Sich selbst verlieren – einen Star gewinnen
16.421 Mädchen bewarben sich für die zweite Staffel von Germany’s Next Topmodel, 28.597 junge Menschen stellten sich der Jury von Deutschland sucht den Superstar. Tendenzen steigend. Tausende junge Menschen sind bereit für das Leben als Berühmtheit vieles hinter sich zu lassen. Thomas M. (24) und Steffie K. (18) sind zwei von ihnen und sie erzählen, woher der Wunsch nach einer völlig neuen Identität kommt.
Hochgewachsen, die mittellangen Haare streng gescheitelt und ein keckes Lachen; Thomas, 24, entspricht genau dem Typus Mann, den viele Mütter als den idealen Schwiegersohn bezeichnen. Der gesicherte Arbeitsplatz in einer Bank fügt sich ideal in dieses Bild ein. Doch ist es genau dieses gleichförmige Leben, welches Thomas immer mehr zu schaffen macht: "Ich bin 24 Jahre alt und mein Alltag ist einfach nur noch gleich. Wenn ich mein Leben jetzt nicht ändere, wird das auch in den nächsten Jahren nichts mehr. Es erfüllt mich einfach nicht mehr."
Gesungen hat Thomas schon immer gerne. In der Schule wirkte er zuletzt als Hauptdarsteller in einem Musical mit. Bei Karaoke-Partys ist er immer der Star: "Und bei der letzten Staffel von Deutschland sucht den Superstar (DSDS) hab ich mir gedacht: Mensch, wieso probier ich das nicht mal aus – verlieren kann ich ja nichts." Als einer von fast 30 000 erwarteten Bewerbern will sich Thomas in der fünften Staffel von DSDS dem Urteil der Jury stellen, zu der mit Sicherheit wieder Dieter Bohlen gehören wird. Dass sich mit einem Sieg sein ganzes Leben verändern würde – die Freunde, der Tagesablauf sowie positive und negative Folgen der Berühmtheit – stört den Bankangestellten nicht im Geringsten: "Im Gegenteil, genau das will ich ja. Sonst könnte ich auch mein Leben so weiterleben, wie es jetzt ist, wenn ich keine Veränderung will."
Wie schnell sich alles verändern kann, erlebt der letzte Gewinner der Show – Mark Medlock. Vor Beginn der Sendung lebte der Sänger von Gelegenheitsjobs und Arbeitslosengeld II – seit seinem Sieg hat er allein mit der ersten Single 50.000 bis 60.000 Euro verdient, ist mit einem Male schuldenfrei und zumindest bei den Jüngeren eine Berühmtheit. Studioaufnahmen, Interviews, Konzerte – das sind die Inhalte seines neuen Lebens. "Ich glaube, in vielen steckt die Sehnsucht, sein Leben noch einmal völlig neu zu gestalten", vermutet Thomas, "und Castingshows bieten die einmalige Chance dazu."
Laufsteg statt Büroarbeit

- Heidi Klum mit Lena Gercke und Barbara Meier, den bisherigen Siegerinnen von GNTM
Steffie, 18, ist schlank, fast 1,80 Meter groß, hat lange dunkle Haare und besucht die 12. Klasse einer Gesamtschule. Ihr Traum: sie möchte Topmodel werden. Schon die erste Staffel von Germany's Next Topmodel (GNTM) hat sie aufgeregt verfolgt. Nachdem nun das zweite Topmodel gekürt ist, steht für sie fest: In der nächste Runde ist sie dabei! "Das ist einfach der perfekte Job für mich. Man reist viel, lernt Leute kennen und hat mit Mode zu tun."
So wie Steffie werden mehrere tausend Mädchen denken und sich zur 3. Staffel von Germany’s Next Topmodel bewerben. "Ich hätte früher nie darüber nachgedacht, Topmodel zu werden", erzählt Marie (Name von der Redaktion geändert)*, eine der Teilnehmerinnen der ersten Staffel, "aber als ich dann von der Show gehört habe, wollte ich es ausprobieren. Sich da zu bewerben war ja ganz leicht. Dass ich dann gleich zu den besten zwölf gehörte, hätte ich natürlich niemals erwartet!" Verglichen mit dem Job eines Models erscheint der zukünftigen Teilnehmerin Steffie sowohl eine Ausbildung als auch ein Studium öde.
"Natürlich ist der Beruf des Models zunächst einmal aufregend", erzählt Marie. "aber es wird oft übersehen, dass das auch ein Knochenjob ist. Sich ständig bei irgendwelchen Designern vorzustellen und dann doch nicht genommen zu werden, weil die Konkurrenz so groß ist, kann auch sehr frustrierend sein. Nur die wenigsten Models werden schließlich so bekannt wie Heidi Klum und Gisele Bündchen." Solche Argumente können Steffie jedoch nicht von ihrem Vorhaben abhalten: "Heidi Klum wurde schließlich auch in einer Talentshow entdeckt und ist heute überall bekannt – warum sollten ihre Nachfolgerinnen nicht ebenso erfolgreich sein?"
Stars werden zu Sternschnuppen

- Elvis Presley wurde durch seine Musik zum Mythos.
Auch die bisher von RTL gekürten Superstars zeigten sich bisher wenig erfolgreich. Länger als ein Jahr konnte sich bisher keiner an der Spitze der Charts halten – meistens floppte schon die dritte Single. Doch das kann Thomas nur wenig verunsichern: "Wahrscheinlich sind bisher einfach nicht der Richtigen gewählt worden. In den USA hat es ja mit Britney Spears auch geklappt. Ein echter Superstar muss eben eine Lücke ausfüllen. Irgendwas Unverwechselbares haben." Sein großes Vorbild ist dabei Elvis Presley: "Es ist nicht so, dass mich seine Musik jetzt total umhaut", erzählt er und wippt leicht mit den Füßen, "aber der Mann hatte einfach was total Eigenes. Die Stimme war anders, die Songs waren neu – Elvis fiel auf!"
Vermutlich gibt es noch etwas, was Thomas an Elvis Presley bewundert: Er ist durch seine Musik unsterblich geworden. Thomas überlegt einen Moment: "Ich glaub schon, dass so was auch eine Rolle spielt. Ich meine – der Gedanke, dass noch was von einem bleibt, wenn man tot ist, hat doch irgendwie was Beruhigendes." Tatsächlich haben viele der Bewerber von Popstars, DSDS und auch Germany’s Next Topmodel große Idole, denen sie nacheifern, um eines Tages auch über die eigene Schaffenszeit hinaus berühmt zu bleiben.
Ein anderer sein?
Wirkt sich ein möglicher Erfolg auch auf den Charakter aus? Darin sind sich Thomas und Steffie uneins. "Ich bin mir fast sicher, dass sich meine Tage verändern. Wenn ich berühmt bin, habe ich weniger Zeit für meine Familie und meine Freunde. Mit Sicherheit lerne ich aber auch viele neue Leute kennen, worauf ich mich freue", vermutet Steffie, "ich seh da keinen Nachteil. Ich glaub auch nicht, dass ich dabei so anders werde". Thomas hingegen meint: "Ich glaube schon, dass ich mich verändern werde. Mein ganzes Leben ist dann ein völlig anderes. Man hat mehr Geld – und sicherlich muss ich gegenüber Menschen und Freunden misstrauischer sein. Aber wenn ich mich entscheiden muss – dieses eintönige Leben gegen das eines Stars. Dann muss ich nicht lange überlegen."
* Marie bekam keine Erlaubnis von Pro7, dieses Interview zu führen. Bei Vertragsbruch droht eine hohe Geldstrafe.
Text: Christiane Meister, Fotos: alex_g712000/flickr.com, florz/flickr.com, achavar/flickr.com


