Spiegel gegen Rest der Medienwelt
Der kurze Rückblick auf die geschichtswissenschaftliche und mediale Auseinandersetzung mit der Alleintäterthese verdeutlicht: Rudolf Augsteins Einschätzung, nach der Spiegel-Serie von 1959 werde nicht mehr über den Reichstagsbrand gestritten, ist nicht zu halten.
Im Gegenteil, der "Kriminalfall Reichstagsbrand" beschäftigt weiter die Wissenschaft und die Medien. An der medialen Aufarbeitung beteiligen sich unter anderem der SWR und der BR sowie das ZDF. Während die Beiträge vom SWR und BR vor allem auf die neuen Quellen und die Rolle des Spiegel hinweisen, rekonstruierte die ZDF-Sendung "Abenteuer Wissen" den Brandhergang.
Die genannten Medien reagieren offenbar auf das Interesse an Kriminalfällen - teilweise wird im Stil der US-amerikanischen Kult-Serie "CSI" berichtet - und an der Aufarbeitung der Historie. Insbesondere die ZDF-Reihe "History" von Guido Knopp erzielt mit Stücken zur NS-Vergangenheit gute Quoten.
SWR: Van der Luppe war nicht alleine
Jenseits dieser programmstrategischen Überlegungen liefern die aktuellen Beiträge bedenkenswerte Hinweise. Im Dokumentarfilm von Gerhard Brack zum Reichstagsbrand (2003, SWR) stellt Horst Möller, der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), die Bestätigung der Alleintäterschaftsthese als unhaltbar dar.
Gestützt auch auf umfangreiche Recherchen im Bundesarchiv und im IfZ, an denen auch Hersch Fischler beteiligt war , kommt Brack zu folgendem Schluss: Es gibt Beweise für bei der Brandstiftung im Plenarsaal eingesetzte Brandmittel (Papp-Namensschilder), die nicht von van der Lubbe, sondern von anderen Tätern benutzt wurden. Diese Beweismittel wurden vom Spiegel bzw. seit 1959 nicht erwähnt, lassen jedoch erhebliche Zweifel an der Alleintäterschaft van der Lubbes aufkommen.
Gericht schlichtet zwischen Spiegel und Kritikern
In der Wissenschaftssendung "IQ" des BR vom 24. Februar 2006 arbeiteten Gerhard Brack und Tobias Hübner den aktuellen Stand der Zeitgeschichtsforschung zur Reichstagsbrandstiftung auf. Im Rahmen dieser Sendung sollte auch Klaus Wiegrefe, der Ressortleiter Zeitgeschehen des Spiegel und Autor des 2001 erschienenen Beitrags "Flammendes Fanal", Stellung nehmen.
Nach Aussage von Brack wollte Wiegrefe keine kritischen Fragen zulassen und übte auf die beiden Autoren sowie ihren Redakteur Druck aus. Der Klärung der Vorgänge steht eine einstweilige Verfügung entgegen, die Wiegrefe vor dem LG Hamburg erwirkte. Die Verfügung bestätigte das OLG Hamburg am 6. März 2007 in einem Berufungsverfahren. Der BR und seine Autoren Brack und Hübner dürfen nicht behaupten, Wiegrefe habe seine Interviewaussagen zurückgezogen, weil diese Formulierung so verstanden werden könnte, dass Wiegrefe alle Interviewaussagen zurückgezogen habe. Nach Darstellung von Wiegrefe und der Interpretation des OLG wurden nämlich zwei Aussagen nicht zurückgezogen.
Eine Konsequenz ist, dass die Sendung aus dem BR-Datenspeicher gelöscht wurde und Anfragen nach dem Sendungsmanuskript einige Wochen negativ beschieden wurden. Der Prozess wirft einen Schatten auf den Spiegel. Neben den Gerichten ist auf Initiative von Hersch Fischler nun auch der Presserat zur Prüfung der Vorgänge aufgefordert.
ZDF rekonstruiert Reichstagsbrand
Während Brack und Fischler vor allem die Rolle des Spiegel kritisieren, wählte ein Beitrag in der ZDF-Sendung "Abenteuer Wissen" am 11. Juli 2007 einen anderen Aufhänger: Hier wurde der Fall selbst rekonstruiert. Es wurde gefragt, ob der zu 70 Prozent sehgeschädigte van der Lubbe in einem Zeitraum von weniger als 20 Minuten durch den gesamten Reichstag laufen sowie mit Kohleanzündern und seiner Jacke den Plenarsaal in Brand stecken konnte. Der Historiker Alexander Bahar und der Physiker Wilfried Kugel zeichneten für diese Nachstellung des Tathergangs verantwortlich.
Grundlage für diese Rekonstruktion sind Recherchen in den seit 1993 im Bundesarchiv zur Verfügung stehenden Ermittlungsakten der Reichstagsbrandkommission – die Akten waren zunächst in Moskau und ab 1982 in Ost-Berlin unter Verschluss. Eine Zusammenfassung der Aktenauswertung findet sich bereits 1993 in einem Beitrag von Fischler im Rheinischen Merkur.
Neben zahlreichen Unstimmigkeiten, die durch die Analyse der Ermittlungsakten zu Tage traten, konnte die Rekonstruktion zeigen, dass van der Lubbe in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht die Strecke im Reichstag zurückgelegt haben und den Brand entfachen konnte. Nach Bahar und Kugel müssen vielmehr Brandbeschleuniger zum Einsatz gekommen sein, die anderen Tätern die Möglichkeit verschafften, vor Eintreffen der Polizei das Gebäude zu verlassen.
Sven Felix Kellerhoff: Der Reichstagsbrand. Die Karriere eines Kriminalfalls. be.bra Verlag. Berlin, 2008
Links:
- Das Reichstagsbrandforum zur Aufarbeitung der Ereignisse
- Blogeinträge zum Reichstagsbrand bei Spiegelkritik
Text: Jörg-Uwe Nieland
Bilder: flickr.com/hirngespinste, flickr.com/herrner


