Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

"Solange wir hier schreiben, lebst Du"

Die Blogosphäre ist ein Universum, das, einem Mosaik ähnlich, aus virtuellen Schicksalen seiner Nutzer besteht. Jede Sekunde gebiert die Online-Welt neue Blogs, neue Charaktere und Lebensgeschichten. Und genauso wie im realen Dasein unterliegen die Blogs und ihre Schreiber dem Gesetz vom Leben und Tod. In der Blogosphäre gibt es allerdings zweifelsohne ein virtuelles Jenseits. Denn auch nach dem Tod verschwinden die Werke eines Bloggers oft nicht aus dem Netz, sondern sind für alle einzusehen und vor allem zu kommentieren. Eine Spurensuche in postmortalen Web-Tagebüchern.

Russische Tagebücher dienten als Grundlage für die Recherche.

Ein Zufall führte mich beim Stöbern in der russischen Blogosphäre zu postmortalen Netz-Tagebüchern. Versuche, vergleichbare Beispiele im deutschen Internet-Raum zu finden, blieben allerdings ohne Erfolg. Denn zum einen stellte sich die Frage nach dem richtigen Begriff, den man in der Suchmaske eingeben sollte. Alle Tod-Variationen führten im besten Falle dazu, dass man Nutzer mit "tödlichen" Spitznamen oder "tödlichen" Interessen in der Profil-Beschreibung ausfindig machte. Auch Nachfragen bei erfahrenen Bloggern stießen entweder auf Verwunderung, weil sie noch nie etwas von verstorbenen Bloggern und deren weiter existierenden Blogs gehört haben, oder auf ein abergläubisches Abblocken, weil sie auch künftig nie etwas davon hören wollten. So blieb ich bei russischen Seiten, deren Inhalte für die meisten deutschen Leser zwar ein Buch mit sieben Siegeln bleiben - die übersetzten Passagen könnten jedoch trotzdem exemplarisch zeigen, worum es sich bei postmortalen Blogs handelt.

Gänsehautgefühl: Worte der Verzweiflung

Aus Hoffnung wird Verzweiflung wird Verlust: Auch online wird die Zerbrechlichkeit des Lebens deutlich.

Es sind unzählige Gigabyte, die erloschene Menschenleben verbergen. Die eine, mit einem Engel auf dem Profilbild, kam beim Autounfall ums Leben, eine andere warf eine unheilbare Krankheit nieder. Eine junge hübsche Frau wurde ermordet und tot in ihrer Badewanne aufgefunden. In den letzten Einträgen ihrer Blogs ist noch nichts von diesem Schicksal zu spüren. Die Blogger schreiben, dass sie Schlittschuhlaufen waren; sie laden ein Foto einer tropischen Insel hoch, das ihre Sehnsucht nach fernen Ländern und abenteuerlichen Reisen visualisieren soll; sie freuen sich, dass sie morgen ihren Liebsten sehen und dass ein beinahe verwelktes Zimmerpflänzchen wieder langsam aufblüht.

Und genau diese letzten Einträge, die nichts Schlimmes verheißen sollen, werden plötzlich von den virtuellen und reellen Freunden in schreienden Versalien kommentiert: MELDE DICH, RUF AN, WO BIST DU, LASS DICH IM ICQ BLICKEN, HEB ENDLICH DEN HÖRER AB, ICH KANN DICH NICHT FINDEN ... Ein Gänsehautgefühl packt einen, wenn man diese Zeilen liest. Denn die Kommentare bleiben ungehört, und auf einmal wird die Zerbrechlichkeit des Lebens so evident und so erschreckend.

Als könne ihr bloggender Freund sie hören ...

Auf virtuellen Friedhöfen wird auch Tieren gedacht, wie hier im Memory Garden.

Der Tod wird häufig als unlogisch, unberechenbar, beängstigend und faszinierend zugleich empfunden. Auch im Online-Universum gibt es Millionen von Seiten, die diesem Thema gewidmet sind. Sogar virtuelle Friedhöfe werden im Internet gepflegt (wie die Gedenkstätte im Internet oder der Memory Garden). Dort kann man zum Beispiel Bruno, dem Braunbären, die letzte Ehre erweisen oder Daisy, dem berühmten Hund des Modedesigners Rudolph Moshammer, ein paar Worte ins Kondolenzbuch schreiben. Solche Angebote wirken, wenn auch unabsichtlich, zu pathetisch. Im Vergleich zu digitalen Friedhöfen sind die Blogs von verstorbenen Schreibern, die auf den ersten Blick auch an virtuelle Grabsteine erinnern, authentischer. Dort loggen sich die engsten Freunde des Verstorbenen ein, um in der Online-Welt Abschied zu nehmen. Sie tun es so innig, so persönlich, als könne ihr bloggender Freund sie tatsächlich hören.

"Sascha, warum??? Ich kann mich nicht mit dem Gedanken abfinden, dass es Dich nicht mehr gibt. Ich kann es nicht glauben. Ich kann es nicht glauben. Weißt Du noch, wie wir immer bei der Oma rumgealbert haben? Wir sind auf das Bett gehüpft und haben eine Kissenschlacht gemacht? Weißt Du, als wir am Meer waren und uns über die Wellen gefreut haben? Wie begeistert wir waren? Kannst Du dich noch an die Kirmes in Deiner Stadt erinnern? Wie wir Karussell gefahren sind? Und weißt Du noch, als Grey, der Hund, uns gebissen hat? Die Erinnerungen sind wie grelle Blitze. Es tut so weh. Sascha, warum???"

Für manche ist das überhaupt die letzte und die einzige Möglichkeit, sich von dem Menschen zu verabschieden.

"Sascha, ich bin’s! irgendwie muss ich daran denken, wie Du auf dem Weg zur Schule hingefallen bist. Du und ich (…) haben gelacht, weil Du auf deinen Schnürsenkel getreten bist. Kannst Du dich daran erinnern, dass ich Dich seitdem immer gefragt habe, ob Du schon deine Schnürsenkel binden kannst? Und damals, als wir den Unfall gebaut haben auf dem Weg nach Kairo. Da hast Du zum ersten - und zum letzten - Mal in meiner Anwesenheit geraucht. Ich wollte Dich noch zurechtweisen, aber dann habe ich gesehen, dass Du zitterst, und habe nichts gesagt. Ich würde so gerne diese Hirnhälfte mit meinen Erinnerungen ausschalten und nur die lassen, die für Bewegungsmechanismen zuständig ist. (…) In der letzten Zeit hatte ich wenig Kontakt zu Dir (…)Wir treffen uns noch, Sascha. Ich weiß nicht, wann, aber wir sehen uns noch. Ich werde so glücklich sein, Dich wieder zu sehen (…) Letztes Mal, als ich bei Euch zu Besuch war, fand ich gut, dass Du auf dem Balkon geraucht hast. Es tat mir gut, zu sehen, dass Du mich als Vater respektierst. Mach’s gut, Sascha." (Zum Originaleintrag)

Der Traum vom ewigen Leben

Dem Himmel so nah? Durch Schreiben und Erinnern setzen die Blogger auf das ewige Leben.

Manche Einträge werden noch Jahre nach dem Tod des Autors kommentiert. In ihren eindringlichen, packenden, manchmal unerträglich schmerzenden Kommentaren nehmen Freunde und Verwandte nicht nur Abschied, sondern erzählen munter weiter von ihrem Alltag, teilen ihre letzten Erlebnisse mit, nörgeln über das schlechte Wetter und enden ihre Sätze mit dem obligatorischen Smiley statt Punkt. Der Grund, warum sie sich seit Jahren rituell am virtuellen Grab versammeln, ist der Glaube, durch die Fortsetzung des Blogs, allein durchs Schreiben und Erinnern, zumindest das Online-Dasein des Verstorbenen verlängern zu können. Es ist ein Traum vom ewigen Leben.

"Solange wir hier schreiben, solange wir uns erinnern, bist Du bei uns. Du liest uns doch, oder?"

Denn solange die Accounts existieren und die Blogs, diese dokumentierten Schicksale, mit den genau aufgeschriebenen Gedanken, Ängsten und Glücksmomenten offen für alle im Netz einzusehen sind, leben die Autoren weiter – wenn auch nur virtuell. Auch nach dem Tod des Bloggers kommen häufig neue Leser dazu, blättern im digitalen Tagebuch, schreiben so etwas wie: "Schade, ich habe Dich nie kennengelernt, aber Dein Blog ist so interessant. Ruhe in Frieden." Oder sie kommentieren alte Einträge – ohne zu wissen, dass der Blogger sie nie wieder lesen wird. Zumindest nicht im wirklichen Leben.

Meine Süße, mein Sonnenschein… Wie schade, dass ich nur Deinen Blog und die Kommentare kennenlernen konnte. Ich weine und trauere, dass ich Dich nicht schon früher gekannt habe. Doch dort, da oben, dort werden wir uns sehen, nicht wahr? Wir sind uns so ähnlich: die Locken, das Lachen, gemeinsame Interessen… Nur ich lebe. Und Du nicht.
(Zum Originaleintrag)

Text: Jenia Wagner; Fotos: livejournal.com, online-grab.eu, Deifel/flickr.com

Veröffentlicht: 10.10.2007
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