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Bauer sucht Frau

Schwules Paar - Opfer oder Gewinner im RTL-Quotenkampf?

Keine Frage: Sie waren der Quotenmagnet in der jetzt ausgelaufenen Staffel von "Bauer sucht Frau": Philipp und Veit, das erste schwule Paar in der Geschichte der RTL-Erfolgsserie. Schwingt sich der Privatsender mit seiner Kandidaten-Auswahl auf eine Vorreiterposition im Kampf gegen Homophobie? Oder werden alte Klischees über Schwule sogar noch vertieft? Eine Abwägungsfrage.

Liebe auf den ersten Blick: Bei Philipp (r.) und Veit funkte es sofort.

Sie strotzt nur so vor Inbrunst, die Stimme von Moderatorin Inka Bause. "Jetzt kommen sie endlich: eure Frauen - und Philipp: deine Männer", verkündet sie in der ersten Folge von "Bauer sucht Frau" im Oktober auf dem Scheunenfest. Hier treffen die Landwirte erstmals auf ihre möglichen zukünftigen Lebenspartner. Ein strahlendes Lächeln der akkurat gestylten Moderatorin. Eine einladende Handbewegung. Ein Schwenk auf die aufgeregten, zumeist sichtlich schweißgebadeten Bauern, die größtenteils noch nie das Wort Beziehung in den Mund genommen haben - dann wird die Aufmerksamkeit der RTL-Zuschauer auf die Frauen gelenkt, die in Slow-Motion einmarschieren. Und auf die zwei Männer unter ihnen. Auf einen kleinen, unscheinbaren Blonden und auf einen attraktiven Dunkelblonden: Veit. Er ist muskulös, gepflegt und hübsch - genau wie der schwule Bauer Philipp. Schon nach wenigen Minuten ist jedem der Zuschauer klar: Veit wird mit dem "fleißigen Pferdewirt Philipp" eine unbeschwerte Woche auf dessen Bauernhof im "sonnigen Sauerland" verbringen - der Funke zwischen den beiden ist sofort übergesprungen.

"Wir fühlen uns als Vorreiter"

Unbeschwertheit - sie zeichnet auch das RTL-Lifestyle-Magazin "Extra" aus. Jede Woche wurden hier die spektakulärsten Szenen von "Bauer sucht Frau" direkt nach der Sendung noch einmal aufbereitet. Im Anschluss an die letzte Folge steht bei "Extra" die Sexualität von Philipp und Veit im Vordergrund - und deren vermeintliche Wirkung auf die Zuschauer. Auch hier sind die beiden Seite an Seite glücklich im Interview zu sehen, auch hier geben sie zahme Statements. "Es gab ein paar Negativstimmen, die wird es immer geben", sagt Philipp und führt selbstbewusst fort: "Aber die hauptsächliche Resonanz ist positiv. Wir fühlen uns schon etwas als Vorreiter." Vorreiter? Das stimmt - zumindest was den Anteil an Homosexualität bei "Bauer sucht Frau" angeht.

Sechs Jahre und sechs Staffeln hat es gedauert, bis RTL bei "Bauer sucht Frau" nun auch einen Mann gesucht hat. Dabei kam der Durchbruch im Quotengeschäft schon bei der dritten Staffel: die Sieben-Millionen-Marke wurde erstmals geknackt, in Staffel Sechs sogar die Acht-Millionen-Marke. Viele erinnern sich an die leicht dümmlich wirkende Asiatin Narumol ("Ich bin fick und fertig") aus Staffel Fünf oder den freakigen Bauern Peer aus Staffel Sechs, dem es - glaubt man dem von RTL erzeugten Bild - schon schwer fiel, auch nur einen geraden Satz herauszubringen.

"Homosexualität wird mit Unterentwicklungen der anderen gleichgestellt"

Ackerbauer Rolf wurde von RTL als Lustmolch dargestellt.

Auch diesmal scheint sich RTL richtig ins Zeug gelegt zu haben. 7,7 Millionen Zuschauer verfolgten durchschnittlich die Serie. Wieder werden nur Bauern gezeigt, die vermutlich nicht gerade dem entsprechen, was der Durchschnittsdeutsche als besonders ästhetisch oder sozialkompetent bezeichnen würde. Da ist der "fröhliche Friese Gerold", der mit seinem leicht abwesenden Überbiss-Lächeln die Lacher der Zuschauer "auf seiner Seite" hat. Da ist der "heitere Ackerbauer Rolf", der offenbar nur nach einer Frau für Küche und Bett Ausschau hält. Da ist der "sanfte Schweinebauer Uwe", den jeder sofort ins Herz schließt, der aber auch trotz seiner treudoofen Art nicht von seiner Riesennase und seinen schlechten Zähnen ablenken kann. Und dann ist da Philipp. Jung, dynamisch, durchschnittlich intelligent, männlich und einfach nett anzuschauen. Liebeserklärungen zum Fremdschämen, platte Sprüche zum Kaputtlachen - all das gibt der Pferdewirt nicht her. Nur eben das eine: seine Sexualität, die von der Norm abweicht. Ein Schwuler, der den Zuschauern gefühlt näher steht als alle anderen Landwirte - eigentlich eine gute Voraussetzungen um Homophobie, also Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit, abzubauen. Oder?

Inka Bause: Philipp ist mein Liebling

"Eine Täuschung", findet Dennis Pfeiffer-Goldmann. Er ist im Vorstand des Bunds Lesbischer und Schwuler JournalistInnen (BLSJ) und vertritt eine klare Gegenposition. "Die Homosexualität wird gleichgestellt mit den Unterentwicklungen der anderen Landwirte. Die Moderation und die Off-Texte rufen zwangsläufig Häme und Spott hervor. Dadurch fördert die Serie Homophobie", bewertet er auf Anfrage von Medien Monitor. Axel Bach, ebenfalls Vorstandsmitglied im BLSJ, hat auch seine Bedenken. "Wir appellieren seit Jahren dafür, dass Homosexualität in den Medien auftritt. Beispielsweise, indem das Lesbischsein einer Protagonistin nicht herausgekehrt, sondern nur nebenbei erwähnt wird. Aber gerade das ist ja bei ‚Bauer sucht Frau‘ nicht geschehen: Es ging doch einzig und allein ums Schwulsein. Mit Selbstverständlichkeit war da nix."

Schöne Momente statt Tollpatschigkeite: RTL zeigte Philipp und Veit nur im besten Licht.

Ein Kritikpunkt, den RTL nur knapp dementiert. Allein ein kurzes Zitat der Moderatorin Inka Bause lässt die Pressestelle Medien-Monitor zukommen: "Ich freue mich sehr! Philipps Teilnahme ist ein Statement für Toleranz - gerade auf dem Land", heißt es darin. Fragen über die Auswahl der Kandidaten oder das Motiv von RTL beantwortet die Pressestelle gegenüber Medien-Monitor nicht.

Inka Bause: Ich will den Bauern helfen

"Ich bin mir sicher, dass RTL mit solchen Formaten nicht die Gesellschaft verändern möchte. Es geht nur um die Quote", kommentiert Axel Bach vom BLSJ. Doch trotz aller Kritik an der Erfolgsserie - Fakt ist: Philipp und Veit sind die einzigen Kandidaten, die weder in peinlichen Situationen noch tollpatschig und unbeholfen dargestellt werden. Spöttische Kommentare aus dem Off gelten immer nur den anderen Landwirten. "Philipp und Veit wurden behandelt wie Männer und es war völlig in Ordnung", findet Philipp Greiner. Er ist Redakteur beim Bayrischen Rundfunk, schwul und hat Teile der Staffel im Fernsehen verfolgt. "Natürlich ging es RTL um die Einschaltquote, aber das ist meiner Meinung nach irrelevant", glaubt er. Entscheidend sei, dass durch die Serie Homosexualität angemessen thematisiert worden sei. "Und das ist gerade bei der Zielgruppe des durchschnittlichen ‚Bauer sucht Frau‘-Publikums wichtig, weil hier noch viele Vorurteile gegenüber Schwulen herrschen."

"Massenverträgliche Art des Homosexuell-Seins"

Männerküsse vor der Kamera: Die Resonanz darauf war auch bei Heterosexuellen meist positiv.

Iris Segundo sieht das ähnlich. Die lesbische Medienpädagogin arbeitet in Ulm und ist selbst im Filmgeschäft tätig. Alle Folgen der aktuellen Staffel hat sie gesehen. "Weil mich interessiert hat, wie über das schwule Paar berichtet wird", sagt sie. Bis zum Ende blieb sie aber zwiegespalten, was den Vorbildcharakter von RTL angeht. "Es ist gut, dass bei ‚Bauer sucht Frau‘ eine sehr massenverträgliche Art des Homosexuellseins dargestellt wird. Es gab richtig schöne Momente bei Philipp und Veit, man hat sie gerne angeschaut und die Zuschauer haben sie liebgewonnen. Durch ihren Auftritt haben sie auch denjenigen Berührungsängste genommen, die mit Homosexualität eigentlich nichts anfangen konnten."

Eine Sichtweise, die RTL gefallen würde. Auch in dem Beitrag im Lifestyle-Magazin "Extra" zeigt der Privatsender wie zum Beweis einen hetereosexuellen männlichen Zuschauer, der zugibt, dass das schwule Pärchen das Ästhetischste der Staffel sei - trotz zärtlicher Männerküsse vor der Kamera.

Toleranz-Grenzen bei RTL?

"Was aber definitiv fehlt, ist die Diversität des Schwul- und Lesbischseins", findet Medienpädagogin Iris Segundo. "Eine super 'Kampflesbe' oder ein so genannter behaarter schwuler ‚Bär‘ würde es sicherlich nicht in die RTL-Sendung schaffen." So weit gehe die Toleranz des Privatsenders nicht, vermutet die Medienpädagogin. Außerdem sei RTL fast schon zu behutsam mit dem Thema Homosexualität umgegangen. "Bei anderen Pärchen wurde angedeutet, dass sie in einem Bett schlafen oder Geschlechtsverkehr hatten. Bei Philipp und Veit wurde das Thema ausgelassen. Solche Unterschiede müssen nicht sein. Man darf dem Publikum ruhig mehr zutrauen." Dennoch - und das betont Segundo: Schwulsein, das sei im TV noch lange nicht normal. Und Lesbischsein (das zeigt eine Studie der Münchener Journalistin Elke Amberg) erst recht nicht.

RTL hat mit dem Auftritt von Philipp und Veit bei "Bauer sucht Frau" ein schwules Pärchen in die Normalität gerückt - zugunsten der Einschaltquoten und auf Kosten der anderen Landwirte. Ein erster Schritt, aber sicherlich nicht der beste.

Text: Sophie Mono
Fotos und Töne: RTL

Veröffentlicht: 28.12.2011
1 Kommentar
answer #1) Janine homepage - 17.03.2012 - 16:09

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