Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Schlamperei im Online-Journalismus

Einen Redaktionsschluss gibt es im Online-Journalismus nicht. Redaktionen können rund um die Uhr veröffentlichen. Doch aus dem Können ist ein Müssen geworden. Bei vielen Online-Zeitungen führt das zu Qualitätseinbußen, meint ZEIT.de-Chefredakteur Gero von Randow.

Gero von Randow schmäht "Content-Umwälzungen".

Dortmund. Durch die hohe Konkurrenz im Netz sei der Aktualitätsdruck bei Online-Medien, vor allem in den Nachrichtenredaktionen, sehr hoch, sagt von Randow. Oft gehe es nur um Sekunden. Aus der Möglichkeit, ständig publizieren zu können, werde der Zwang, ständig veröffentlichen zu müssen. Das wiederum führe zu einer "gnadenlosen Schlamperei", kritisiert der ZEIT online-Chef. Eine fast blinde Übernahme von Agenturmeldungen und "Content-Umwälzungen", die als eigene journalistische Produkte verkauft werden, sei die Folge. Bei seinem Vortrag an der TU Dortmund machte von Randow auf ungewöhnlich deutliche Parallelen bei Artikeln von spiegel.de, welt.de und der wienerzeitung.at aufmerksam. Auch Medien-Blogger Stefan Niggemeier beklagte im vergangenen Jahr, dass immer weniger Inhalte im Online-Journalismus auf redaktionelles Material zurückgingen.

Klicks sind nicht alles

Sorgfältig recherchierte Beiträge lohnten sich trotzdem, behauptet von Randow. ZEIT online liegt bei den Seitenaufrufen pro Monat mit 35 Millionen zwar deutlich hinter den Marktführern Bild.de und Spiegel Online mit rund 470 Mio. bzw 400 Millionen. Doch im Hinblick auf die für von Randow wichtige monatliche Verweildauer liegt der Internet-Auftritt der Zeit auf Platz drei - deutlich vor Focus.de, Stern.de und FAZ.net.

Gero von Randow über die Verzerrung von Klick-Statistiken

Leser kontrollieren Journalisten

Gero von Randow

Gero von Randow ist Journalist und Buchautor. Seit 1992 arbeitet er für DIE ZEIT, seit 2005 ist er Chefredakteur von ZEIT online. Von 2001 bis 2003 baute er für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung als Ressortleiter das Wissenschaftsressort auf. Ab März 2008 wird er für DIE ZEIT und ZEIT online als Reporter für Politik und Wissenschaft im Pariser Redaktionsbüro arbeiten.

Die Tatsache, dass "Schlampereien" im Internet-Journalismus aufgedeckt würden, ist für von Randow der große Vorteil des World Wide Webs. Er nennt es gar das "nachhaltigste Medium überhaupt". So sieht von Randow die Kommentarfunktion als eine der wichtigsten Funktionen im Netz. Wer einen Fehler mache, werde von seinen Lesern darauf aufmerksam gemacht - irgendeiner wisse es immer besser. Viele Journalisten fühlten sich dadurch auf den Schlips getreten, doch gerade in dieser Form der Kommunikation auf Augenhöhe sieht von Randow einen großen Vorteil des Mediums. Neben der steigenden Multimedialität sieht er speziell in diesem Austausch mit den Nutzern/Lesern die Zukunft des Online-Journalismus:

Gero von Randow: Die Zukunft des Online-Journalismus

Trend zur Boulevardisierung

Momentan stehe für viele Werbungtreibende die Anzahl der Klicks im Vordergrund. Das führt laut von Randow zu "journalistisch wertlosen Produkten" wie unkommentierten Bildergalerien. Auch im Printbereich renommierte Zeitungen wie etwa die Süddeutsche Zeitung neigen im Internet dazu, Boulevardthemen aufzugreifen und locken häufig mit leicht bekleideten Frauen - so etwa die Bildergalerie "Spielerfrauen – der süße Tod des Fußballs". Beim Online-Ableger der Welt und selbst bei Spiegel Online sieht es nicht viel anders aus. ZEIT online will diesem Trend nicht folgen. Man versuche, die Website zu sein, bei der man "sehr schnell fundierte Argumentationen und Hintergrundinformationen bekommt", erklärt von Randow.

Artikel lassen sich im Internet nicht verkaufen

Gero von Randow: Werbung als einziges Erlösmodell.

Alle großen deutschen Zeitungen stellen ihre Inhalte auf den entsprechenden Online-Plattformen frei zur Verfügung. Selbst das Wallstreet Journal, das lange Zeit als Bastion des bezahlten Inhalts galt, beabsichtigt langfristig seine Artikel kostenlos anzubieten. "Journalistische Inhalte lassen sich im Netz nicht verkaufen", sagt von Randow. Der Chefredakteur von ZEIT online sieht deshalb nur eine Möglichkeit der Finanzierung: Werbung. Zwar fühle auch er sich in seinem Lesevergnügen durch Pop-Up-Werbung gestört, doch gebe es im Netz zu viele kostenlose Inhalte, als dass ein einzelnes Medium journalistische Inhalte verkaufen könne. Trotz der finanziellen Abhängigkeit zu den Werbungtreibenden bestehe keine Einflussnahme auf die redaktionelle Arbeit, meint von Randow.

Warum Werbungtreibende im Allgemeinen kein Interesse haben journalistische Inhalte zu beeinflussen

Doch auch bei der ZEIT ist keine völlige Unabhängigkeit von der Hörigkeit nach Klickzahlen zu sehen. Von Randow gesteht ein, dass man sich bei ZEIT online nicht auf rein journalistische Inhalte beschränkt. Denn neben den fundiert-recherchierten Beiträgen gibt es auch bei der ZEIT ein schnödes Memory.

Text: Axel Kopp, Fotos: Axel Kopp

[Artikel Drucken]Veröffentlicht: 25.01.2008
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