Rheinpreußen - damals und heute
Von Ulrike Sommerfeld
Betritt man den "Eingang" zur Rheinpreußensiedlung hat das, was man sieht, nicht viel mit dem gemeinsam, was man von Wohnvierteln im Ruhrgebiet üblicherweise kennt. Es ist, als betrete man eine andere Welt.
Jedes Haus gleicht dem Anderen. Kleine, niedliche Vorgärten prägen das Bild. Es ist sauber und ruhig. "Hier, guck mal, dieses Haus habe ich damals mit anderen besetzt", sagt Frank Baier und zeigt auf ein Eckhaus. "Und hier, hier war mal ein kleiner Milchladen. Heute ist es unser Gemeinschaftshaus." Die Rheinpreußensiedlung in Duisburg-Homberg hat eine lange Geschichte. Und eine beeindruckende zugleich.
Ein neues zu Hause
Die ersten Häuser der Siedlung wurden 1889 für die Arbeiter der Schachtanlage "Rheinpreußen" gebaut. Mit dem Kohleboom wurden schließlich zunehmend Arbeitskräfte gebraucht. "Die Spanier waren zuerst hier. Danach kamen die Italiener", erzählt der Liedermacher. Die Zechenkolonie wuchs stetig bis auf 1800 Wohnungen. Nur wer in in der Zeche arbeitete, durfte mit seiner Familie in einer der Wohnungen leben. Wurde man entlassen, musste man sofort das Haus verlassen. Die Arbeiter waren demnach angehalten, sich nicht politisch oder gewerkschaftlich zu engagieren oder organisieren.
Als dann in den 60er Jahren das große Zechensterben begann, stand auch die Schachtanlage "Rheinpreußen" vor dem Aus. Der Bauspekulant Kun kaufte schließlich die Siedlung auf. Rund 1200 Wohnungen wurden daraufhin abgerissen und durch 20-Geschossige Hochhäuser ersetzt. 1973 ging Kun pleite. Niemand wollte sein Wohnkonzept übernehmen. Und so beschloss die BHF-Bank den Bau von Bungalows, indem dann Besserverdienende wohnen sollten.
"Nicht mit uns", sagten die Siedlungsbewohner 1975 und gründeten eine Bürgerinitiative. Den Abriss ihrer Häuser wollten sie so verhindern, koste es, was es wolle. Sie organisierten Demonstrationen, Mahnwachen, Wohnungsbesetzungen und Hungerstreiks. Frontfrau beim Kampf um die Rheinpreußensiedlung war die Bergarbeiterwitwe Margret Jakopitsch. Sie setzte sich mit anderen Mietern bei einer Blockade in die Schaufel eines Abrissbaggers.
Wo ein Wille ist...
Mittendrin war stets Frank Baier. Zu seinem Geburtstag lud er zu einer etwas anderen Art von Geburtstagsfeier seine Freunde aus der Liedermacher-Szene, Bekannte sowie Stahl- und Streikkollegen ein. Über 300 Menschen versammelten sich vor dem Rathaus. Und das alles aus purer Solidarität den Siedlungsbewohnern gegenüber.
1979 kaufte die Stadt Duisburg schließlich die Wohnungen auf. Fünf Jahre später gründeten die Bewohner die "Wohnungsgenossenschaft Rheinpreußensiedlung e. G.", die sie bis heute selbst verwalten. "Wer hier einzieht, hat Mietrecht auf Lebenszeit", sagt Frank Baier, der selbst in einem der Häuser lebt. Stirbt ein Mieter, so wird das Mietrecht auf den Erben übertragen.
"Heute", so der 66-Jährige, "sind die Nachbarschaftsbeziehungen nicht mehr so wie damals". Eine neue Generation ist herangewachsen. Eine Generation, die mit der von damals nicht mehr viel gemeinsam hat. "Die Menschen kümmern sich nicht mehr so wie früher umeinander, was sehr schade ist", sagt der Musiker. Jeder macht eben seins, das ist der Spiegel der Gesellschaft von heute.



