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TVN: Polens private Programmgestalter

Bis 1992 gab es in Polen nur staatlichen Rundfunk. Noch heute haben 40 Prozent der Bevölkerung keinen Zugang zu Kabel- oder Satellitenfernsehen. Doch unter einer medienbegeisterten jungen Generation und neuen Technologien wie DVB-T wächst der TV-Markt östlich der Oder rapide. TVN, Polens zweitgrößter privater Fernsehproduzent, gewährte uns einen Blick durch seine Hochsicherheitspforten in die mediale Zukunft des Nachbarlands.

Das Sendegebäude von TVN

Wachsam hockt der alte König August auf seinem Steinsockel vor dem TVN-Gebäude, den Blick betonstarr in die Ferne gerichtet. So als müsse er den hinter ihm in den Himmel gewuchteten Haufen aus Glas und Stahl bis in den Tod verteidigen. Weil der ihn aber schon vor Jahrhunderten geholt hat, bewacht nun ein privater Security Service den Eingang.

Niemand kommt undurchsucht zu TVN.

Wer ins Innere der Fernsehstation will, muss zuerst vorbei an der Sicherheitsschleuse, wo uniformierte Männer hinter dickem Panzerglas die Besucher gelangweilt mustern. Doch gleich hinter der Schleuse erwartet den TVN-Touristen ein Medienmärchen des 21. Jahrhunderts: Ein großer und beeindruckend luftig wirkender Lichthof eröffnet sich. Gleich am Eingang steht eine zwei Meter hohe Kunststoffsäule mit eingelassenen Plasmabildschirmen. Auf ihnen kann man gleich vor Ort anschauen, was hier auf sechs Etagen produziert wird und wenige Sekunden später per Satellit in halb Europa zu sehen ist.

Ein hart umkämpfter, neuer Markt

Adam Pieczynski

Die Geschichte von TVN beginnt im Oktober 1997, fünf Jahre nachdem es Polens neue duale Rundfunkordnung kommerziellen Unternehmern erlaubte, in den Markt einzusteigen. Zuvor war Rundfunk in Polen eine reine Staatsangelegenheit. "Leider hat unser Sender erst in der zweiten Runde eine Lizenz bekommen. Deswegen hat unser großer Konkurrent Polsat einen enormen Vorsprung. Der sendet nämlich schon seit 1994", sagt Adam Pieczynski. Er ist Programmdirektor bei TVN 24, dem 2001 gestarteten Nachrichtenkanal der Sendergruppe. Früher war er Spanienkorrespondent beim polnischen Staatsfernsehen TVP. Jetzt versucht er, das beste Nachrichtenprogramm Polens zu gestalten.

Um in den Markt zu kommen, investierten der TVN-Eigentümer ITI und ein amerikanisches Partnerunternehmen über 85 Millionen US-Dollar. Zum einen, um bekannte polnische Stars vom Staatsfernsehen abzuwerben. Zum anderen, um 450 Angestellte einzustellen, modernste Sendetechnik anzuschaffen und eine gigantische Werbekampagne loszutreten. Noch haben die beiden Erzkonkurrenten TVP und Polsat oft die besseren Quoten. Aber immerhin ist TVN laut Pieczynski mit seinem Programm bei der werberelevanten Zuschauergruppe der 16- bis 49-Jährigen momentan an der Spitze.

2007 lag der Marktanteil aller TVN-Programme bei 21 Prozent. Mittlerweile gibt es insgesamt 14 Einzelkanäle. Da ist das klassische Vollprogramm mit Spielfilmen, selbst produzierten Fernsehserien und Shows wie "Millionerzy" ("Wer wird Millionär?") oder "Big Brother". Daneben gibt es Spartenkanäle, etwa einen Ärtzekanal oder einen Fremdsprachenkanal. Nachdem das staatliche Regionalprogramm TVP3 seinen Betrieb 2007 eingestellt hatte, startete TVN im Dezember 2008 probeweise TVN-Warszawa. Bei Erfolg könnte es im Hause TVN bald noch mehr Regionales geben.

Nachrichten für die junge Generation

Auch journalistisch setzt man sich bei TVN hohe Ziele. Stolz ist man vor allem auf investigative Berichterstattung und Reportagen über Korruption und Affären in der Sendung "Uwaga!" ("Achtung!"), für die der Sender auch schon mehrere Preise gewonnen hat. Während wir diesen Beitrag schreiben, finden sich auf der Internetseite der Sendung allerdings nur Ankündigungen für Reportagen über einen Axtmörder und die Lebensgeschichte eines neureichen Weinherstellers.

Hinter den Kulissen von "Fakten"

Die Tagesration an harten News holt man sich bei TVN ohnehin in der 25-minütigen Nachrichtensendung "Fakten". Von Anfang an gehörte es zur Senderstrategie, mit dieser Sendung die Nachrichten des öffentlich-rechtlichen Programms unter Druck zu setzen. Derzeit kommt "Fakten", moderiert von Piotr Marciniak und Grzegorz Kajdanowicz, um 19 Uhr regelmäßig auf drei Prozent Marktanteil. Mit Jahrgang 1967 beziehungsweise 1972 gehören die beiden Moderatoren bei TVN allerdings schon zu den alten Hasen.

TVN setzt Zeichen mit modernem Design.

"Die Mehrzahl unserer Mitarbeiter ist unter 30", sagt Adam Pieczynski, "auch bei TVN 24". Wie ein Wellenbrecher thront die Redaktion des Nachrichtenkanals zwischen zwei Lichthöfen in der Mitte des beeindruckenden Glaskomplexes. An über siebzig vernetzten Rechnern durchforsten junge Journalistinnen und Journalisten gleichzeitig die Agenturen nach frischen Nachrichten und schneiden ihre Videobeiträge. "Unsere jungen Leute sind äußerst motiviert", meint Pieczynski und fügt hinzu: "Früher wollte keiner unserer Reporter sein Material selbst schneiden. Aber unsere jungen Mitarbeiter haben jede Menge Spaß daran, dass sie nicht mehr nur Einfluss auf den Text, sondern auch auf die Bilder haben." Wie viel Geld bei TVN durch diese Maßnahme gegenüber der herkömmlichen Arbeit mit Cuttern gespart wurde, verrät Pieczynski nicht. Laut Angaben des Wirtschaftsdienstes "Germany Trade & Invest" ist TVN 24 mit seiner Programm- und Unternehmensstrategie aber zum führenden Spartensender Polens aufgestiegen.

Der Segen der digitalen Zukunft

Doch noch stehen dem Bedarf nach immer neuen Spartensendern die technischen Möglichkeiten auf dem polnischen Fernsehmarkt im Weg. "Durch den Einfluss unseres nationalen Fernsehrates KRRiT, der hauptsächlich politisch motivierte und dabei nicht unbedingt marktwirtschaftliche Entscheidungen trifft, konnten wir erst zwei Jahre später als geplant mit der Umstellung auf terrestrisch-digitales Fernsehen (DVB-T) beginnen", so Adam Pieczynski. Ein Problem, denn in Polen haben noch immer 40 Prozent der Bürger keinen Zugang zu Kabel- oder Satellitenfernsehen und somit keine Möglichkeit, Fernsehsignale zu empfangen. Doch das will TVN mit Unterstützung der Regierung und in Zusammenarbeit mit Polsat schon bald ändern. Laut polnischen Medien und Pieczynskis eigenen Aussagen wollen die beiden Sender nach Möglichkeit noch in diesem Jahr die ersten digitalen Signale in den Äther schicken. Die nötigen Empfangsgeräte wollen die Sender den ärmeren Fernsehzuschauern angeblich sogar schenken. Im Gegenzug sollen Polens Medienregulierer bis 2012 keinem weiteren Konkurrenten eine analoge Fernsehfrequenz zuteilen.

Text: Matthias Steinbrecher, Evgenij Haperskij
Bilder: Christoph Schmidt, Christina Müller

Veröffentlicht: 15.08.2009
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