann ich den Nutzer kontaktieren? Stimmt die Ortsangabe oder wurde sie kurz vor dem betreffenden Beitrag verändert? Schon mehr als einmal hat sich dieses Prozedere für das Online-Portal bezahlt gemacht.

Katrin Scheib über die Recherche bei Twitter nach den Terroranschlägen in Bombay im November 2008 (1:23 Minuten):

Zunehmender Zeitdruck?

Der Blick auf die Uhr verstärkt häufig den Arbeitsdruck.

Bei solchen Ereignissen müssen Journalisten in der Lage sein, sofort zu reagieren - und zwar noch schneller als im täglichen Online-Nachrichtengeschäft. "Es geht natürlich immer darum, der Konkurrenz zuvorzukommen", sagt Katrin Scheib. "Wenn du dich also dafür entscheidest, Twitter wirklich in den Arbeitsalltag zu integrieren, dann musst du andere Dinge eben weglassen." Im Zweifel entscheide sich das News-Team "dann eben für ein bei Twitter entdecktes Thema und gegen eine Meldung aus der Reihe 'Chronistenpflicht'." Dennoch ist das Kerngeschäft des Online-Portals nach wie vor das Verfassen von Nachrichten — Twitter ist so etwas wie eine wichtige Baustelle im Alltag.

Der Newsdek in der Online-Redaktion in Essen.

Mit der Umstellung vor eineinhalb Jahren auf eine tägliche "Twitter-Berichterstattung" habe sich auch die Kommunikation etwas verändert: "Die Situation am Newsdesk gleicht einer permanenten Konferenz", so die Chefin vom Dienst. Trotzdem dürfe man nicht vergessen, dass eine Geschichte wie Bombay, wo ein Aspekt des Themas komplett über Twitter recherchiert wird, die Ausnahme bleibe. "Vieles bei Twitter fällt unter 'Grundrauschen' und gelegentlich ist etwas dabei, was als Anstoß zur Recherche taugt", erklärt Katrin Scheib. Dennoch sei es schon so, dass eine Twitter-Meldung durchaus Priorität genießen könne. Wenn also eine Kollegin bei einer wichtigen Gerichtsverhandlung war, dann könne es durchaus passieren, dass sie kurz nach der Verhandlung in der Redaktion anruft, um zwei Sätze für eine Twitter-Meldung zu formulieren, die ein Kollegen dann veröffentlicht und auf eine spätere ausführlichere Berichterstattung hinweist.

Klickzahlen nicht alleine im Vordergrund

Zwar spricht auch die Online-Chefin vom Dienst bei Twitter von einer so genannten "gift economy", wobei es sich bei dem "Geschenk" um alles von einem Link bis hin zu Bildmaterial von Nutzern handeln kann. Umgekehrt sei es aber nicht so, dass die Journalisten bei DerWesten den Twitter-Dienst als reinen "Klickgenerator" betrachten würden. Denn ein so großes und schnelles Feedback auf die Berichterstattung gebe es momentan sonst nirgendwo und die Journalisten sind sich durchaus bewusst, dass sie durch ihre Leser Wissen vermehren und ihren Journalismus verbessern können.

Katrin Scheib über die Bedeutung von Twitter als ökonomischer Faktor (0:41 Minuten):

Die Zukunft von Twitter

Wohin der Trend geht, bleibt ungewiss...

Dennoch könne niemand die Zukunft von Twitter vorhersagen: "Ich habe da persönlich natürlich ein, zwei Meinungen dazu — aber keine, auf die ich mehr als fünf Euro wetten würde", gesteht Katrin Scheib. Es könne also passieren, dass Twitter in einem Jahr schon tot oder zu etwas ganz anderem geworden ist. Dennoch hält sie es für einen großen Fehler, sich nicht damit zu beschäftigen - schließlich könne es ja sein, dass das Neue in irgendeiner Weise auf dem Alten aufbaut. "Außerdem ist es unsere Pflicht, dort zu sein, wo sich unsere Nutzer aufhalten - und für einen nennenswerten Teil unserer Leser und Nutzer spielt Twitter eine wichtige Rolle", so die Twitterin abschließend.

Veröffentlicht: 19.01.2010
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