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Town Hall Meetings erobern die TV-Berichterstattung

Nicht nur bei RTL sind Town Hall Meetings hoch im Kurs.

Berlin. Ein neues Wort ist dem Bundestagswahlkampf entsprungen: Town Hall Meeting. Hinter dem Begriff verbirgt sich die amerikanische Wahlkampf-Tradition, Politiker in Live-Sendungen mit Bürgern und deren Fragen und Sorgen zu konfrontieren. Nach den Kanzler-Duellen, die die deutsche Medienwelt schon vor einigen Jahren begierig aus den USA übernommen hat, findet dieses Format bei den TV-Sendern im Wahlkampf 2009 besonderen Anklang. Nicht nur die ARD, auch RTL und Sat.1 zeigen groß beworbene Fragestunden.

"Bürger fragen..." - in allen Variationen

Neu ist die Idee aber nicht. Zu Schröders Wahlkampfzeiten 2005 nannte man diese TV-Formate allerdings noch unbeholfen "Bürger fragen, Politiker antworten", heute im multimedialen Wahlkampf 2.0 muss es weltläufig klingen.

RTL hat drei Sendeplätze für Town Hall Meetings vor der Bundestagwahl reserviert. Bereits im Mai kam Angela Merkel zu Wort, jetzt im August stellte sich der Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier Bürgerfragen und auch die Oppositionspolitiker dürfen, dann allerdings gemeinsam in einer Sendung, Bürgern ihre Fragen beantworten. Auch die ARD veranstaltet ein Town Hall Meeting. Für das offiziell "Wahlarena" genannte Format sind zwei Termine eingeplant, zunächst soll Angela Merkel (7. September) Rede und Antwort stehen, dann Frank-Walter Steinmeier (8. September). Sat.1 kombiniert das Kreuzverhör der Moderatoren mit Fragen von Zuschauern im Studio und zu Hause. Ähnlich dem ARD-Titel heißt die Sendung, die am 23. August zu sehen ist, "Sat.1-Arena".

Wer ins Kanzleramt einziehen will, muss in diesem Wahlkampf einige TV-Fragestunden über sich ergehen lassen.

Direktere Diskussion als im Web

Warum aber erfreuen sich Town Hall Meetings in diesem Wahlkampf so großer Beliebtheit? Die Antwort mag simpel erscheinen. Kaum ein anderes Format transportiert den Web 2.0-Gedanken so gut ins Fernsehen wie die direkte Konfrontation von Bürgern mit Politikern. Die aus dem Internet geschätzte Interaktion von Inhalte-Lieferant und Konsument findet sich hier wieder und ist sogar noch auf die Spitze getrieben: Denn beide Parteien stehen sich direkt gegenüber. Ohne zeitliche Verzögerung und ohne Vermittlung durch Text- oder Video-Botschaften findet die Interaktion statt. Letztlich ist diese Face-to-Face-Diskussion die Mutter des Web 2.0, das direkten Austausch anstrebt und gleichzeitig zum Vorbild hat.

Stichwort: Town Hall Meeting
In den USA versteht man darunter eine Begegnung von Politikern und Bürgern, bei der letztere die Gelegenheit haben, Fragen zu stellen, und die Politiker ihre Standpunkte erläutern. Das davon abgeleitete TV-Format zeichnet sich durch eine lockere Atmosphäre aus. Barack Obama nutzte die Town Hall Meetings, um durch offensive Mimik und Gestik für sich zu werben. Er zeigte sich volksnah, suchte die Nähe des Publikums.

Anders als im Netz ist aber der Zugang zum Dialog im Fernsehen kontrolliert. Nur ausgewählte Bürger kommen in den Genuss, ins Studio eingeladen zu werden und ihre Frage stellen zu dürfen. Die ARD erklärte, die rund 150 Zuschauer repräsentativ auszuwählen. Bei Sat.1 dürfen sich zwar auch Zuschauer per Telefon an der Diskussion beteiligen, doch ist anzunehmen, dass nicht jeder - womöglich emotional aufgewühlte - Zuschauer ins Studio durchgestellt wird. Dabei ist gerade das ein wesentlicher Reiz der Web-2.0-Sitte der Nutzereinbindung: Emotionen können ungefiltert mit der Öffentlichkeit geteilt werden, Zensur findet kaum statt. Endlich scheint die persönliche Meinung, das eigene Schicksal auch andere zu interessieren. Schließlich gäbe es sonst keine Beteiligungsfunktion.

Town Hall Meetings floppen

Steinmeier beim RTL-Talk.

Und wo kommentiert und mitdiskutiert werden kann, da wächst auch das Interesse, sich überhaupt mit einem Thema zu beschäftigen. Persönliche Betroffenheit und Beteiligung als Mittel gegen die das Land verseuchende Politikverdrossenheit. Das scheint zumindest die Theorie der TV-Sender. Doch bisher hat das Konzept der Zuschauerbeteiligung nicht funktioniert: Beide RTL-Town Hall Meetings floppten. Während Angela Merkel immerhin noch 1,55 Millionen Zuschauer sehen wollten, versammelten sich für Frank-Walter Steinmeier nur 810.000 Menschen vor dem Fernseher.

Die nächsten Town Hall Meetings

  • ARD: Angela Merkel kommt am 7. September in die Wahlarena. Frank-Walter Steinmeier ist einen Tag später, am 8. September, zu Gast.
  • Sat.1: Fünf Sendungen der Sat.1-Arena sind geplant. Los geht es am 23. August.
  • RTL: Die Oppositionspolitiker Guido Westerwelle (FDP), Renate Künast (Grüne) und Gregor Gysi (Die Linke) stellen sich am 20. September einem Studio-Publikum.

Weniger Talk, mehr Erkenntnis

Der Dialog auf gleicher Ebene scheint im Netz besser zu funktionieren als im Fernsehstudio. Kein Wunder: Dort ist die Diskussion meist ehrlicher als es die letztlich doch inszenierte TV-Debatte je könnte. In Maßen sind TV-Fragerunden im Wahlkampf sicher eine gute Orientierungshilfe für den Bürger. Wenn aber die gleichen Gäste nicht einmal, sondern gleich mehrfach bei jedem großen Sender zur Befragung geladen werden, verliert der Zuschauer zu Recht das Interesse. Denn der Erkenntnisgewinn wächst nicht mit der steigenden Zahl der Town Hall Meetings. Vielleicht erkennen das auch die Programm-Macher. Dann würde das neu gelernte Wort Town Hall Meeting so schnell wieder verschwinden wie es gekommen ist und im nächsten Wahlkampf reden wir dann wohl besser von Bürgerforum. Das klingt bescheidener, bodenständiger - die Erwartungen sind nicht amerikanisch hoch und die Fallhöhe beim Quotendesaster fällt nicht allzu gravierend aus. Wenn wir nur eines dieser pseudo-realen Bürger-Kreuzverhöre vorgesetzt bekommen, könnte dieses Talkformat sogar seinen Zweck erfüllen.

Text: Paulina Henkel

Fotos: Christoph Assmann/RTL, Stephan Pick/RTL, Sabine Geiler/pixelio

Veröffentlicht: 21.08.2009
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