Selbstbeobachtungsfalle 2.0
Zwischen Betriebsblindheit und kollegialem Konflikt: Im Gegensatz zu den USA ist in den bundesdeutschen Medien eine Reflexion der eigenen Arbeit selten. Das zeigt Jörg-Uwe Nieland in diesem Essay am Beispiel der Berichterstattung über den Reichstagsbrand.
Wissenschaft lebt von (neuen) Erkenntnissen und ihrer Prüfung sowie der daran anschließenden Debatte. Zunehmend wichtiger ist dabei der Dialog zwischen den Disziplinen und über die jeweiligen Fachgrenzen hinaus. Ebenfalls an Bedeutung gewinnen die Medien. Sie beobachten diese Prozesse, dokumentieren sie und im besten Fall fördern sie die wissenschaftliche und öffentliche Auseinandersetzung. Tatsächlich sind in den letzten Jahren Rubriken und Formate in Print, Hörfunk und Fernsehen entstanden, die über den aktuellen Stand in den Wissenschaften informieren.
Selbstkritik als wichtige Basis
Was für das Verhältnis von Wissenschaft und Medien anzustreben ist, das sollte auch für den Journalismus selbst gelten. Der Medienjournalismus, also die (selbst)kritische Auseinandersetzung über den Journalismus in den Medien, bietet eine Grundlage für autonome Meinungsbildungsprozesse, prägt den öffentlichen Diskurs und sorgt für Transparenz im Mediensystem.
Der Journalismus in demokratischen Gesellschaften liefert nicht nur Informationen und stellt Öffentlichkeit her. Ihm fällt auch eine Kritik- und Kontrollfunktion zu. Wie ist es um diese Funktion bestellt? Zunächst fällt der Blick auf die durch den Medienjournalismus aufgedeckten und meist auch aufgearbeiteten Skandale. Der Medienjournalismus problematisiert die schwindende Vielfalt auf den Medienmärkten, den Qualitätsrückgang und die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen für Journalisten (etwa in China und Russland). Selbstkritisch berichten die Journalisten über die "Verfehlungen" bei der Kriegsberichterstattung.
Trotz Medienforen wenig Selbstkontrolle
Als Foren des Medienjournalismus haben sich neben den Medienseiten der Tages- und Wochenpresse, den wissenschaftlichen Fachzeitschriften, den medienkulturellen und -pädagogischen Zeitschriften, den Trade Papers der Programmpresse sowie den Fachorganen und der Verbandspresse inzwischen auch die Publikationen und Tagungen der Landesmedienanstalten, wissenschaftlicher und verbandlicher Institute, vor allem zur Jugendforschung, sowie der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen und der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich etabliert.
Aber trotz dieser Ausdifferenzierung des deutschen Medienjournalismus besteht ein zentraler Schwachpunkt: Im Gegensatz zu den USA ist in den bundesdeutschen Medien eine breit angelegte Reflexion in eigener Sache selten. Michael Beuthner und Stephan Weichert sprechen in diesem Zusammenhang von der Selbstbeobachtungsfalle.
So besteht bislang weder in der Medienwissenschaft noch in den Medien Einigkeit darüber, wie Medienjournalismus gefasst werden soll und worüber er zu berichten hat. Auch verstellen Eitelkeiten und Geltungsdrang den Blick auf die Strukturen und Inhalte der Medien. Beuthner und Weichert verweisen zusätzlich darauf, dass sich Medienjournalisten nicht nur in einem kollegialen, sondern auch in einem ökonomischen Interessenkonflikt befinden. Neben den geringen Ressourcen des Medienjournalismus zeichnet ihn außerdem noch eine gewisse Betriebsblindheit aus.
Mediendebakel beim Reichstagsbrand
Text:Jörg-Uwe Nieland
Bilder: flickr.com/mwboeckmann, flickr.com/Thadeus Protz
Teaserfoto: flickr.com/mwboeckmann


