Schatz der Mönche - Teil 4
Der Blick von oben ist überwältigend. Es existiert nichts, nur Wind, Steppe und weiße Hügel, die manchmal noch etwas Grün aufweisen. Müde lassen wir uns auf das Gras fallen, doch es ist unbequem zu sitzen: Vertrocknete Pflanzen stechen. Sie sind gewohnt, ganz alleine für sich zu sein. Es scheint, eine andere Welt zu sein. Die Welt, die weit entfernt ist und trotzdem sehr nah. Kilometerweise erstreckt sich die Steppe, so weit der Blick reicht. Hier ist alles geblieben, wie es schon vor hunderten Jahren war. Die Zeit scheint zu stehen. Wir sind nicht vor der Zivilisation geflüchtet, aber vor der Zeit. Hier hat sie keine Bedeutung. Wie lange stehen wir hier? Eine Minute? Stunde? In der Steppe, in der es kein Ich mehr gibt. Ich bin ein Teil der Steppe, genauso wie ein Blümchen, das sich durch die vertrocknete Erde ans Licht kämpft.
Der Wind nimmt zu und wir müssen aufpassen, um nicht vom Winde verweht zu werden. Mein Knie blutet. Ist es vom Klettern oder vom Gras? Doch der Wind heilt auch das. Wenn nicht, bietet sich die Wasserquelle im Kloster an. Dort kann alles heilen, hatte doch Serafimowna erzählt. In einem kleinen hölzernen Häuschen kann der Besucher ins Wasser eintauchen. Viele Pilger kommen eigens deswegen hierher. Gesagt getan. So sind wir wieder auf dem Gelände des Klosters.
Das Holzhaus ist besetzt. Wir müssen noch ein wenig warten, bis wir dran sind. Ich nehme auf einer hölzernen Bank Platz. Zuerst sind die Männer dran, dann Tatjana und ich. Wirklich Lust dazu verspüre ich merkwürdiger Weise nicht. "Das ist doch Deine einzige Chance", versucht Tatjana mich zu überreden, indem ich versuche, immer wieder neue Ausreden zu finden. Plötzlich quietscht die Eingangstür und ein junger Mann mit nacktem Oberkörper kommt heraus. Auf seinem Rücken sind viele Unreinheiten zu sehen, die er wahrscheinlich hier heilen will. Nach diesem Anblick…
…Ja, es stimmt, dass Wasser unten ist heilig… Aber wenn jeder im Minutentakt eintaucht… Und wenn… und aber… ja, ja, viele kommen extra hierhin… nein, es ist unhygienisch…nein, ich will nicht, nackt dort baden…auch die Hände nicht… oder verpasse ich was… sind alle Krankheiten nicht… die blutende Knie… Tatjana wird sauer sein… oh ist ja heiß hier… aber ich kann ja später im Steppenfluss baden, wenn schon. Na und, dass da Schildkröten sitzen und Lilien blüten… ist mir doch egal… doch hier nicht... und meine Knie blutet nicht mehr, … also ist es ja nicht nötig… was hatte der Mann da auf seinem Rücken… sieht doch schlimm aus… und wenn es ansteckend ist?... was soll mein Skepsis? Das Wasser ist doch heilig…
Auch dort kein Schatz
"Du bist dran!", höre ich plötzlich, Walerij und Wladimir sind bereits draußen und sehen nicht besonders begeistert aus. Tatjana, bekreuzt sich drei Mal vor dem Eingang und mit weichen Knien gehe ich ihr hinterher. Im Vorzimmer zieht sie sich aus. Ich stehe wie angewurzelt, wie ein hölzerner Klotz, da. Die Entscheidung ist getroffen: Ich geh nicht rein. Neugierig bin ich trotzdem. Vier Stufen führen nach unten. Eigentlich sollten diese Treppen nicht zu sehen sein, sie müssen mit Wasser bedeckt sein. Doch dann passiert ein Wunder, Tatjana will doch nicht rein. Ich schaue auch tief nach unten. Dort ist das Wasser zu sehen. Klar ist es nicht. Die wochenlange Hitze hat alles ausgetrocknet, nur eine kleine matschige Pfütze ist zu erkennen. Kein Schatz. Dann eben nicht. Traurig, dass wir dort nicht baden können, bin ich nicht.
Wir verabschieden uns vom Vater Alexander. Ich bemerke ein Handy in seiner Hand. Merkwürdig. Die Zivilisation hat auch ihn eingeholt. Er muss etwas mit dem Abt klären. Morgen kann ich auch mit ihm reden. Nicht per Handy. So.
Schon sitzen wir wieder im Auto. Nun geht es zurück. Hundert Jahre alte Eiche, Kalkberge, Fluss, in dem wir kurz baden können. Als ich den Frosch sehe, ist auch dort Schluss mit der Lust zu baden. Wenigstens für mich. Ein Kosakenmuseum. Honigmelonen an Feldern. Zurück in die Zivilisation. Mit zwei Honigmelonen auf den Knien. Niemand spricht. Ich denke weiter an das Kloster. Es gibt noch viel zu restaurieren und wiederaufzubauen im Kloster. Dafür war Wladimir heute dort. Bald fängt seine Firma mit dem Bau eines Klosterturms an. Auch er weiß nicht, was für ein Schatz im Kloster zu entdecken ist. Vielleicht findet er ihn?
Wer weiß...
Vater Elissej schmunzelt, als ich ihn am nächsten Morgen in einer Wolgograder Kirche nach dem Schatz seines Klosters frage. "Jedes Kloster hat ja eine Legende, sei es ein Geheimgang oder ein Schatz." Er versucht alles rational aufzunehmen. Nach der Messe in der Kirche wirkt er ein bisschen müde. Ich wiederhole meine Frage. An den Schatz glaube er selber nicht. Genauso nicht den Worten der Führerin durch das Felsenkloster. "Haben Sie es wirklich geglaubt, dass die Gänge eine Länge von etwa dreihundert Kilometer haben?", fragt er. In diesem Punkt hat sie wahrscheinlich ein wenig übertrieben. Ich bin enttäuscht. Ratlos schaue ich in seine Augen. Serafimowna hat es doch gesagt! Kein Schatz also. Doch dann spricht Vater Elissej weiter.
"Doch wer weiß, was sich unter all diesen Bergen versteckt. Für mich gibt es nur einen Schatz…", sagt er und betrachtet Menschen, die aus der Kirche rausgehen. Ich betrachte sie auch eine Weile. Und begreife es. Der Schatz. "Das ist das geistige Leben, das Ideelle und die Menschen selbst… Das wurde hier Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zerstört", sagt er, setzt sich ins Auto und fährt los. Durch die Steppe und die Zeit. Ins Kloster.
Text: Aleksandra Ilina; Fotos: Aleksandra Ilina




