Turboschönheiten und Bling-Bling-Typen
Eine Punklady auf der Suche: Als Avatarin Sponto begab sich Christian Stöcker, Redakteur bei Spiegel online, in die Welt von Second Life und berichtete in seinem Blog darüber. Nun sind seine Erlebnisse auch in Buchform erhältlich. In 23 Kapiteln erzählt Stöcker über drei Monate, in denen er virtuellen Sex erlebte, einen Hurrikan überstand und sich in der digitalen Diktatur nach Demokratie umschaute.

- Führte ein Doppelleben: Netzwelt-Redakteur Christian Stöcker.
Ein Dutzend Bücher über Second Life sind in den vergangenen Monaten bereits erschienen. Manche davon zimmerten Technikverlage schon während des Medienhypes im Frühjahr schnell als Einsteiger-Buch zusammen, so etwa "Second Life: Sofort dabei sein!" von Markt + Technik (März 2007) und "Mehr Spaß im Second Life" von Data Becker (März 2007). Christian Stöcker, für das Ressort "Netzwelt" bei Spiegel online verantwortlich, hat sich etwas mehr Zeit genommen, schaffte sich eine Avatarin namens Sponto und begab sich fortan fürs Weblog auf Entdeckungstour. Unter dem Titel "Second Life: Eine Gebrauchsanweisung für die digitale Wunderwelt" hat er einige Episoden als Buch aufbereitet und sie mit Anwendungstipps versehen. Doch von Oberflächlichkeit kann auch er sich weitestgehend nicht frei machen.
Gleich im ersten Kapitel spielt Sex die Hauptrolle
Die Macher des Taschenbuchs haben sich auf eine günstige Produktion geeinigt, mit einem trockenen Layout und Schwarz-Weiß-Fotos, die das Charisma des SL-Designs nicht wiedergeben können. Die Snapshots verlieren dabei viel von ihrer Intensität und Aussagekraft. Um die Farbfaszination dennoch zu erleben, muss man auf die Bildergalerien des Online-Tagebuches zurückgreifen.
Leider beginnt Stöcker im ersten Kapitel "Sponto stolpert in die Welt" damit, dass er gleich im Sexshop landet ("... hockt Sponto plötzlich breitbeinig auf dem Boden und fummelt ..."). Das trägt der einseitig verzerrten Berichterstattung von SL zunächst einmal Rechnung. Natürlich, ich kann auch im Internet "Hupen" in eine Suchmaschine eingeben und schon habe ich Brüste auf dem Schirm, es empfiehlt sich auch, das Thema Sex im Buch zu behandeln, aber das Internet wie auch SL sind mehr als nur das. Es kommt auf den Fokus und den Weg durch die Matrix an: Stöcker schreibt, dass weniger Pornographie dem Ruf von SL guttun würde, lässt den Sex-Faktor in seinen Episoden aber selbst immer wieder anklingen. Und das nervt.
Wenn Second Life zum verklebten Daumenkino wird
Seine Erlebnisse schildert der Autor bildhaft, verständlich und lebendig. Zu oft ist er aber allein unterwegs, von Konversation mit anderen Avataren werden lediglich Fetzen wiedergegeben. Stattdessen spart er nicht mit gelungenen satirischen Zügen: "SL ist ein bisschen wie Windows: Es gibt Menüs, man kann Objekte kopieren, einfügen, editieren. Gelegentlich hängt das System - und wenn gar nichts mehr geht, macht man eben einen Neustart." - "Weil man sich in SL, sobald man nicht langsam spaziert, sondern fliegt, aus den Augen verlieren kann, kann man sich mit zwei Klicks jederzeit wieder zusammenfinden, per ‚Teleport-Einladung’. Das ist eine Funktion, die ich zum Beispiel für Familienausflüge in Fußgängerzonen oder fürs Skifahren auch im realen Leben gern hätte." - "An belebten Orten bremst SL manchmal ab auf das Tempo eines verklebten Daumenkinos."
Gebetsanimationen und virtuelle Tsunamis
Stöcker spricht von Turboschönheiten und tätowierten Bling-Bling-Typen und lässt sich schließlich überreden, dem SL-Konsumterror zu frönen und sich schön zu kaufen - allerdings mit Unbehagen: "Ich fühlte mich wie ein Mädchen vom Dorf, das von einer Discoqueen zum Shoppen an die Hand genommen wird. Wie Julia Roberts in ‚Pretty Woman’." Er blickt auf die boomende Branche der "Wedding Planners", die gleich ganze Hochzeitsinseln samt Märchenschloss und Kürbiskutsche zur Verfügung stellt und macht Lust, interessant beschriebene Orte in SL selbst zu besuchen, etwa den Nachbau einer Moschee im spanischen Cordoba inklusiv Muezzin. Jedoch findet er es dabei völlig dämlich, wenn man sich in einer virtuellen Kirche per Animationsball gemeinsam zum Gebet hinkniet, um dann ein Erinnerungsfoto zu machen.
Auch ein paar andere Dinge betrachtet er von ernster Seite, so die "Better world island" der Hilfsorganisation CARE mit einer Ausstellung über Völkermord und die Insel der US-Wetterbehörde mit wissenschaftlich begleiteten Hurrikan-, Erderwärmungs- und Tsunami-Simulationen.
Interessant und einer von zwei Exkursen, die nicht Teil des Weblogs sind, ist der Versuch, die SL-Bewohner in zwölf Grundtypen aufzuteilen: vom Häuslebauer ("erfüllt sich offline-Träume mit simuliertem Wohlstand im zweiten Leben") über den Netzwerker ("das soziale Gerüst von SL") bis zum Unternehmer ("wobei viel Geld zu verdienen den gleichen Aufwand, die gleiche Risikobereitschaft und die gleiche Geduld erfordert wie überall sonst").
"Dikatur mit gottgleich mächtigen Herrschern"
Immer wieder liefert Stöcker auch Gründe, warum SL kein Spiel ist: SL sei "eine Diktatur mit gottgleich mächtigen Herrschern" - der Firma Linden Lab. Der Versuch einer deutschen Community, ein demokratisches Dorf names Neufreistadt aufzubauen, missglückte zunächst. Zudem könne der Avatar eigentlich alles - "wenn man sich von Animationsbällchen fremdsteuern lässt." Und wer in SL eine Mission sucht, "muss sich selbst eine schaffen. Das Ziel besteht darin, sich ein Ziel zu suchen und es zu verfolgen. Deshalb stellt SL an den Nutzer viel höhere Ansprüche als ein herkömmliches Onlinespiel."
Nützlich sind die über das Buch verteilten, passend zum Kapitelinhalt erstellten Infokästen - eine Art Bedienungsanleitung für grundlegende Funktionen: Wie man Ordnung ins Inventar bringt - was unumgänglich ist, da sich schon in kurzer Zeit hunderte Objekte darin ansammeln, weil es soviel umsonst gibt. Wie man nicht nur das eigene Aussehen verändert, sondern auch dauerhaft speichert, bevor das Grid (das Netzwerk) wieder crashed (abstürzt). Wie man lernt, Objekte zu bauen, um sich später vielleicht darin zu versuchen, "aus einem schlichten Holzkubus einen von Seepferdchen gezogenen Streitwagen zu formen".
Eine tiefe Gebrauchsanweisung für den Umgang mit SL sind Stöckers Schilderungen aber nicht. Dafür sind die Tipps zu fundamental. Diesen Anspruch befriedigen bereits andere Publikationen intensiver, allen voran das offizielle Handbuch.
Insgesamt betrachtet bleibt Stöcker aber auch in seinen Episoden zu oberflächlich. Sponto bleibt Tourist, ein wirkliches Einleben wird nicht spürbar, was auch Stöcker in einem offiziellen Chat bei Spiegel online anmerkte: "Von Suchtpotential würde ich bis jetzt nicht reden - dazu sehe ich SL immer noch zu sehr durch die professionelle Brille." Dadurch werden Möglichkeiten verschenkt. Das wird deutlich, schaut man sich als Alternative die privaten Blogs zahlreicher User an: Sie gehen weniger reflexiv vor als ein Journalist es tut und haben dadurch oft eine Tiefe, die sonst nur ganz enge Freunde beim Seelenstriptease erfahren.
Christian Stöcker: Second Life. Eine Gebrauchsanweisung für die digitale Wunderwelt. Goldmann, Juli 2007. 208 Seiten, 7,95 Euro.
Text: Martin Gehr; Fotos: Spiegel online








