Interview mit HR-Ausbildungschef
"Technikaffinität wird immer wichtiger"
Viele Volo-Bewerber sind erschreckend schlecht informiert, sagt der Ausbildungschef des Hessischen Rundfunks, Heiko Konrad. Vor allem an vertieftem Wissen und der Fähigkeit, Nachrichten einzuordnen, mangele es oft. Über künftige Qualifikationsanforderungen an Journalisten und die Bedeutung crossmedialer Ausbildung sprach Medien Monitor mit Konrad am Rande der Tagung "Qualität und Qualifikation - Was braucht der Journalismus?" im Evangelischen Medienhaus in Frankfurt.

- HR-Ausbildungschef Heiko Konrad: "Neugierig, meinungsfreudig, mutig und unabhängig sein."
Was sind die wichtigsten Eigenschaften, die junge Menschen mitbringen sollten, um als Journalisten erfolgreich zu werden?
Sie sollten neugierig sein und Interesse daran haben, etwas herauszubekommen. Sie sollten sich anderen mitteilen wollen und das auch können. Sie müssen also eine gute sprachliche Ausdrucksfähigkeit besitzen. Sie sollten meinungsfreudig, mutig und unabhängig sein. Sie brauchen ein gutes Fachwissen in dem Themenbereich, in dem sie arbeiten, und Reflexionsvermögen. Nur auf dieser Basis können sie sich ein gutes Urteil bilden. Und nicht zuletzt: Sie müssen unternehmerisch denken, sich also verkaufen können. Vieles von alledem klingt selbstverständlich, ist es aber nicht.
Welche Voraussetzungen müssen sie erfüllen, die vor zehn Jahren noch nicht so wichtig waren?
Immer wichtiger wird die Produktionsaffinität. Wenn Leute mit Technik überhaupt nichts anfangen können, dann ist das einfach schlecht. Deshalb fragen wir in Bewerbungsgesprächen mittlerweile auch nach, ob und wie die Leute im Internet unterwegs sind.
Warum ist Ihnen das so wichtig?
Das Internet ist der Verbreitungsweg der Zukunft. Wir wollen uns Leute ins Haus holen, die Offenheit für dieses Medium und Innovationsfreude mitbringen. Was im Netz abläuft, können diejenigen am Besten beurteilen, die dort viel unterwegs sind - und zwar nicht nur auf Spiegel Online. Wenn jemand sagt, er liest nur den Spiegel und Die Zeit, weil er sich nur für Hintergründe interessiert, dann passt das nicht zu dem Profil, das wir uns wünschen.
Unterscheiden sich Ihre heutigen Volo-Bewerber, die stärker mit dem Internet groß geworden sind, von früheren Anwärtern? Sind sie zum Beispiel besser oder schlechter informiert?
Nein, da spüre ich keinen Unterschied. Viele sind leider nach wie vor erschreckend schlecht informiert. Oberflächliches Faktenwissen zu vier, fünf aktuellen Themen ist oft noch vorhanden. Aber wenn es dann um ein vertieftes Wissen oder eine Einordnung geht, kommt die Mehrheit der Bewerber damit nicht zurecht. Das war aber schon immer so.
Sind die Bewerber heute technikaffiner als früher?
Wir haben das immer gedacht. In den Kamera-Kursen für unsere Hörfunk-Volontäre haben wir aber zum Beispiel gemerkt, wie groß die Berührungsängste bei manchen sind. Man kann also nicht voraussetzen, dass die Leute im Schnitt technikaffiner sind, nur weil sie mit dem Internet groß geworden sind. Deswegen ist dieser Punkt jetzt immer gezielt Thema in den Bewerbungsgesprächen.
Welcher ist aus ihrer Sicht der beste Weg in den Journalismus? Erst Studium und dann die journalistische Ausbildung? Und was für eine journalistische Ausbildung: Klassisches Volontariat, Journalistenschule oder Journalistik-Studiengang?
Ich empfehle ein Fachstudium. Das Fach ist im Prinzip egal. Hauptsache, man ist einmal tief in Themen eingestiegen und hat ein Gefühl dafür gewonnen, welche Wissensniveaus es gibt. Wir schätzen aber zum Beispiel auch Bewerber, die eine kaufmännische Ausbildung gemacht und schon ein paar Jahre gearbeitet haben. Auch Leute, die ein produktionsorientiertes Studium wie Medientechnik absolviert haben, sind für uns zunehmend interessant. Ich persönlich würde ein klassisches Volontariat einer Journalistenschule vorziehen, da zum Beispiel die Volontäre bei öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sofort in der redaktionellen Praxis arbeiten, während Journalistenschüler diese Erfahrungen mitunter nur in Praktika sammeln können.
Muss eine Journalistenausbildung heute tri- oder quattromedial sein?
Absolut. Die Zukunft ist crossmedial. Durch die Digitalisierung ändern sich die Produktionsmechanismen. Die feine Trennung zwischen "Ich denke mir was aus und andere setzen es technisch um" weicht immer mehr auf. Auf dem Markt wird sich derjenige besonders gut behaupten können, der ein Thema zum Beispiel nicht nur für den Hörfunk, sondern auch fürs Fernsehen und für Online aufbereiten kann.
Dann reicht es aber auch nicht, wenn man eigentlich Hörfunk-Mensch ist und auch ein bisschen Fernsehen kann, weil man da mal ein Seminar gemacht hat…
Nein, das Wissen muss so fundiert sein, dass es im beruflichen Alltag praktisch anwendbar ist. Natürlich ist das erst einmal eine hohe Anforderung, aber der Markt wird diese in Zukunft noch stärker stellen als bereits jetzt. Junge Journalisten sollten das als Chance sehen und sich nicht zu eng aufstellen. Statt des dritten Hörfunkpraktikums rate ich, lieber auch einmal eine Online-Hospitanz zu machen.
Dr. Heiko Konrad, Jahrgang 1960, ist Diplom Sozialwirt. Nach seinem Studium in Göttingen war er zunächst Trainee im Personalbereich von Eduscho. Seit 20 Jahren ist er beim Hessischen Rundfunk für Personalmanagement und Personalentwicklung zuständig. Berufsbegleitend promovierte er im Fach Soziologie an der Universität Freiburg zum Thema "Geistes- und Sozialwissenschaftler in Wirtschaftsunternehmen". Als Leiter des Bereichs Aus- und Weiterbildung ist Konrad unter anderem für die Auswahl der acht Bewerber zuständig, die pro Jahr ein Volontariat beim HR beginnen. In seiner Freizeit hört er gerne Deutschlandradio, HR Info und HR2 und schätzt es, abends in Ruhe eine Stunde in der Süddeutschen Zeitung zu lesen.
Aber leidet nicht die Qualität der Produkte, wenn alle irgendwann alles machen? Nicht jeder, der gute Radio-Reportagen produziert, ist auch ein exzellenter Kameramann.
Den Vorwurf sinkender Qualität kann man immer als Totschlagargument nutzen. Es gibt keine absolute Qualität. Man muss immer klären, was man unter Qualität versteht. Die entscheidende Frage ist doch: Welche Qualität wird benötigt? Im journalistischen Alltag sind nicht immer nur Hochglanz und 150 Prozent gefragt. Manchmal zählt einfach, dass überhaupt Bilder bis zur Sendung da sind. Wichtig ist, zielgruppenorientiert zu denken. Wenn zum Beispiel auf youfm.de bei einer Strandgeschichte aus Mallorca ein Video steht, das ein wenig verwackelt ist, ist das nicht dramatisch und kann sogar authentisch wirken. Wenn ein Hörfunkjournalist von einem Termin künftig auch ein paar Bilder für einen 30-Sekünder mitbringt, ist das ökonomisch äußerst sinnvoll.
Werden Journalisten in der Tat künftig von einem Termin Text, Töne, Bilder und Bewegtbild mitbringen?
Ob es so weit wirklich kommt, kann man nicht genau sagen. Aber ich halte es auf jeden Fall für sinnvoll, sich die Kompetenzen während der Ausbildungszeit anzueignen. Denn wenn man erstmal zehn Jahre lang Hörfunkjournalist war, wird es immer schwieriger, sich noch einmal für Neues zu öffnen. Und wer viel kann, verschafft sich einen Wettbewerbsvorteil. Wir haben zum Beispiel beim HR Leute, die zwei Wochen pro Monat für das Fernsehen und zwei für das Radio arbeiten. Es geht also auch darum, unternehmerisch zu denken.
Wenn Sie heute 19 wären und Journalist werden wollten: Welchen Ausbildungsweg würden Sie gehen?
Ich würde Wirtschaftswissenschaften studieren und auf eine Art Studium Generale setzen. Als Gegenpol zu Wirtschaft würde ich Philosophie wählen und auch noch etwas Jura machen, da dadurch bestimmte gesellschaftliche Prozesse klarer werden. Ich persönlich würde aufgrund meiner Neigungen ein Zeitungsvolontariat machen. Ansonsten würde ich mich für ein Volontariat bei einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt entscheiden, weil man dort eine fundierte trimediale Ausbildung erhält, die nach wie vor einen sehr guten Ruf hat.
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Bilder: Johan Helmer Hein, Barbara Wege, Pixelio (Michael Lairschka, Pau-Georg Meister, Rene Golembewski, foto-fine-art.de, berwis)







