Interview
Super Karma und super Karriere
Gutes tun - und nicht mehr nur darüber schreiben: Dennis Buchmann über sein Leben nach dem "Humanglobalen Zufall", mit dem er den ersten "Scoop"-Ideenwettbewerb der Axel Springer Akademie gewann und 2008 zum gefeierten Nachwuchsjournalisten wurde.

- Mit seinem "Humanglobalen Zufall" wurde Dennis Buchmann 2008 bekannt.
Dortmund/Berlin. Mit seinem "Humanglobalen Zufall" wurde Dennis Buchmann 2008 zum gefeierten Nachwuchsjournalisten. Mit seiner Idee, jeweils sechs Reportagen aus unterschiedlichen Ländern, die auf irgendeine Art miteinander verbunden sind, in einem Heft zusammenzufassen, gewann er 2007 den erstmals ausgeschriebenen Kreativwettbewerb "Scoop" der Axel Springer Akademie.
Das Projekt war buchstäblich ein Knüller. "Vom Praktikanten zum Chefredakteur" schrieb nicht nur der "Focus", auch das "Medium Magazin" berichtete und beim Jahrestag des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) 2008 saß der Wahl-Berliner als Vertreter der "Jungen Wilden" auf dem Podium. Kreativität schien trotz der beginnenden Medienkrise wieder zu zählen. Doch wie kreativ kann man sein, wenn die Wirtschaft nicht mitspielt? Und führt ein großer Scoop automatisch in den Medien-Olymp?
In den kommenden Wochen wird der neue, diesjährige "Scoop"-Gewinner bekannt gegeben. Buchmann hat sich derweil vom Journalismus abgewendet - und widmet sich sozialen Projekten. Warum er das tut und was er von Schulterklopfern hält, erzählt der 32-Jährige im Interview mit Medien Monitor.
Medien Monitor: 2008 war der Name Dennis Buchmann in der Medienbranche ein Begriff. Heute, gut ein Jahr und drei Monate später, liest und hört man nicht mehr viel von Ihnen. Was machen Sie eigentlich jetzt?
betterplace.org ist eine Plattform für soziale Projekte, die von einer gemeinnützigen Stiftung getragen wird. Salem International ist eine gemeinnützige Organisation, die weltweit in den Bereichen Soziales, Entwicklung, Bildung, Gesundheit, Umwelt- und Tierschutz tätig ist.
Dennis Buchmann: Nun ja, "ein Begriff" ist übertrieben. Meine "Humanglobale-Zufall"-Zeit war schon fein, aber man sollte den "Scoop" nicht überbewerten. Dass man nicht mehr viel von mir liest, liegt daran, dass ich nicht mehr viel schreibe. Zumindest nicht in Zeitungen. Denn ich arbeite mittlerweile als Redakteur im sozialen Sektor, etwa für die Spendenplattform betterplace.org oder die Organisation Salem International - super Karma!
Wie stehen Sie denn der Haltung gegenüber, dass Journalisten sich nicht mit einer Sache gemein machen sollten, auch nicht mit einer guten?
Der typische Journalist bin ich wohl nicht mehr. Denn ich mache mich mit der guten Sache gemein und das ist ein super Gefühl. Würde ich dem Leser über eine vermeintlich gute Sache wie eine NGO berichten, würde ich das natürlich kritisch tun, denn der Leser hat Anspruch auf objektive Berichterstattung mit allen Pros und Contras. Direkt für eine gute Sache wie betterplace.org zu arbeiten, ist etwas anderes, das tue ich ja nicht als unabhängiger Journalist.
Und wie kam es zu diesem "Sinneswandel"?
Ich würde es eher Neuausrichtung nennen. Meine Kompetenzen als Redakteur nutze ich nach wie vor, nur eben für eine gute Sache. Als Journalist konnte ich zwar über Missstände schreiben, und es bleibt wichtig, dass uns jemand über das Weltgeschehen unterrichtet. Doch nur drüber zu schreiben hat mir nicht gereicht. Nun kann ich mich direkter einsetzen, ich habe das Gefühl, jetzt ein wenig mehr zu bewegen.
Also lieber "super Karma" statt "super Karriere"?
Super Karma und super Karriere. Es kommt ja darauf an, wie man Karriere definiert. Wenn es mir nur um die Variable Geld ginge, dann hätte ich statt Biologie besser gleich BWL studiert. Nimmt man die Variable Schulterklopfer noch mit rein, dann hatte ich mit "Humanglobaler Zufall" wohl bislang meine beste Zeit. Aber mein Ziel ist es nicht, möglichst viele Schulterklopfer einzuheimsen.

- Mit ungewöhnlichen Covern zog der "HGZ" die Blicke auf sich. Das Motiv des Thermocovers (4/2008) wurde erst durch Wärme sichtbar.
Hat der "Scoop"-Gewinn Ihnen denn trotzdem Türen geöffnet oder Sie eher unter Erfolgsdruck gesetzt?
Der "Humanglobale Zufall" ist schon ein Schwergewicht in meinem Lebenslauf. Ich wurde danach zwar nicht von Headhuntern überrannt, das habe ich auch nicht erwartet. Aber als Referenz funktioniert der HGZ wunderbar. Unter Erfolgsdruck hat mich niemand gesetzt.
Dann war der "Scoop" für Sie im Nachhinein ein Segen und kein Fluch?
Definitiv ein Segen! Wer würde so ein tolles Jahr als Fluch bezeichnen? Jemand, der erwartet, dass er nach dem "Scoop" direkt zum Chefredakteur von irgendeinem großen Periodikum wird? Wie gesagt, der "Scoop" ist auch nur der "Scoop".
Hätten Sie das Projekt gerne in Eigenregie weitergeführt?
Natürlich. Aber auch ein Eigenregisseur ist auf einen Verlag angewiesen. Und da ausgerechnet zum Ende von "Humanglobaler Zufall" die Finanz- und damit Medienkrise die Verlage ächzen ließ, konnte ich keinen finden.
Was halten Sie generell von solchen Ideenwettbewerben? Macht sich ein solcher Gewinn einfach gut im Lebenslauf oder kann er doch die große Karriere bedeuten?
Den "Scoop" finde ich besonders gut, weil man seine Idee auf einer DIN-A4-Seite unterbringen muss und nur die Idee zählt. Es geht tatsächlich nicht um das wirtschaftliche Potential des Konzeptes. Deshalb ist der "Scoop" eine tolle Möglichkeit, Dinge zu tun, die einem im Normalfall die Marketing-Abteilung verbietet. Etwa ein schwarzes Cover zu wählen, wie bei der ersten Ausgabe von "Humanglobaler Zufall". Insgesamt kann der Gewinn eines solchen Wettbewerbs vieles bewirken. Die Gleichung Wettbewerbsgewinn gleich große Karriere geht aber nicht auf. Dazu ist das Leben zu komplex.
Und noch eine Frage für alle Fans des "Humanglobalen Zufalls": Dürfen sich diese denn irgendwann auf ein neues, ähnliches Projekt freuen?
Der "Humanglobale Zufall" lebt weiter. Zurzeit zwar nur in meinem Kopf, aber da braut sich was zusammen. Was genau? Das soll eine Überraschung sein.
Dennis Buchmann wurde vor 32 Jahren in Ratzeburg geboren. Er wuchs in Mölln (Lauenburg) auf und lebt heute in Berlin. Nach dem Abitur und dem Grundstudium an der TU Braunschweig machte er an der Carl-von-Ossietsky-Universität in Oldenburg sein Diplom in Biologie. Anschließend folgte ein postgraduales Journalismus-Diplom der Ludwig-Maximilian-Universität in München und die Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Buchmann hospitierte unter anderem bei der Frankfurter Rundschau und der FAZ, für die DPA schrieb er ebenfalls. 2007 gewann er den Kreativwettbewerb "Scoop" der Axel Springer Akademie. Für den "Humanglobalen Zufall" war der heute 32-Jährige als Global Editor (Chefredakteur) verantwortlich, er hat aber auch selbst Texte beigesteuert. Heute ist Buchmann redaktionell bei betterplace.org und Salem International tätig.
Der "Humanglobale Zufall" ist ein Reportageheft, in dem jeweils sechs Reportagen aus unterschiedlichen Ländern der Welt zusammengefasst sind. Das Besondere: Alle Geschichten sind durch irgendeinen Zufall im Leben der Protagonisten (und einen roten Faden) miteinander verbunden, im Mittelpunkt stehen die Menschen und ihre Erlebnisse. Der "Humanglobale Zufall" will - wie es der Titel andeutet - menschlich, global und zufällig sein. Vier Hefte erschienen zwischen April und Dezember 2008. Das redaktionelle Konzept und die Gestaltung wurden mehrfach ausgezeichnet. Auf die Idee für das ungewöhnliche Projekt kam Dennis Buchmann, wie er sagt, da er selbst leidenschaftlicher Rucksacktourist ist.
Interview: Nadine Maaz
Fotos: Axel Springer Akademie
