Schatz der Mönche / Reportage aus Erinnerungen und Tagebüchern. Teil 1
Durch die Steppe mit dem Auto. Die Idee schien verlockend zu sein. Wir - Wladimir, Tatjana, Walerij und ich starten und trotzen der Hitze. Unsere kleine Reisegruppe hat noch Glück: 35 Grad im Schatten und nicht 40. Von Wolgograd aus fahren wir in Richtung Saratow, in ein Dorf namens Olchovka. Es sind mehr als 100 Kilometer, die wir zurücklegen werden. Wir flüchten aus der Zivilisation. Hinter uns bleiben die schmutzige Stadt mit ihrer Hektik, die 70-stündige Zugfahrt Berlin-Smolensk-Sankt-Petersburg-Moskau-Wolgograd, das Volontariat, Arbeitsstress – all die Sorgen, die an diesem Tag nicht mehr relevant sind. Es ist Sommer, August 2007 und wir fahren einfach weg. Weit weg. Richtung Glauben.
Weit in der Steppe soll ein Kloster verborgen sein. Das Wort "verborgen" ist genau richtig, denn der Zugang zum Belogorskij-Kamenobrodskij Kloster war früher im Berg versteckt. Die Straße, auf der wir durch die Steppe flitzen, hat lediglich zwei Spuren, so dass die Fahrerin beim Überholen den Weg für den Gegenverkehr benutzen muss. Ein Spiel für die Nerven. Doch Tatiana schafft es immer wunderbar auf unsere Spur zurück, bevor es allzu eng wird. Sie hat alles im Griff. Sich anzuschnallen ist in Russland nicht üblich und gilt als Beleidigung für den Fahrer. Man traue ihm nicht zu, dass er gut und sicher fahren könne. Doch so oder so, greift die Hand nach dem Sicherheitsgurt. Wenn Tatiana beleidigt ist…Na und? Der Mann auf dem Beifahrersitz macht das Radio lauter: Der Warnton, der unbedingt möchte, dass die Gäste angeschnallt sind, nervt doch auf die Dauer.
Der Honig-Erlöser
Links ist eine Kirche zu sehen. Sie ist vor kurzem entstanden und glänzt so als habe die Sonne in ihren Kuppeln ein Spiegel ganz alleine für sich gefunden. Sie ist nicht die erste Kirche, die die Baufirma "Privolzhtransstroj" in dieser Zeit gebaut oder restauriert hat. Wladimir ist Leiter der Firma und möchte, auch an dem weit entfernten Kloster in der Steppe einen Kirchturm errichten. Der gebürtige Wolgograder kennt sich im Thema aus und die Umgebung ist ihm bekannt. Sein Wissen sprudelt nur so aus ihm heraus. Und wir haben dafür Zeit.
"Als wir klein waren, liefen wir in diesen Steppen-Feldern herum", erzählt er und schaut durch das Fenster. An dem Seitenfenster sausen zahlreiche Felder vorbei, die ineinander übergehen. Gelb und vertrocknet. Zwei Monate gab es in dieser Gegend keinen Regen mehr. Einige Felder enthalten angeblich noch Minen aus dem zweiten Weltkrieg und der Zutritt ist verboten. Früher war es ein großer Anreiz für die Jungen dort zu spielen. "Aber das war vor vierzig Jahren", erinnert sich Wladimir an seine Kindheit.
Ab und zu sind kleine und größere Stände mit Honig aus verschiedenen Steppenkräutern zu sehen. Doch wir machen keinen Halt und kaufen nichts. Den Honig können wir später im Kloster bekommen. Und er wird gesegnet sein. Der Tag passt wunderbar dazu: Honig-Erlöser… "An diesem Tag (der 14. August) hat Russland vor vielen Jahrhunderten, genauer gesagt im Jahre 988, das Christentum angenommen", erzählt Wladimir, Knjas (Fürst) Wladimir, der Herrscher der Kiewer Rus, sei es gewesen. Sein Namensverwandter.
Spuren der Geschichte
Ein Stück weiter beherrscht Zar Peter der Große das Gespräch. Er wollte hier einen Kanal errichten, um Wolga und Don miteinander noch im 18. Jahrhundert zu verbinden. Den Kanal, allerdings ohne Wasser, kann man heute noch sehen. Die Berechnungen des Bauplaners stimmten nicht, worauf hin er sich dann erhängt habe. Es sei ein Deutscher gewesen. Doch später stellte es heraus, dass die Berechnungen doch richtig waren und der Misserfolg andere Ursachen hatte. "Auf dem Rückwege können wir es uns genauer anschauen", verspricht Wladimir. Irgendwo hier soll auch eine steinerne Furt gewesen sein, die die Mongolen und Tataren, als sie hier waren, errichteten. Die Steppe hält viele Spuren der Geschichte begraben.
Es ist heißer geworden. Die glühende Hitze ist zum Verrücktwerden. Die Hügel, die aus dem Fenster zu sehen sind, sind mit…Schnee bedeckt. Ein Traum? Halluzinazion? Sonnenschlag? Müssen wir unverzüglich zurück in die Zivilisation fahren? Aber nein, alle sind gesund und es gibt eine vernünftige Erklärung, warum in der Steppe bei 40 Grad scheinbar Schnee zu sehen ist. Es sind Kalkablagerungen. Mit anderen Worten: einfach Kreide. Je näher wir weiterkommen, desto deutlicher ist das Weiße von dem grauen Wermut, der überall wächst, zu unterscheiden.
Berg mit Hörnchen
Die grüne Farbe ist längst tot hier. Doch vereinzelt mischen sich schwarze Farbtupfer in die grau-weiße Palette der Natur. Wilde schwarze Ziegen sind auf der Suche nach Schatten auf einen Berg geklettert und betrachten die unerwarteten Gäste. Lässig und entspannt. Eine davon ist ganz oben und ihre Hörnchen krönen den Berg.
Wir sind nun bald an Ort und Stelle. Davon zeugen zahlreiche Eichen, die in der Nähe des Klosters wachsen. Hunderte Jahre lang begrüßen sie die Pilger und Wanderer, die an ihre Zweige kleine Bändchen befestigen. Wir haben keine Bändchen mit und können den riesigen Eichen keine Wünsche anvertrauen. Oder sind diese Bändchen für etwas anderes gedacht? Dass sie nichts mit dem Christentum haben, ahnen wir. Zu viert schaffen wir es nicht, den Eichestamm umzufassen. Respekt.
(Fortsetzung folgt)
Text und Bilder: Aleksandra Ilina










