Sternstunden der Fernsehgeschichte
Im Jahr der Astronomie jährt sich ein Medienereignis – viele halten es für das erste globale Live-Medienereignis – zum 40. Mal: Als amerikanische Astronauten 1969 die Mondoberfläche betreten, sind fast weltweit geschätzte 600 Millionen Augenpaare auf die TV-Übertragung gerichtet.
"Es war also der frühe Abend des 20. Juli, die Sondersendung der ARD lief seit 17.10 Uhr. Über die folgenden Stunden hinweg baute sich langsam, aber immer intensiver eine unheimliche Spannung und Erwartung auf." Das sind die persönlichen Erinnerungen des Raumfahrer.net-Users spaceboy an das historische Ereignis und sein gebanntes Miterleben via TV. Schon damals war er sich bewusst, dass er im Begriff war, Weltgeschichte zu erleben.
Nicht nur die ARD, auch das ZDF berichtete in einer Sondersendung live über die Landung der Lunonauten auf der Mondoberfläche. Privatsender gab es 1969 in Deutschland noch nicht. Dafür hatte jeder der beiden öffentlich-rechtlichen Sender sein eigenes Apollo-Studio eingerichtet, besaß ein eigenes Modell der Mondfähre und verfügte über separate Leitungen zum Raumfahrtzentrum nach Houston, wo ihnen nicht ein gemeinsamer, sondern je ein Reporter Rede und Antwort stand. Nur "sobald aber Houston selbst ins Bild kam und später die Mondfähre und die beiden Männer auf dem Mond und Nixon, wie er vom Weißen Haus aus mit Armstrong auf dem Erdtrabanten telefonierte, dann waren Bild und Originalton auf beiden Kanälen gleich, und die deutschen Kommentare und Übersetzungen unterschieden sich nur in Nuancen", wie es in einer Ausgabe der Programmzeitschrift HÖR ZU (damals noch in dieser Schreibweise) von 1969 heißt. Zu allen anderen Zeiten hatte der Zuschauer die Qual der Wahl.
In der "Ästhetik früher Stummfilme"
Die Wahl hatte er auch bei der Frage: Wachbleiben oder schlafen gehen? Denn was in Amerika zur Prime Time übertragen wurde, der Ausstieg der Astronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin nach der Landung mit der Mondfähre Eagle im "Meer der Ruhe" (Mare Tranquillaris) gegen 21.17 Uhr (MEZ), ereignet sich auf deutschen Bildschirmen aufgrund der Zeitverschiebung mitten in der Nacht um 3.56 Uhr. "Spaceboy" hat die bangen Minuten vor dem Ausstieg bis heute nicht vergessen – und das, obwohl seine Mutter zur Feier des Tages die Sektkorken knallen ließ: "Ich fragte mich, ob überhaupt ein Fernsehbild empfangen werden konnte, die technischen Schwierigkeiten schienen für mich unlösbar. Aber dann, etwa 03.50 Uhr, das erste Bild, es war zunächst nichts zu erkennen, aber es wurde besser. Die nächsten zweieinhalb Stunden waren die Sternstunden meines Lebens."
Dabei war die Qualität der Bilder von Armstrongs ersten Schritten auf dem Mond nicht mit der von den Aufnahmen aus der Raumkapsel Columbia vergleichbar. Armstrong selbst schreibt ihnen den Eindruck von 'Surrealität' zu. Für Kulturwissenschaftler Daniel Grinsted, der sich mit fiktionalen wie realen Mondreisen befasst hat, "eine medienhistorische Ironie". Denn das, was als Höhepunkt der damaligen Zeit galt, auch und vor allem technologisch betrachtet, kommt Grinsted zufolge in der "Ästhetik früher Stummfilme" daher.
Für die Raumfahrtbehörde NASA sei es zunächst allerdings überhaupt nicht relevant gewesen, den ersten Schritt eines Menschen auf einem fremden Himmelskörper via TV live zu übertragen: "Erst der Protest langjähriger NASA-Mitarbeiter, die argumentierten, die Raumfahrtbehörde sei es den Zuschauern schuldig, sie an diesem epochalen Moment teilhaben zu lassen, führte dazu, dass eine TV-Kamera dem Inventar der Mission beigefügt wurde", erklärt Grinsted in seinem kürzlich veröffentlichten Buch "Die Reise zum Mond".
Das Ereignis beeinflusst den Alltag
Der Bilderstrom aus dem All riss auch an den Folgetagen der Mondlandung nicht ab. Die Sondersendungen dauerten an und die Aufzeichnungen des Mondspaziergangs wurden des öfteren wiederholt. In einem Leserbrief an die HÖR ZU gesteht ein Zuschauer, dass er noch nie so lange zuvor ununterbrochen vor dem Bildschirm gesessen habe wie in jenen Tagen des Juli 1969. Und "Spaceboy" notiert im Raumfahrer-Forum, dass am Folgetag viele Läden wegen der Mondlandung geschlossen blieben. Oder eben der Übermüdung wegen – auch wenn das so nicht kommuniziert wurde. An Alltag war jedenfalls nicht zu denken.
"Spaceboy" und Horst Pöttker waren nur zwei der geschätzten 600 Millionen Zuschauer, die das erste globale Medienereignis – wie es beispielsweise FOCUS-Autor Günter Stauch nennt – live verfolgt haben oder verfolgen konnten. Denn nicht überall hatten die Menschen die Möglichkeit, an diesem Ereignis in Echtzeit teilzuhaben.
Die Berichterstattung im Ausland
Laut einer Nachricht aus der Süddeutschen Zeitung vom 16. Juli 1969 war man schon vor der Mondmission von Apollo 11 davon ausgegangen, dass 592 Millionen Zuschauer in 40 Ländern die "Direktüber- tragung" – wie damals noch die Live-Berichterstattung genannt wurde – würden verfolgen können.
129 Apollo- Fernsehsendungen waren über die gesamten acht Tage der Mission geplant, 60 davon in Europa und Nordafrika, wie die Europäische Rundfunkunion damals der SZ mitteilte. Mit Europa war vornehmlich Westeuropa gemeint, die osteuropäischen Länder Bulgarien und Albanien beispielsweise waren nicht in das Übertragungspro- gramm eingebunden.
In Moskau war das Radio schneller als das Fernsehen; aber direkt, im Sinne von live, war die Übertragung keinesfalls. Zwölf Minuten nach Aufsetzen der Mondfähre meldete Radio Moskau den Erfolg der amerikanischen Astronauten, das Fernsehen hat erst gegen Mitternacht darüber berichtet. Dennoch lobten die damaligen Korrespondenten deutscher Zeitungen die zügige Reaktion russischer Medien. In China hingegen schwiegen Funk und Presse schon über den Start des Raumschiffs. Seit 1963 habe es laut einer AP-Meldung, abgedruckt in der Süddeutschen Zeitung vom 18. Juli 1969, keine Berichterstattung mehr über sowjetische und amerikanische Raumprogramme gegeben. Teile Afrikas wiederum waren noch nicht auf dem technischen Stand, dass alle Menschen den All-Triumph hätten medial begleiten können. Und in einem Ort an der Westküste Australiens kam es zu einer besonderen Kuriosität, wie Daniel Grinsted im Interview erklärt.
Da bekommt das Public Viewing, wie wir es heute kennen, gleich eine andere Bedeutung. In London, New York und anderen Großstädten versammelten sich die Menschen, um das Geschehen auf einem Großbildschirm zu verfolgen – viele von ihnen verfügten vermutlich nicht über ein eigenes Fernsehgerät. "Tausende drängten sich auf den Champs-Elysées vor den riesigen Fernsehschirmen, die an mehreren Punkten der Prachtstraße aufgebaut waren", so heißt es in der "Welt" vom 23. Juli 1969.
Horst Pöttker und "Spaceboy" haben der öffentlichen Massenschau das heimische Verfolgen am TV-Gerät vorgezogen. Dennoch war es ein Ereignis, das sich beiden eingeprägt hat. Sie erinnern sich sogar bis heute an die Rezeptionssituation selbst, an das ganze Drumherum des Schauens, fast so, als würden sie es in der Erzählung erneut erleben – obwohl inzwischen schon 40 Jahre vergangen sind.
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Externe Links
DIE ZEIT: Peter Sartorius berichtete damals und heute erneut über die Mondlandung
Die größten Fernsehmomenten: Mondlandung Platz zwei hinter Mauerfall
Text: Verena Hepperle
Teaserfoto: NASA
Fotos: DIE WELT/NASA (2x)
Videos: Andreas Block; Verena Hepperle



