Spaßvögel dominieren ZDF-Plattform
Mainz/Hamburg. Es scheint die große Liebe zu sein. Bereits vor drei Jahren hat das ZDF mit YouTube angebändelt und bis heute hat die Begeisterung nicht nachgelassen. Vor allem das ZDF scheint den perfekten Partner gefunden zu haben: "Unsere Erfahrungen mit YouTube sind gut. Vor allem Maybrit Illner ist mit der Resonanz auf ihren Kanal sehr zufrieden."
Verjüngungsprogramm YouTube
Dabei hat die Partnerschaft zwischen dem öffentlich-rechtlichen Sender und dem Google-Ableger einen traurigen Hintergrund. "Es ist nicht unmöglich junge Menschen über das TV-Programm vom ZDF zu erreichen, aber das Netz stellt eine gute Alternative dar", deutet Open Reichstag-Projektleiter Andreas Rother das Problem des Senders an. Um nicht nur Menschen jenseits der 50 anzusprechen, hat sich der Sender vor der Bundestagswahl Open Reichstag ausgedacht. Schließlich möchte man seinem Auftrag als öffentlich-rechtlicher Sender gerecht werden und an der individuellen und öffentlichen Meinungsbildung aller Bürger mitwirken.
ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender ist überzeugt: "Die interaktiven Möglichkeiten der Plattform und das ZDF-Programmangebot zu den Bundestagswahlen ergänzen und bereichern sich gegenseitig. Von der Verbindung profitieren Zuschauer, User und die politischen Akteure gleichermaßen." Hehre Ziele, die Realität der Plattform ist weniger staatstragend.
Der Ablauf
1. Phase (ab 7. Juni): Zum Auftakt wandten sich Spitzenpolitiker von CDU, CSU, SPD, FDP, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke mit jeweils einer "Sonntagsfrage" an die YouTube-Nutzer. Diese können per Video antworten.
2. Phase (ab 19. Juli): Die Aktion "Deine Meinung" beginnt. Prominente Paten stellen kontroverse Fragen per Videobotschaft zur Diskussion. Die Nutzer können per Klick zu den heiklen Fragen Stellung beziehen und ihre Meinung per Video erklären. Einige Videobotschaften werden in Spezialsendungen eingebunden, zum Beispiel in "Illner intensiv" oder den "ZDF-Wahlforen".
3. Phase (ab 9. August): Unter dem Slogan "Deine Frage an die Spitzenpolitiker der Parteien, bevor du wählen gehst" geht Open Reichstag in die dritte Phase. Im ZDF-Wahlforum am 15. September werden Spitzenpolitiker auf Videofragen der Nutzer antworten.
4. Phase (ab 16. September): Elf Tage vor der Bundestagswahl finden Nutzer auf der Plattform die Höhepunkte aus den vorangegangenen Debatten zwischen Politikern und Wählern. Außerdem werden die Ergebnisse des Politbarometers zu finden sein. Open Reichstag schließt seine Pforten nicht mit Bekanntgabe des Wahlergebnisses. Auch über mögliche Koalitionen wollen die Macher noch informieren.
Während der gesamten Projektdauer bieten ausgewählte ZDF-Videos auf der Website ergänzende Informationen zu den behandelten Diskussionsthemen. Die Videos sind in Playlists sortiert, damit der Nutzer einen besseren Überblick über die Fülle von Videos gewinnen kann.
"Auch spaßige Beiträge können zielführend sein"
Wer sich die Videobeiträge auf Open Reichstag anschaut, kann leicht den Eindruck gewinnen, statt bei einem ZDF-Portal aus Versehen bei Clipfish gelandet zu sein, wo lustige Homevideos zum Besten gegeben werden. Doch bei Open Reichstag sind sie auch vertreten, die selbsternannten Comedians und ruhmsuchende Entertainer zeigen ihr Können. Fühlen sich dazu aufgefordert. Nur unter DSDS-Bewerbern fand sich bisher ähnlich Skurriles. Im ZDF habe man keine Vorstellung gehabt, wie die Resonanz ausfallen könne. Schließlich sei alles letztlich ein Experiment. Nun sieht man das Ergebnis. Projektleiter Andreas Rother formuliert beschönigend: "Es gibt vor allem in der ersten Phase des Projekts eine ganze Reihe anarchische und komische Videos. Aber warum soll Politik nicht auch Spaß machen? Auch diese Beiträge können zielführend sein." Zielführend? Sicher, wenn man Otto-Normal-Bürger dabei unterstützen möchte, sich in aller Öffentlichkeit zu blamieren. Jetzt müssen die Freaks und Nerds nicht mal mehr das Haus verlassen, um beim Supertalent oder ähnlichen Castingshows um Aufmerksamkeit zu buhlen. Dank des ZDF geht das nun bequem vom Laptop aus.
Neben den Nutzern RasputinsVLOG und AWHMovie ist tsunemotoyamamoto einer der schrägsten Vögel auf Open Reichstag:
Doch Spaß beiseite: Es gibt eine ganze Reihe von ernsthaften User-Beiträgen. Das soll nicht unterschlagen werden. Allerdings gilt: Besonders skurrile Videos verzeichnen besonders hohe Klickzahlen. Konstruktive Beiträge landen auf den hinteren Plätzen. Wer übrigens bereut, seine normalerweise erfolgreich unterdrückten Entertainerqualitäten nach einer feucht-fröhlichen Nacht im Netz ausgelebt zu haben, der ist arm dran. Zwar kann er sein Video aus dem Netz entfernen, doch im Fernsehen darf das ZDF seinen Kommentar weiterverwenden – und einem Millionenpublikum vorführen. Beliebig oft. Weltweit. Im Hörfunk und Pay-TV. Auch auf DVD und CD-ROM darf die Schande gebrannt werden. Diesen Bedingungen hat der Mitteilungsfreudige beim Hochladen zugestimmt.
Die offene Debatte ist bunt. Welche Farbe man selbst beisteuern möchte, sollte man sich aber gut überlegen. Denn in dieser Hinsicht ist die Plattform der echten Politik dann doch sehr nah: Jeder Versprecher, jeder Fauxpas in der Öffentlichkeit wird Politikern böse angekreidet. Bei Open Reichstag gilt das auch für Hobby-Diskutanten. Das einmal Gesagte ist nicht rückholbar.
Vorbildportal YouTube-Debate: Video aus der Online-Debatte, die CNN anlässlich der US-Präsidentschaftswahl 2008 startete
Ein kritischer Beitrag der taz zur Prostitution von Politikern im Web 2.0
Der Tagesspiegel zu den Aktivitäten des ZDF vor der Bundestagswahl 2009
Text: Paulina Henkel
Foto: Jürgen Detmers/ZDF, BirgitH/pixelio
Video: YouTube

